von Nora Frei
am 21. August 2015
ungefähr 4 Minuten
Themen: Ausstellung , Erasmus , Erfahrungen

Als der Nationalsozialismus versuchte linke Stimmen zum Schweigen zu bringen

Nora Frei hat im Sommer zwei Wochen lang mit dem Erasmus+ staff mobility-Programm die Abteilung Öffentlichkeitsarbeit der Universität Wien besucht, begleitet und unterstützt. (Sie hat darüber bereits gebloggt.) Während ihrer Zeit an der Uni Wien hat sie die Ausstellung Der Wiener Kreis – Exaktes Denken am Rand des Untergangs besucht und verrät, was sie überrascht hat und was sie besonders interessant fand…

Ende Juni habe ich zum ersten Mal die Uni Wien besucht. Was mir gleich auffiel: Eine kleine rote Tür links neben dem Haupteingang, davor ein paar hölzerne Treppenstufen. Das passte so gar nicht zum Rest der altehrwürdigen Gebäudefassade. Von außen konnte ich mir schlecht vorstellen, was mich innen erwarten würde. Als ich reinging, wurde ich ziemlich überrascht: dort ist eine riesige Ausstellung über den Wiener Kreis aufgebaut.

Wiener Kreis - Ausstellung
Wiener Kreis – Ausstellung

Der Wiener Kreis – das war ein Zirkel, zu dem Wissenschaftler aus ganz unterschiedlichen Fachrichtungen gehörten. Zwischen 1924 und 1936 haben sie sich regelmäßig zusammengesetzt, um über mathematische und naturwissenschaftliche Themen zu philosophieren und zu diskutieren. Einige Forschungsergebnisse habe ich schon in meinem Studium kennengelernt. Da war es sehr interessant zu erfahren, welche Personen und Gesichter hinter diesen Gedanken stecken.

Politisch gehörten die Denker zum linken Flügel. Ihre Ideen und Forschungen fielen auf, stachen heraus und regten zum Nachdenken an. Anders gesagt: Sie waren ihrer Zeit voraus und setzen sich gegen den Nationalsozialismus ein. 1933 luden sie zum Beispiel zu einer Veranstaltung ein, um gegen die Bücherverbrennung in Deutschland zu protestieren. Sie lasen aus „verbotenen Büchern“ vor und hörten „verbotene Musik“. In der Ausstellung hängt das Plakat, mit dem der Wiener Kreis damals zur Veranstaltung eingeladen hat. Alleine solche Stücke machen die Ausstellung schon sehenswert.

Hunderte Originaldokumente

 

Hunderte Originaldokumente hängen in der Ausstellung, von Plakaten über persönliche Briefe bis hin zu Dokumenten aus dem Archiv der Universität. Das ist es, was die Ausstellung so besonders macht. In zwei Filmräumen und auf TV-Screens entlang der Ausstellung kann man sich Dokumentationen ansehen, aber auch Interviews mit einzelnen Mitgliedern des Wiener Kreises.

 

 

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Ein Highlight: Die große Mediainstallation an einer runden Leinwand. Dort können BesucherInnen sich über alles informieren, was mit dem Wiener Kreis zu tun hat. Je nachdem, welchen Suchbegriff man eingibt, erscheinen an der 360-Grad-Wand unterschiedliche Bilder, Wikipedia-Artikel, Landkarten und Dokumente. Das ist eine tolle Art, interaktiv mehr über den Wiener Kreis zu erfahren.

 

Die Ideen des Wiener Kreises sind bis heute relevant

Die Forschungsergebnisse des Wiener Kreises erzeugten zwei gegenseitige Reaktionen. Da der Nationalsozialismus immer stärker wurde, wurde der Wiener Kreis verboten und Physiker und Mathematiker Ernst Mach musste fliehen. Moritz Schlick, einer der Gründer, wurde 1936 im Universitätsgebäude getötet, als er auf dem Weg zu seiner Vorlesung war. Am Ende der Ausstellung hängt ein bezeichnendes Zitat vom Philosophen Victor Kraft: „Die Arbeit des Wiener Kreises ist nicht abgeschlossen, sie ist abgebrochen worden.“

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WissenschafterInnen zum Beispiel aus Cambridge oder aus den USA waren dagegen begeistert von den Ideen des Wiener Kreises, nahmen die Gedanken auf, und verbreiteten sie weiter. Es ist ziemlich faszinierend zu sehen, dass ForscherInnen auf der ganzen Welt die Ideen bis heute weiter am Leben halten, obwohl es den Wiener Kreis seit fast 80 Jahren nicht mehr gibt.

Wer sich die Ausstellung im Rahmen des 650-Jahre-Jubiläums selbst anschauen möchte, kann noch bis zum 31. Oktober 2015 vorbeikommen. Führungen gibt es montags um 17 Uhr.

Führung mit persönlichen Einblicken

Uns hat Mag. Josef Pircher durch die Ausstellung geführt. Er ist seit 2010 Mitarbeiter am Institut Wiener Kreis (Uni Wien). Er betreut die Ausstellung und ist für die Führungen zuständig. Die Ausstellung findet er nicht nur besonders und sehenswert, sondern vor allem „wichtig, weil die Vertreibung an der Uni Wien vor großem Publikum thematisiert wird. Wenn auch erst 2015, wenigstens jetzt.“

 


Nora Frei


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