Big City Life: Kröten in der Großstadt

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Christian Wappl ist Biologie-Student und untersuchte 2015 im Rahmen der Lehrveranstaltung „Populationsbiologie heimischer Amphibien“ mit anderen Studierenden die Population der Wechselkröten im Rudolf-Bednar-Park. Im Uni Wien Blog berichtet er vom Forschungsprojekt und warum die Öffentlichkeit mehr von den Wechselkröten wissen sollte.

Rudolf-Bednar-Park bei Nacht

Rudolf-Bednar-Park bei Nacht

Kröten sind anders. Im Gegensatz zu Hasen oder Eichhörnchen haben sie kein flauschiges Fell und putzige Knopfaugen und sind daher nach landläufiger Meinung keine Sympathieträger. Doch wer genauer hinsieht, wird feststellen, dass die kleinen Warzenträger ihren ganz eigenen Charme haben. Im zweiten Wiener Gemeindebezirk haben Wechselkröten (Bufotes viridis) einen unerwarteten Lebensraum erschlossen: den Rudolf-Bednar Park. Umgeben von Hochhäusern und Straßen gehen die Kröten ihren allabendlichen Geschäften nach. Auch auf dem nahegelegenen verwilderten Nordbahnhofgelände leben Kröten, aber da die einzigen dauerhaften Gewässer in der Umgebung die Wasserbecken im Park sind, konzentriert sich dort die Fortpflanzungsaktivität.

Erste Schritte

Rückenmuster verschiedener Wechselkröten

Rückenmuster verschiedener Wechselkröten

Obwohl die Wechselkröte in Wien als stark bedroht gilt und Bauarbeiten auf dem Nordbahnhofgelände möglicherweise das Landhabitat der Kröten gefährden, wurde die Population im Rudolf-Bednar-Park seit 2012 nicht wissenschaftlich untersucht. Wir, eine kleine Gruppe von Biologie-Studenten, machten uns dieses Jahr im Rahmen der Lehrveranstaltung „Populationsbiologie heimischer Amphibien“ unter der Leitung von Christoph Leeb und Max Ringler vom Department für Integrative Zoologie sowie Günter Gollmann vom Department für Theoretische Biologie daran, diesen Missstand zu beheben. Um einen Überblick über die Population zu erhalten, gingen wir mehrmals pro Woche abends auf Krötenfang. Alle gefangenen Tiere wurden vermessen, gewogen, fotografiert und wieder in die Freiheit entlassen.

Fotografiert deshalb, damit man sie beim nächsten Mal wiedererkennt. Praktischerweise hat nämlich jede Kröte ein einzigartiges Muster auf dem Rücken, welches ein einfaches Identifizieren ermöglicht. So konnten wir eine Datenbank der Kröten im Park erstellen, mit der wir die zukünftige Entwicklung der Population, aber auch der Individuen verfolgen können. Bisher ist nämlich unklar, ob die Population stabil ist oder zurückgeht.

 

Gefahren der Großstadt

Als Pionierart sind Wechselkröten extreme Lebensräume gewohnt, aber der Lebensraum Stadt hat im Vergleich zu natürlichen Gebieten doch einige Tücken und Eigenheiten.

Während unserer Arbeit haben wir zwar gelegentlich tote ausgewachsene Kröten gefunden, den größten Bedrohungen sind aber die Eier, Kaulquappen und jungen Kröten (so genannte Landgänger) ausgesetzt. Umhertollende Hunde zerstören die fragilen Laichschnüre und Kaulquappen werden von Kindern gefangen, zertrampelt oder als Mutprobe gegessen. Zahllose Landgänger vertrocknen auf dem glühend heißen Beton um die Becken oder fallen in eine der Regenrinnen im Park. Man sollte daher dringend darüber nachdenken, die Umgebung krötenfreundlicher zu gestalten.

Auch bei der Öffentlichkeitsarbeit besteht noch Nachholbedarf. Winzige, auf dem Boden neben den Becken angebrachte Schilder sind derzeit der einzige Hinweis auf die stark bedrohten Tiere. So ist es in Anbetracht dessen und der nachtaktiven Lebensweise der Kröten auch kein Wunder, dass der charakteristische Ruf oft der einzige Aspekt der Wechselkröte ist, mit dem die Anrainer vertraut sind. Wir wurden bei der Arbeit oft von Passanten angesprochen, und es stellte sich heraus, dass nur wenige wussten worum genau es sich bei den Tieren handelt, und dass sie bedroht sind. Das Feedback war jedoch durchwegs positiv, und es bleibt zu hoffen, dass die Stadt Wien eine größere Informationstafel aufstellt, damit den Kröten nicht aus Unwissenheit geschadet wird.

