Ein Studienjahr in Finnland – Mein Abenteuer im hohen Norden

Martin Brandl studiert Französisch und Geographie/Wirtschaftskunde Lehramt an der Uni Wien und hat seinen Campus Europae Aufenthalt im Studienjahr 14/15 in Finnland verbracht.

Als ich damals meinen Eltern erzählte, dass ich die Entscheidung getroffen hatte, zwei Semester lang in Finnland zu studieren, war deren Reaktion in etwa so:

Waas?! Du willst nach Finnland gehen?! Was willst du denn dort? Noch dazu im Winter!?

Berechtigte Fragen. Was will man denn dort? Schließlich studiert ja kaum jemand von uns Finno-Ugristik. Und wie kann man an einen Ort gehen, wo es im Winter draußen wochenlang -20 Grad hat und es noch dazu stockdunkel ist? Außerdem sind die Leute dort ja so zurückhaltend, oder? Bekomme ich gute Kurse auf Englisch oder muss ich dafür Finnisch können? Was bringt es mir überhaupt, in Finnland zu studieren? Warum nicht irgendwo weiter südlich?

All diese Fragen bekam ich vor meiner Abfahrt immer wieder zu hören. Und jetzt, ein paar Monate nach meinem Aufenthalt, kenne ich darauf endlich die Antworten und bin sehr froh, mir genau dieses Land ausgesucht zu haben.

Auslandssemester Finnland: Reden ist Silber, Schweigen ist Gold

Mein Abenteuer begann im Herbst 2014. Ich stieg aus dem Bus und machte meine ersten Schritte auf einer Bushaltestelle in Joensuu, einer kleinen Stadt (ca. 70.000 Einwohner) im Osten von Finnland. Dabei lernte ich auch gleich die erste Finnin meines Lebens kennen, meine Tutorin Miia, die dort schon auf mich gewartet hatte. Nach einer sehr finnischen Begrüßung (ohne Körperkontakt) und nach den ersten paar Sätzen merkte ich bereits: Die Finnen sind tatsächlich etwas zurückhaltend und ruhig! Sie machen nicht gerne den ersten Schritt und es dauert auch oft ein wenig, bis das Eis gebrochen ist. Das kann uns redselige Österreicher dann schon mal dazu bringen, falsche Schlussfolgerungen zu ziehen. Aber das liegt ganz einfach daran, dass man in Finnland in einem Gespräch eine höhere Toleranz für Schweigen hat als bei uns. Und das hat gar nichts mit Desinteresse oder gar Fremdenfeindlichkeit zu tun, sondern es ist einfach ein anderer Umgang miteinander.

: Meine finnischen Studienkollegen und ich wurden im Laufe des Jahres sehr gute Freunde.
Meine finnischen Studienkollegen und ich wurden im Laufe des Jahres sehr gute Freunde.

Ich habe mich damals sehr schnell daran gewöhnt und mich auch wohl dabei gefühlt, nicht immer Smalltalk führen zu müssen. Und manchmal muss man sich einfach einen Ruck geben und den ersten Schritt machen. Dann wird man die Finnen als unglaublich hilfsbereite und ehrliche Menschen kennen lernen, die einem helfen werden, wo sie nur können.

Eine besonders wirksame Art, um das Eis zu brechen, war für mich die finnische Sprache. Fragen wie „Was bedeutet das auf Finnisch?“ oder „Wie sage ich…?“ habe ich unzählige Male gestellt und fast immer wirkten meine Gesprächspartner froh und motiviert, mir etwas beibringen zu können. Deshalb rate ich all jenen, die einen längeren Aufenthalt in Finnland planen, sich mit der finnischen Sprache anzufreunden.

Finnischer Trinkspruch: Pohjanmaan kautta!

Ich sagte anfreunden! Man muss ja nicht gleich die komplexesten finnischen Sätze produzieren oder gar ganze Gespräche flüssig führen können! Um die Finnen zu beeindrucken reicht es, sich einfache Konstruktionen und Alltagsfloskeln zu merken. Ein simples „Moi! Mitä kuuluu?“ („Hallo! Wie gehts?“) oder ein wohlplatziertes „Minä tulen Itävallasta!“ („Ich komme aus Österreich!“) sollten für den Anfang reichen. Ach ja, und die Betonung liegt immer auf der ersten Silbe und die „uu“ bitte als langgezogenes „u“ aussprechen, wie in dem deutschen Wort „Ruhm“.

