Das Babel der Bibliothek am 17. Oktober 2014
ungefähr 6 Minuten
Themen: Auslandsaufenthalt , KWA , KWA-Stipendium , Recherche , Studierende

Das Babel der Bibliothek

Wenn ihr an der Universität Wien studiert und im Rahmen Eures Diplom-/Master-/Doktorats- oder PhD-Studiums einen wissenschaftlichen Auslandsaufenthalt plant, dann könnt ihr Euch auf das Kurzfristige Auslandsstipendien (KWA) der Universität Wien bewerben. So wie Konrad Krcal, Dissertant am Institut für Kunstgeschichte, der zur Recherche in der französischen Nationalbibliothek in Paris war. Er ließ dort, bedingt durch architektonische Eigenarten und wetterbedingt, seine Gedanken schweifen.

Wer zu französischer Druckgrafik des 17. Jahrhunderts dissertiert, wird viele Stunden mit Literatur- und Bildrecherchen in Pariser Bibliotheken und Sammlungen zubringen. Dass ich meine – im Rahmen des Doktoratsstudiums – erste Studienreise nach Paris ausgerechnet im August 2014 unternommen habe, ist den Schließzeiten meiner Arbeitgeberin, der Universitätsbibliothek Wien, geschuldet. Dass ich mir, schließlich, die Welt ausgehend von Bibliotheken erkläre und in diesem Text Zeugnis davon ablege, bitte ich zu entschuldigen.

Abbildung 1

In der abendländischen Architekturgeschichte gibt es eine Tendenz dazu, die Behauptung von Macht in Denkmalform von praktischen Funktionen, wie der einer Bibliothek, zu trennen. Arc de Triomphe und Eiffelturm sind zwei Pariser Beispiele für die glückliche Befolgung dieser Maxime. Das neue Gebäude der französischen Nationalbibliothek, Monument François Mitterands, scheitert dagegen grandios am Versuch die Trennung aufzuheben. Der verzweifelte Kampf um Belebung und Nutzung des Gebäudes – womit keinesfalls die bibliothekspraktischen Aspekte gemeint sind, die ganz reibungslos funktionieren – gibt dessen hohe Hallen, lange Korridore und überdimensionierte Treppenanlagen einer Lächerlichkeit preis, unter der alle Beteiligten leiden. Mein von Menschenhand geschaffener unmenschlicher Arbeitsplatz in Paris, wo die fantastischen Bestände in vier weithin sichtbaren Hochhäusern aus Glas gelagert werden, die Menschen aber in den Untergrund verbannt sind, erschien mir schon bei meiner ersten Studienreise nach Frankreich als seine eigene, bittere Ironisierung.

