Auf dem Weg in die Hochgeschwindigkeits- Demokratie

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Kann es sich die Politik leisten, auch weiterhin den digitalen Umbruch nach Kräften zu ignorieren? Nein, findet Bundesratspräsident Dr. Gottfried Kneifel und ruft eine parlamentarische Enquete zum Thema „Digitaler Wandel und Politik“ ins Leben. Auf seine Einladung hin findet sich Univ.-Prof. Dr. Peter Reichl auf dem ungewohnten Terrain aktueller politischer Diskussion wieder, kann aber auf die Unterstützung durch seine Studierenden zählen. Aus Workshop, Seminar, Besuch und Gegenbesuch entwickelt sich ein lebhafter und nachhaltiger Dialog zwischen Informatikfor­schung und Politik – zwei nur scheinbar separaten Welten, die sich überraschend viel zu sagen haben, wenn es um die Zukunft unserer Gesellschaft geht.

 

Digitaler Wandel und Politik

Als Leiter der Forschungsgruppe „Cooperative Systems“ (COSY) bin ich gewohnt, mich in interdisziplinä­rem Umfeld zu bewegen: „Kooperation erforschen – Kooperationen leben“ ist schliesslich das Motto meiner Gruppe. Dennoch ist es für mich eine grosse Überraschung, im Sommer 2015 vom Bundesrats­präsidenten zur Teilnahme an einer Arbeitsgruppe eingeladen zu werden, wel­che sich mit den Konse­quenzen des digitalen Umbruchs für politische Arbeit ausein­andersetzen soll. Doch die wirkliche Über­raschung folgt erst noch: wo bleibt die Stimme der uni­versitären Infor­matik im Chor der versam­melten Politprofis? Und wer spricht insbesondere für diejenigen, um deren Zukunft es hier eigentlich geht? Wäre es nicht Aufgabe vor allem auch der Informatikstudierenden, sich bei dieser Gelegenheit mit den gesell­schaft­lichen Konsequenzen ihrer Disziplin auseinanderzu­set­zen? Vom Koordinator der Initiative, Andreas Kovar, ermutigt, schreibe ich die Thematik kurzerhand im Rahmen eines Seminars aus. Wie werden sich die neuen Möglichkeiten von e-Partizipa­tion und Industrie 4.0, aber auch aktuelle Entwicklungen in den Bereichen Netzneutra­lität, Daten­schutz und Privatsphäre auf politische Prozesse auswirken? Fragen, zu der die Informatik Ent­schei­dendes beizutragen hat – so denken auch die vier Teams hochmotivierter Studierender, die sich in weiterer Folge vertieft damit auseinander­setzen. Zu einem ersten Höhepunkt wird der ge­mein­same Besuch der Enquete am 18. November im Parlament, um an der Vorstellung und Dis­kus­sion des in­zwischen entstandenen Grünbuchs „Digitaler Wandel und Politik“ vor Ort teilzunehmen.

 

Offene Worte und blitzende Augen

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Besuch beim Bundesratspräsidenten, 19.11.2015

Damit nicht genug: schon für den nächsten Tag ist die gesamte Gruppe zu einem persönlichen Gespräch beim Bundesratspräsidenten eingeladen, um ihm in kleinem Rahmen die erarbeiteten Ergebnisse vorzustellen. Aus vorsichtig abtastendem Beginn entsteht schnell eine lebhafte Diskus­sion, bei der es an offenen Worten seitens der Studierenden nicht man­gelt. Vor allem aber fasziniert mich, wie binnen weniger Minuten ein erfahrener „Politikhaudegen“ seine in langen Sitzungs­stunden gestählte professio­nelle Fassade kurzerhand durchbricht, um sich blitzenden Auges den Argumenten der Studierenden zu stellen. Viel zu schnell fliegen die angesetzten 90 Minuten vorbei, kaum bleibt Zeit, auch nur die drängendsten offenen Fragen aufzugreifen. Am Ende des Gesprächs auf allen Seiten der klare Wunsch, diesen Dialog fortzusetzen.

 

Zum demokratischen Potential des Internet

Gegenbesuch von Dr. Kneifel bei der Forschungsgruppe COSY, 1.12.2015

Gegenbesuch von Dr. Kneifel bei der Forschungsgruppe COSY, 1.12.2015

Gesagt, getan: keine Woche vergeht, und der Termin für einen Gegenbesuch ist gefunden. Am 1. De­zem­ber kommt Dr. Kneifel in das Fakultätsgebäude der Informatik, um die Forschungs­gruppe COSY zu besuchen und die reichlich vorhandenen Anknüpfungspunkte weiter zu vertiefen. Schwerpunkt diesmal: e-Partizipation. Georges Jacoby, Pascal Gfäller und Sam Berck, drei Bachelor­studenten im 5. Semester Medieninformatik, haben zusammen mit dem COSY-Team ein erstes Kon­zept dazu erarbeitet, wie verbesserte Prozesse für politische Diskussion im Netz aussehen müssten, um so das – wie sie es formulieren – „demo­kra­ti­sche Potential des Internet“ auszuloten. In einer many-to-many-Kommunikationsstruktur komme es – so ein zentrales Ergebnis ihrer Analyse – auf die Einhaltung grundlegender Prinzipien wie Offenheit, Einfachheit, Nutzer­partizipation, Konsens­findung und nicht-hierarchischer Organisation an, um Input für bessere Entscheidungen liefern und zugleich die Einbindung der BürgerInnen in Gestaltungsaufgaben und Vorgehensfragen erhöhen zu können. Hier­für seien ausreichende Medienkompe­tenz der Bevölkerung und ein universeller Zugang zum In­ternet unabdingbare Voraussetzung. Darüber hinaus bedürfe es aber auch zuverlässiger tech­ni­scher Lösungen für einige grundlegende Probleme, insbesondere in Sachen Nutzeridentität, Au­then­tizität, Anonymisierung und Verschlüsselung. All dies schlussendlich integriert in eine einheitli­che Plattform, die auch dem heutigen Trend zu mobilen Endgeräten und sozialen Netzen Rechnung tragen müsse.

 

Quo vadis, digitale Welt

Das Zusam­mentreffen von informatischer Kompetenz, politischem Interesse und jugendlichem Enthusiasmus findet Widerhall, rasch ist man sich über die weitere Ausarbeitung im Rahmen von Bachelor­arbeiten einig. Ein darüber hinausgehendes gemeinsames Projekt wird angedacht, um einen dringend benötigten Schritt auf dem Weg zu der bevorstehenden „Hochge­schwin­dig­keits­politik“ zu liefern, welche Andreas Kovar bei der Enquete im Parlament eindrucksvoll beschrieben hat. Wissen­schaft und Politik – zwei Welten, die sich in dieser Frage auch inhaltlich weit mehr zu sagen haben als vorher erwar­tet. Endlich erhebt die universitäre Informatik ihre Stimme, um auf dem Gebiet ihrer ureigensten Kompetenz einen fundamentalen Beitrag zur Zukunft unserer Gesellschaft zu leisten. Jedoch: die Frage „Quo vadis, digitale Welt?“ geht natürlich weit über die Informatik hinaus – wohin uns der Diskurs mit angrenzenden Disziplinen da wohl führen wird? In Cambridge wurde hierzu vor kurzem ein eigenes Forschungszentrum (CSER – Centre for Study of Existential Risk) etabliert – wäre es bei uns vielleicht Zeit zur Gründung eines Analogons, Zeit für einen neuen „Wiener Kreis“?

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