am 7. Juli 2016
ungefähr 6 Minuten
Themen: Gendergerechtigkeit , Gendern , Sprache , Studierende

Beim Sprechen und Schreiben handeln. Gendern – aber wie jetzt?

Barbara Schneider studiert die Masterstudien Theater-, Film- und Mediengeschichte und Deutsch als Fremd- und Zweitsprache an der Uni Wien. Sie berichtet hier über verschiedene Formen einer gendergerechten Sprache.

Im Rahmen der Lehrveranstaltung „UE Über Grenzen. Flucht, Migration, Theater“ werden wir – Lehrende, Wissenschaftler_innen, Künstler_innen/Aktionist_innen und Studierende der Theater-, Film- und Medienwissenschaft an der Uni Wien – im Herbst eine Publikation herausbringen. In dieser Lehrveranstaltung bekommen wir nicht nur ausführliche Rückmeldungen auf unsere eigenen Texte, sondern auch die Möglichkeit Essays von anderen Studierenden zu lektorieren und korrigieren. Das bedeutet eine intensive Auseinandersetzung mit dem Medium Text. Gleichzeitig bietet es die Chance, den eigenen Schreibstil weiterzuentwickeln und zu verbessern. Für mich ist es das erste Mal, dass ich an einer wissenschaftlichen Publikation mitarbeite und dabei miterleben kann, wie so etwas im Hintergrund abläuft und was es alles zu beachten gilt.

Relativ schnell wurde die Frage nach dem Gendern diskutiert. Wie gendert man „richtig“? Welche Variante schließt alle Personen mit ein und niemanden aus? Und welche Art des Genderns passt in den jeweiligen Text? In einer Publikation wie dieser, in der besonders darauf geachtet wird, keine (auch unbewusst) diskriminierenden oder herabwürdigenden Begriffe zu verwenden, spielt auch die Wahl der Gender-Form eine wichtige Rolle. Es sollen alle Personen sprachlich sichtbar gemacht und gleichwertig benannt werden.

gender2In meinen vorherigen wissenschaftlichen Arbeiten an der Uni habe ich das Gendern nicht immer einheitlich durchgezogen. Oft habe ich die Paarform verwendet (die Studentinnen und Studenten), das Binnen-I (die StudentInnen) oder den Schrägstrich (der/die Student/in), ohne viel darüber nachzudenken. Ich habe schnell gemerkt, dass eine intensivere Auseinandersetzung einen zum Nachdenken bringt: Wo möchte ich mich theoretisch verorten und wen möchte ich miteinbeziehen beziehungsweise sichtbar machen? So entsteht langsam ein Konzept, das das geschlechtergerechte Formulieren in den eigenen Texten erleichtert.

Beginnt man zu recherchieren, kommen plötzlich Gender-Alternativen zum Vorschein, die Möglichkeiten abseits einer binären Geschlechterstruktur bieten. Schon einmal von der x-Form oder dem dynamischen Unterstrich gehört? Ich bis vor kurzem jedenfalls nicht.

Einx Studierx schreibx einx Text

Professx Iann Hornscheidt beschäftigt sich in dem Buch „feministische w_orte“ unter anderem mit Formen, die nicht nur nur Frauen und Männer miteinbeziehen, sondern die Möglichkeit zur Dekonstruktion des Geschlechts bieten. Hornscheidt schlägt die  x-Form vor, eine Variante für eine geschlechtsneutrale Bezeichnung. Hierbei wird ein x an den Verbstamm oder an einen anderen Teil eines Wort angehängt, ausgesprochen wird es „iks“. Steht das x allein, kann es das Wort „man“ ersetzen.

Hornscheidt betont, dass diese Form nur ein Vorschlag und nicht dazu gedacht ist, überall und immer angewendet zu werden. Sie dient vielmehr als eine Ergänzung zu den bestehenden Formen und soll dazu anregen, einen kreativen Umgang mit Sprache zu schaffen und die eigene Sprachhandlung zu reflektieren. Vor allem Personen, die sich nicht als männlich oder weiblich verstehen und deshalb in den bestehenden Gender-Varianten nicht angesprochen fühlen, wird hier eine Möglichkeit geboten, sich sichtbar zu machen und kritisch zu verorten. „die x-form ist […] eine möglichkeit, kategorialgenderung sprachlich zu irritieren und eine kritik an kategorialgenderung sprachlich umzusetzen“[1], so Hornscheidt.