…und warum die Wechselkröten wichtig sind

Auf Biodiversität kann man kein Preisschild hängen, deswegen ist jede Art schützenswert. Es wäre natürlich möglich, die Kröten abzufangen und in eine ländlichere Gegend umzusiedeln. Dies funktioniert allerdings nicht immer, und außerdem führt dieser Ansatz langfristig zum Verschwinden der Natur aus der Großstadt.

Ohne die Wechselkröten wäre der Rudolf-Bednar-Park doch ein Stück weit ärmer. Das abendliche Konzert der Kröten sorgt für ein angenehmes Ambiente, und zudem erfüllen die Kröten eine wichtige Rolle im Ökosystem: sie ernähren sich von Insekten und kleine Schnecken. Diese können an den Pflanzen im Park und insbesondere in den nahegelegenen Gemüsegärten Schaden anrichten.

Wie jeder (mit)helfen kann?

Anrainer des Rudolf-Bednar-Parks würde ich bitten, ihre Kinder aufzuklären, dass es verboten ist, Kröten, Laich oder Kaulquappen einzufangen und zu entnehmen. BesucherInnen können helfen, indem sie einschreiten, wenn sie Kinder dabei beobachten. Hundebesitzer helfen den Kröten, indem sie ihre Hunde im April und Mai nicht in den Wasserbecken umhertollen lassen, da diese dabei die Laichschnüre der Kröten zerstören. Zudem bitte ich Auto- und Radfahrer in der Nähe des Parks, auf die Kröten Acht zu geben.

Hoffnungsschimmer

Allen Gefahren und Problemen zum Trotz es gibt Grund zur Hoffnung: im Rahmen unserer Arbeit fingen wir über 100 ausgewachsene Tiere und auch einige halbwüchsige Kröten vom letzten Jahr. Die Population ist damit mindestens doppelt so groß wie bisher vermutet, und es überleben zumindest ein paar Landgänger ihr erstes Jahr. Für eine aussagekräftige Berechnung der Populationsgröße reichen die Daten einer Saison allerdings noch nicht aus. Mittlerweile sind die Wechselkröten temperaturbedingt nicht mehr aktiv. Ein Bericht mit den erhobenen Daten und Verbesserungsvorschlägen wurde an die Wiener Umweltschutzabteilung (MA 22) geschickt. Sobald die Kröten im Frühling ihre Winterquartiere verlassen, wird die Überwachung der Population fortgesetzt. Denn nur so ist es möglich, den Zustand der Population und die Auswirkung der Bauarbeiten auf dem Nordbahnhofgelände zu erfassen.

Baustelle auf dem Nordbahnhofgelände

Baustelle auf dem Nordbahnhofgelände

 

Ich habe in meiner Studentenlaufbahn mit Tieren in Gefangenschaft, aber auch in der Natur in entlegenen Gebieten gearbeitet. Wilde Tiere mitten in der Großstadt zu untersuchen war für mich eine neue und sehr interessante Erfahrung. Die Wechselkröten haben es im Rudolf-Bednar-Park geschafft, sich mitten in der Betonwüste anzusiedeln. Ich würde es sehr schade finden, wenn sie von dort wieder verschwinden würden, und freue mich, dass ich einen Beitrag zur Überwachung und Erhaltung der Population leisten konnte.

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Kommentare

  1. | Peter Kumpfmüller

    Grüß Gott!
    Ich bin immer wieder im Erfahrungsaustausch mit dem Gärtner am Zentralfriedhof. Er hat mir berichtet dass sie Kröten im Teich fotografiert haben.
    Werden Wechselkröten sein. Interessiere mich auch für die Fotografietechnik und wär an einem Treff sehr interessiert.
    Angenehmen Tag!
    Peter Kumpfmüller 0680 312 7234

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  2. | Andreas

    Hallo! Tolle Arbeit, aber wie geht es jetzt weiter mit den Kröten…? Es gibt eine ausgearbeitete Expertise. Warum geschieht Nichts?! Wird gewartet, bis sich das Problem von selbst gelöst hat und die Kröten hier ausgestorben sind?! Vielleicht wäre die Umsetzung der Expertise eine gute Studienarbeit?

    LG Andreas.

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