Abbildung 2

Vielleicht ist meine negative Einschätzung aber auch ein wenig durch das schlechte Wetter bedingt, das diesen August Paris beherrschte. Dafür können nun die Französinnen und Franzosen und ihre Präsidenten nur ganz mittelbar zur Verantwortung gezogen werden und wenn man den Klimawandel als Ursache des verregneten Sommers vermutet, weitet sich die behauptete kollektive Schuld auf große Teile der Menschheit aus. Vornehmlich solche Teile, die es sich z.B. leisten können Studienreisen nach Frankreich zu unternehmen und sich in Folge über ein wenig Nässe und schlechte, preisgekrönte Architektur beschweren. Als Klimaforscher könnte man mir Studienreise und die Denunziation falschen Wetters als Teil einer höheren Mission eventuell durchgehen lassen, aber sollten diese nicht die letzten kalbenden Gletscher besuchen und dem schmelzenden Grönlandeis nachgehen? Zum Glück – dazu werde ich eine Erklärung nachreichen – bin ich kein Vertreter dieser Profession sondern eben Kunsthistoriker und da hat es mit Paris als Ziel wohl seine Richtigkeit. Dies sogar in doppeltem Sinne, denn Frankreich weist nicht nur eine große Dichte an bedeutenden Kunstwerken auf, sondern zeichnet sich meiner Wahrnehmung nach auch durch ein gesteigertes politisches Repräsentationsbedürfnis und historisches (Selbst-)Bewusstsein aus. Diese zwei Faktoren sind eng verbunden und könnten mich in einer architekturhistorischen und repräsentationstheoretischen Digression geradewegs zurück zur Bibliothèque François Mitterand führen. Fürs erste geht es mir aber um etwas Allgemeineres. Was in Österreich und vielen anderen europäischen Ländern entweder weitgehend gestrichen oder von Event-ManagerInnen und PR-BeraterInnen übernommen wurde, erledigen dort nicht zuletzt Vertreterinnen und Vertreter meiner und verwandter Zünfte: die historische, philosophische, performative, poetische Legitimation der staatlichen Macht und ihrer Aspiranten. Wenn man mit diesem Bewusstsein als Zunftvertreter in den unterirdischen Lesesälen friert, in einem der Palais Kardinal Mazarins, dem alten Gebäude der Nationalbibliothek, umherirrt, am Collège des Quatre Nations, Sitz der Académie Française entlang spaziert oder das Centre Georges Pompidou besucht, spürt man die Reziprozität besagter Protagonisten geradezu am eigenen Leib und kann sich ein wenig wertgeschätzter als andernorts auf der Welt fühlen – vom Blick in die Geschichte, insbesondere die Herrschaft Ludwigs XIV. und das Kaisertum Napoleons ganz zu schweigen. Die Klimaforscherinnen und -forscher, denke ich mir dann, werden zwar von den Medien hofiert, allen anderen überbringen sie aber äußerst schlechte Nachrichten, den Repräsentationsbedürftigen sogar in mehrfacher Hinsicht und sind dabei genauso machtlos wie wir. Ja, vielleicht ist es am Ende der Sinn für die Schönheit, für das rechte Maß, also nicht zuletzt meine Domäne, der den kollektiven und politischen Motor zur positiven Veränderung der Welt in Gang bringen wird. Tagträume in Pariser Bibliotheken – es gibt da auch besonders schöne Säle, wie etwa die Salle Labrouste oder den berühmten Lesesaal der Bibliothèque Sainte-Geneviève und zweifellos viele gelungene Neubauten, die ich noch nicht kenne – können sehr anregend sein. Nüchtern betrachtet, machte und macht keine der beiden Kulturnationen, in denen ich bisher als Kunsthistoriker tätig war, in dieser und anderer Hinsicht besonders gute Figur. Darum verzichte ich in diesem Text darauf, von der Großartigkeit der anderen Kultur, ihres literarischen, architektonischen, druckgrafischen, kulinarischen Erbes zu berichten. Nicht, dass ich es nicht liebte, aber es scheint mir einfach nicht der richtige Zeitpunkt für historische Selbstversicherungen zu sein; dabei fällt mir ein, dass sich der Direktor der Albertina Chevalier de l’Ordre des Arts et des Lettres nennen darf (oder muss?) und dass Jaques Chirac der wohl letzte französische Präsident war, der sich ein persönliches Monument, das Musée du Quai Branly, leisten konnte. Jedes Babel, jede Bibliothek, unabhängig davon, ob ich die Architektur als gelungen oder nicht erachte, versetzt mich in Staunen, in Bewunderung und kann mich zugleich ängstigen und erschüttern: als Symbol der Kreativität, der Kultur, der Bürokratie, des Strebens nach Wissen und Humanität, der Unterdrückung und Ausbeutung, des Fortschritts, des Niedergangs, der Übertreibung und vieles mehr.

Abbildung 3

Meinen einmonatigen Aufenthalt in Paris konnte ich zu einem bedeutenden Teil mit Hilfe eines KWA-Stipendiums der Universität Wien finanzieren, eine Möglichkeit, die ich allen Kolleginnen und Kollegen empfehlen möchte. Für diejenigen, die sich weder mit Symbolen, noch mit Stipendien trösten möchten, bleibt die Dekadenz; ein versöhnlicher Abschluss sozusagen.

Profilbild

Info: Kurzfristige Auslandsstipendien (KWA)

Wenn im Rahmen des Diplom-/Master-/Doktorats- oder PhD-Studiums  wissenschaftliche Arbeiten im Ausland (Laborarbeiten, Feldforschungen, Arbeiten in Archiven, Bibliotheken, wissenschaftlichen Sammlungen etc.) sowie fachspezifische Kurse im Ausland zum Erlernen wissenschaftlicher Methoden unbedingt erforderlich sind,  kann man sich um ein KWA-Stipendium bewerben.

Mindestens 2 Wochen, max. 3 Monate.

700 Euro pro Monat für DiplomandInnen/Master-Studierende,

900 Euro pro Monat für DissertantInnen/PhD-Studierende

Aktuelle Einreichfrist: 1. Februar

https://international.univie.ac.at/graduate-students/kurzfristige-auslandsstipendien-kwa/



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