Dyn_amisch wande_rnder Gend_er Gap

Eine Alternative zu dem statischen Unterstrich, auch als Gender Gap bekannt (der_die Student_in) ist der dynamische Unterstrich, welcher an einer beliebigen Stelle eingefügt wird, zum Beispiel so: die_r Studenti_n. Im Gegensatz zum statischen Pendant fällt das Problem weg, dass die Teilung von männlicher und weiblicher Form durch den Unterstrich betont wird. „das wandern des unterstrichs durch ein wort macht deutlich, dass es nicht einen festen ort gibt, an dem ein bruch in zweigenderung stattfindet.“[2]

Die Sternchen-Form funktioniert ähnlich, das Sternchen wird dynamisch oder statisch an Wörter oder Wortstämme angehängt und lässt somit mehrere Bedeutungsmöglichkeiten offen, zum Beispiel: der*die student*in oder de*rdie studenti*n. Das Sternchen kann auch an Begriffe angehängt werden, zur Sichtbarmachung der Infragestellung eines hinter dem Begriff stehenden, konventionellen Konzepts, zum Beispiel: Demokratie* und Bildung*.

Mut zur sprachlichen Kreativität

Es gibt nicht die einzig richtige Gender-Form, das betont auch Hornscheidt immer wieder. Die vorgestellten Formen dienen dazu, selbst einmal darüber nachzudenken, was es für unterschiedliche Möglichkeiten gibt, mit Gendern und Sprache allgemein umzugehen. Ein Ausprobieren verschiedener Gender-Varianten fordert somit zur Reflexion auf und ermöglicht eine kreative Auseinandersetzung mit Sprache, die unsere festgefahrenen Denkweisen ein wenig aufrütteln kann.

Ich stoße allerdings auch immer wieder auf Argumente gegen das Gendern. Es sei überflüssig und störe den Lesefluss, zu kompliziert, zu irritierend. Aber wozu sollte auf dem generischen Maskulinum beharrt werden, wenn sich dabei andere Personen nicht angesprochen fühlen, nicht miteinbezogen werden, unsichtbar bleiben? Sprache befindet sich in ständiger Veränderung und das schon immer. Unser Wortschatz ändert sich laufend, Wörter, die bis vor ein paar Jahren nicht in unserem Sprachgebrauch waren, verwenden wir heutzutage ständig (ich denke hier zum Beispiel an englische Begriffe wie „Selfie“ oder „Hashtag“). Sprache bestimmt gleichzeitig die Vorstellungen und Werte unserer Gesellschaft mit. Dass Sprache die Macht hat, unser Denken und damit auch unser Verhalten zu beeinflussen, ist unumstritten. Dass es ein langandauernder Prozess sein wird, auf mehreren Ebenen in die sprachliche Unsichtbarmachung und Diskriminierung zu intervenieren, auch. Vorschläge wie die x-Form oder der dynamische Unterstrich bieten die Möglichkeit, sich sprachlich auszuprobieren. Und schaffen damit Platz für neue, geeignetere Varianten.

Die vielen wissenschaftlichen Arbeiten, die ich innerhalb meines Studiums bereits schreiben musste und voraussichtlich noch schreiben werde, bieten einen Raum für solche Sprachexperimente.

Wir haben uns übrigens in der Publikation im Endeffekt für den Gender Gap entschieden. Der Gender Gap macht auch die weibliche Form sichtbar und zugleich bietet er als „Gap“ einen Raum für Personen, die sich weder dem weiblichen noch dem männlichen Geschlecht zugehörig fühlen.

Weitere Alternativen sind zum Beispiel das Generische Femininum, die Neutralisierung und die yke/tryke-Form, die ich hier nicht ausführlicher beschrieben habe. Wer sich näher mit dem Thema beschäftigen möchte, hier gibt es ein paar…

Quellen und Links:

Hornscheidt, Lann: „feministische w_orte: ein lern-, denk- und handlungsbuch zu sprache und diskrminierung, gender studies und feministischer linguistik“, Frankfurt am Main: Brandes & Apsel 2012.

Leitfäden für einen geschlechtergerechten bzw. nicht-diskriminierenden Sprachgebrauch:

http://www.uni-klu.ac.at/gender/downloads/A3Folder_Geschlechtergerechter_Sprachgebrauch.pdf

https://www.bmbf.gv.at/ministerium/rs/formulieren_folder2012_7108.pdf?4e4zxz

http://www.bmwfw.gv.at/Presse/Archiv/Archiv2008/Documents/Leitfaden_nicht_diskr_Sprachgebrauch.pdf

Empirische Untersuchung zur Verwendung des generischen Maskulinums:

Heise, Elke: „Sind Frauen mitgemeint? Eine empirische Untersuchung zum Verständnis des generischen Maskulinums und seiner Alternativen“, Sprache und Kognition 2000/19, S. 3-13.

[1] Hornscheidt 2012, S. 295.

[2] Hornscheidt 2012, S. 303f.



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