Für sprachbegeisterte Menschen, die sich für Grammatik interessieren und sie nicht nur für ein notwendiges Übel aus ihrer Schulzeit halten, liefert die finnische Sprache übrigens sehr viele hochinteressante Strukturen, die mich bis heute faszinieren. Darin zum Beispiel die Erkenntnis, dass Präpositionen, Artikel, Geschlechter, das Verb „haben“ und das Wort „bitte“ überbewertet werden und deshalb in der finnischen Sprache nicht existieren. Dafür haben sie 15 Fälle. Wie faszinierend!

Finnische Sprache – Moi! Mein Name ist Blatthügel und ich wohne in Flussmund!

Fasziniert war ich ebenfalls über die große Menge an schöner Natur, die uns in Joensuu zum Wandern, Laufen, Schwimmen oder einfach zum Entspannen zur Verfügung stand.

Allgemein ist das Land sehr flach und weitgehend mit Nadelwäldern überzogen. Es gibt nicht viele offene Flächen, dafür aber umso mehr Seen. Die Luft ist frisch und das Wasser hat überall Trinkqualität.

Die Finnen sind auch sehr naturbewusste Menschen. Das spiegelt sich zum Beispiel in deren Namen wieder. Etwa hieß eine finnische Freundin von mir „Lehtimäki“ mit Nachnamen. Das bedeutet

Meine finnischen Studienfreunde und ich sind hier auf einen Sprung in den Wald gefahren, um in einem riesengroßen Sumpf Cranberries zu sammeln.
Meine finnischen Studienfreunde und ich sind hier auf einen Sprung in den Wald gefahren, um in einem riesengroßen Sumpf Cranberries zu sammeln.

„Blatthügel“. Oder die Stadt „Joensuu“ bedeutet übersetzt „Flussmund“. Die finnischen Studentenverbände organisieren außerdem oft Events und Partys am Ufer des Sees oder fahren sogar zusammen in Nationalparks. Austauschstudenten sind dabei natürlich immer willkommen und ich empfehle wärmstens, bei solchen Ausflügen mitzufahren.

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Nicht zuletzt dank der 200.000 Seen kann die Landschaft in Finnland sehr malerisch sein.

Warum Finnland für mein Lehramt Studium eine gute Wahl war

Das Studium in Joensuu war angenehm und auch spannend. Die Uni-Gebäude sind ziemlich zentral gelegen, also mit dem Rad oder auch zu Fuß relativ gut erreichbar. Alles ist sehr modern, es gibt eine große Bibliothek mit genügend Computern und das Essen in der Mensa war gut und echt günstig. Um 2,50€ bekam man einen Hauptgang mit Getränk, Salat und Brot.

Mich überraschte es auch immer wieder, wie unkompliziert gewisse Arbeitsvorgänge dort waren. Zum Beispiel kann jeder Austauschstudent gratis 200 Seiten pro Semester drucken. Ohne Karte oder irgendwas, einfach so.

Die Professoren waren immer daran interessiert, dass wir Studenten auf Verständnis lernen und banden uns oft in den Unterricht mit ein. Sie waren interessiert an unserer Meinung und gaben uns fast immer die Zeit und die Möglichkeit unsere eigenen Ideen einzubringen. Viele der Lehrenden hatten auch keine fixen Sprechstunden, man konnte einfach zu ihnen ins Büro kommen, wann immer man etwas von ihnen brauchte.

Was das Angebot für internationale Studenten betrifft, es werden viele englischsprachige Kurse aus verschiedensten Studienrichtungen angeboten wie zum Beispiel: Pädagogik, Bildungswissenschaften, Fremdsprachenlehren, Psychologie, Philosophie, Theologie, Soziologie, Umweltpolitik, Geographie, Geschichte, Englisch, Forstwirtschaft, Biologie, Recht, Wirtschaftsrecht, Physik und Chemie.

Und wenn man mal als Student an dieser Universität zugelassen ist, kann man sich Kurse aus all diesen Bereichen heraussuchen. Ich war damals zum Beispiel als Lehramtsstudent am Institut für Geographie gemeldet, habe aber auch Kurse aus Psychologie, Recht und Biologie absolviert. Gerade für Lehramtsstudenten ist diese Universität super, weil es wirklich ein großes Angebot an pädagogischen Kursen gibt und ab dem zweiten Semester gibt es sogar ein Praxisseminar, in dem man 10 Stunden selber in einer finnischen Schule Englisch unterrichten kann. Das war echt eine großartige Erfahrung und hat mir auch einen guten Eindruck gegeben, wie finnische Schulen organisiert sind und wie dort unterrichtet wird.

