Das Enzym: Ein Beziehungscamp von Jan-Luca Stampf
am 15. Januar 2015
ungefähr 3 Minuten
Themen: Beziehungscamp , Enzym , Jan-Luca Stampf , Stimmt die Chemie

Das Enzym: Ein Beziehungscamp

Jan-Luca Stampf ist neugieriger Chemistudent und bloggt in seiner Beitragsreihe „Stimmt die Chemie?“ über und aus seiner Chemie-Welt. In diesem Blogbeitrag wirds privat :)

Marie war meine Verlobte. Vor zwei Monaten hätte ich noch geschrieben, sie ist meine Verlobte. Aber ohne Vergangenheit hat die Gegenwart keine Zukunft. Bei einem unserer letzten Gespräche wollte ich Marie zumindest als Zeichen meiner Wertschätzung meinen Dank für die wundervolle Zeit ausdrücken. Als ich jedoch sagte, dass ich in unseren zwei Jahren viel von ihr gelernt habe, riss Marie ihre ohnedies großen, blauen Augen noch weiter auf und überfiel mich mit einem Schrei-, besser gesagt Fragenanfall: „Waaas? G e l e r n t hast du? Was denkt ihr Männer eigentlich von mir? Immer das gleiche – ihr kommt zu mir, LERNT von mir und geht dann zur nächsten Frau, um alles, was ihr bei mir g e l e r n t habt, bei der nächsten Tante besser zu machen? Mit der Neuen bleibt ihr dann sogar noch ewig zusammen. Und ich? Bin ich denn ein Beziehungscamp?“

Ich versuchte Marie zu beruhigen, wollte es auf die reine Chemie runterbrechen: „Babe, also nicht mehr Babe, aber Marie, du bist wie…ein Enzym! Ein Stoff, ohne den wir nicht leben können. Du nimmst eine Substanz auf, verformst und aktivierst sie, und lässt das Produkt dann wieder gehen.“
Ich nutzte ihre plötzliche Stille und fuhr fort: „Ethanol verwandelst du in Acetaldehyd, übrigens die Substanz, die für deinen heutigen Kater nach der Partynacht verantwortlich ist.“

bio_enzyme2

Marie beruhigte sich etwas. Anscheinend gefiel es ihr, mit dem Kernstoff des Lebens verglichen zu werden. Also setzte ich mit meiner analytischen Ausführung unbedacht und wie im Rausch fort:
„Dabei bleibt das Enzym immer an der gleichen Stelle und ändert nie seine Funktion. Das aus dem „Beziehungscamp“, also dem Enzym, entkommene Substrat dagegen geht als frisches, neu umgesetztes Produkt aus der Reaktion heraus, um sich nun seinen wichtigen Aufgaben mit anderen Molekülen zu widmen.“
Maries Augen verformten sich plötzlich zu hauchdünnen Schlitzen. „Ja? Ich bleibe immer an der gleichen Stelle? Weißt du was? Rein chemisch kannst du mich mal…Hau’ doch ab zu deinen anderen Molekülen!“
Die Tür knallte hinter mir zu. Ich war raus, ich das Produkt. Das Enzym Marie aber blieb einsam und beharrlich zurück, um auch in Zukunft Substanz nach Substanz umzuwandeln, damit die erstellten Moleküle in der weiten Welt ihr neues Glück finden können.
Aber, wo wären wir ohne Enzyme? Ohne die geht gar nichts. Ohne die würde das Schnitzel, so wie wir es in den Mund aufgenommen haben, auch unten wieder rauskommen. Ich denke, vielleicht hat jeder seine Aufgabe, trägt seinen Teil zur Entwicklung bei. Sonst würde die Welt still stehen.  Alles verständlich, aber im Herzen tat es verdammt weh ohne mein Babe.

Ich schrieb Marie noch am selben Abend eine Mail:

„Meine liebe Marie,

die gute Nachricht für Enzyme ist, dass der Umsetzungsprozess extrem verlangsamt werden kann. Man setze es in eine neue Umgebung, ändere die Flüssigkeit in der es schwimmt, vielleicht verringere man die Anzahl der Substrate und kühlt das Ganze dann auf -78°C ab. Dann kann so ein Wandel schon Jahrzehnte dauern. Alles ist Veränderung, immer gibt es einen Abschied, auch in der Liebe – spätestens mit dem Tod. Und was dauert schon ewig, Marie? Lass uns den lebhaften Stoffumsatz zwischen uns wieder erwärmen und es noch einmal versuchen. Es war zu schön im Beziehungscamp. Willst du?“

Ich warte noch auf ihre Antwort.


Jan-Luca Stampf

Alles im Leben ist Chemie: Atmen, Socken waschen, mit der Freundin Liebe machen, oder mit der Freundin von der Freundin. Egal, ihr könnt euch immer auf chemische Reaktionen ausreden, auf die Anziehung. Mit Chemie ist fast alles im Leben erklärbar, sogar Gefühle und was uns alle verbindet: die Liebe. Jan-Luca, neugieriger Chemiestudent, wird in einer kleinen Beitragsreihe im univie Blog über und aus seiner Chemie-Welt schreiben. Oder in seinen Worten: "Mit interessanten Fakten, der nötigen Prise Humor und Augenzwinkern werde ich euch die Chemie menschlicher Beziehungen aller Art näher bringen. Dazu füttere ich euch mit Interviews von namhaften ChemikerInnen, um euch im Bereich der Chemie, der Medizin und sogar der Lebensmittel weiterzubilden."




„Know what you really want to say“: Deine Forschung in einer Infografik

Forschungsergebnisse in einer Grafik darstellen? Diesem Thema widmete sich am 24. Jänner ein Workshop zum Thema Infografiken an der Universität Wien. Welche Daten zu welcher Grafik passen, wie Visualisierungen funktionieren und wo die „Fallstricke“ beim Zeichnen lauern, erfahrt ihr hier. Zentrale Aussagen ins Bild rücken – damit lockt ein Workshop zum Thema Infografiken in die … Continued


Was ist uns direkte Demokratie wert?

Emanuel Lerch ist Universitätsassistent am Institut für Rechtsphilosophie. Er setzt sich intensiv mit politischer Philosophie sowie den Grund- und Menschenrechten auseinander. Im diesem Beitrag zu unserer aktuellen Semesterfrage bloggt Emanuel über Vor- und Nachteile einer direkten Demokratie. Als Jurist ist mir Demokratie viel wert, allerdings nur in ihrer Verschränkung mit Rechtsstaatlichkeit und dem grundrechtsverbürgenden Liberalismus. Ohne deren … Continued


Politische Bildung als Werkzeug für eine funktionierende Demokratie

Lara Möller arbeitet am Zentrum für LehrerInnenbildung im Arbeitsbereich Didaktik der Politischen Bildung. Anlässlich der aktuellen Semesterfrage „Was ist uns Demokratie wert?“ bloggt sie über die Rolle von Bürger_innen in der Demokratie und den damit verbunden Herausforderungen für die Politische Bildung. Für mich als Bürgerin und gleichzeitig auch als Wissenschaftlerin die sich mit Politischer Bildung … Continued

7 Kommentare

  1. Köstlich, aber ich fürchte ebenfalls die Reaktionen meiner Ex-Beziehungen, die ausnahmslos ich beendet habe, würde ich ihnen von dieser launigen Betrachtungsweise erzählen.
    Allerdings müßte das denn noch chemisch um die Variante erweitert werden, dass meine Enzyme ihren erkalteten Zustand nicht wahrgenommen haben – ich also nur die Konsequentere war, um mir ein wärmeres Enzym zu suchen.
    Und darum geht es doch auch letztendlich – um viel Wärme im Leben.

  2. Das bewundere ich ja, dass man von der Beziehung die Brücke zur Wissenschaft und somit zu einigermaßen Erkenntnis schafft. Ich wünsche, ich könnte das im Leben auch praktizieren. Aber ich lerne ja
    ab jetzt beim Lesen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Back to top