Erasmus Trips – Lappland, St. Petersburg und Stockholm

Wer neben all dem Lernen und Studieren noch Zeit findet, sollte unbedingt die Erasmus-Reisen mitmachen. Es gibt pro Semester jeweils eine nach Stockholm, eine nach Lappland und eine nach St. Petersburg. Ich habe die letzten beiden gemacht und finde, dass es sich total ausgezahlt hat. Neben dem unglaublichen Spaß, den man mit den anderen Austauschstudenten haben wird, kann man dort auch aus vielen verschiedenen aufregenden Nebenaktivitäten wählen. Darunter zum Beispiel eine Fahrt mit einem Husky-Schlitten in einem verschneiten Wald in Lappland oder ein Ballettabend (Wir sahen damals das berühmte „Schwanensee“) im Hermitage Theatre in St. Petersburg.

Finnland im Vergleich zu Österreich – „Why is it so cold outside?“

So gut es mir in Finnland gefallen hat, eine Sache kann nur schwer schön geredet werden. Verglichen mit den Verhältnissen in Österreich, ist ein Winter in Joensuu schon etwas anderes. Besonders in den Monaten Dezember, Jänner und Februar kann es leider sehr kalt werden. Minus 30 Grad sind da keine Seltenheit. Aber wo ein Minus ist, da ist auch ein Plus! In den Wintermonaten gibt es garantiert Schnee, der See ist zugefroren (super zum Eislaufen oder Inselhüpfen!) und es herrscht Hochsaison für Aurora Borealis, die Nordlichter! Ein wahrhaft magisches Ereignis, das man in Joensuu sehr wahrscheinlich einmal miterleben wird, wenn man einen Winter dort verbringt.

Aurora Borealis! Die schwarzen Dinger am unteren Rand des Fotos sind meine Füße. Der Moment war so magisch, dass ich mich hinlegen musste.
Aurora Borealis! Die schwarzen Dinger am unteren Rand des Fotos sind meine Füße. Der Moment war so magisch, dass ich mich hinlegen musste.

Wem die Temperaturen dann doch etwas zu kalt werden und wer mit Wintersport und Nordlichtern nicht mehr getröstet werden kann, sollte in die Sauna gehen. Diese Tradition des Schwitzens ist in Finnland so verbreitet wie sonst nirgends und es gibt sie dort wirklich fast in jedem Haus. Es ist ein wirksames Mittel zum Stressabbau und eine lustige Gemeinschaftsaktivität, bei der man Leute kennenlernt. Nicht zuletzt, weil dabei alle nackt sind und dazu oft Bier getrunken wird. Eine besonders lustige Version der Sauna ist die, die mit Eislochschwimmen kombiniert wird. Man heizt sich zuerst drinnen auf und geht dann, wenn man mutig und verrückt genug ist, hinaus, um in das echt eiskalte Wasser des zugefrorenen Sees zu steigen. Wir Austauschstudenten haben das im Winter sicher ein oder zwei Mal pro Monat gemacht, weil wir so einen Spaß daran hatten.

Eislochschwimmen in Joensuu! Manchmal werden neue Austauschstudenten darin "getauft".
Eislochschwimmen in Joensuu! Manchmal werden neue Austauschstudenten darin „getauft“.

Abschied von Finnland – Moi moi, Suomi! („Tschüss, Finnland!“)

1Schweren Herzens realisierte ich Ende Mai 2015, dass mein Aufenthalt in Joensuu zu Ende ging. Die Zeit war wirklich extrem schnell vergangen. Finnland und seine Menschen mit ihrer einzigartigen Kultur waren mir sehr ans Herz gewachsen, sodass es mir wirklich schwer fiel, meinen neuen Freunden und Joensuu Adieu zu sagen.

Ich hoffe ich konnte mit diesem kurzen Beitrag all jene, die über ein Auslandsstudium nachdenken, für Finnland begeistern und beneide die, die diese Erfahrung noch vor sich haben. Viel Glück euch allen und genießt die Zeit!

 

Hier findet ihr weitere Infos zum Campus Europae Programm bzw. zum International Office der Universität Wien.



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1 Kommentar

  1. Bin gerade kurz davor an einem Erasmus-Projekt in Kuopio teilzunehmen und deswegen sehr froh über jegliche Form von Information über Finnland…wenn ich ehrlich zu mir selber bin, weiß ich selbst noch nicht hunderprozentig ob 9 Monate im „kalten Norden“ das richtige für mich sind, umso schöner und ermutigender ist es, positive Berichte über Aufenthalte in Finnland zu lesen :-) hoffe, ich habe auch so eine schöne Zeit wie du…

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