Dem Doppel sei Dank am 23. September 2013
ungefähr 4 Minuten
Themen: Doppelstudium , Jus , Studierende

Dem Doppel sei Dank

Dann kamen die Fragen auf Chinesisch – und die Situation glitt vollends ab in ein Schlachtbank-Flair. Ich hatte mir ja in den Kopf gesetzt, in China zu studieren. Und ich wollte ein Stipendium. Da saß ich also vor der Auswahl-Kommission, vor mir drei andere. Eh alles nett, eh alles herzlich; trotzdem wurde ich plötzlich sehr unsicher, ob meine paar zusammengeschriebenen Phrasen halten würden.

Eineinhalb Jahre hatte ich nicht mehr vernünftig Chinesisch gesprochen und in mein eigentliches Hauptstudium investiert, Jus. Das Doppelstudium, das rächt sich irgendwann – sagen viele und haben zum Teil Recht damit. Viele der Nachteile ergeben sich schon aus dem Einmaleins: Zwei Studien, das heißt doppelte Anwesenheitspflicht, doppelt so viele Seminararbeiten, doppelter Lernstress, einfach doppelter Aufwand.

Dann ist da noch der Stress mit dem Lebenslauf: Du fühlst dich ständig mit den Ansprüchen irgendwelcher Assessment Centers konfrontiert. Alle verlangen zielstrebige Persönlichkeiten, die sich früh festlegen und den vorgetrampelten Pfad möglichst selten verlassen. Der Wirtschaftsschmarrn interessiert mich gar nicht, wirst du vielleicht denken. Aber wie sieht das am Ende deines Studiums aus, nachdem du erstmals einen Blick auf die Einstiegsgehälter in diversen Branchen geworfen hast? Macht noch nichts, ich habe ja nicht studiert, um das große Geld zu verdienen.

Dabei ist es nicht einmal so, dass ich meine beiden Studien intellektuell voll auskoste. Ein Doppelstudium bedeutet nämlich auch: keine Zeit für die Fächer, die dich wirklich interessieren. Außerdem verlierst du den sozialen Anschluss. Freunde und Bekannte werden fertig, während du noch bei den Basis-Vorlesungen feststeckst. Der einzige Trost ist dann die Aura der Erfahrenheit, die dich als älteres Semester umgibt. Wenn dann die Neunzehnjährigen auf den hinteren Plätzen wegen der anstehenden Prüfung ausflippen, zuckst du nur lässig mit den Schultern und denkst: Kinderl, ich hab schon studiert, da hast du dir noch wegen Trigonometrie in die Hosen gemacht.

Vor den Torwächtern zum ersehnten China-Stipendiums hilft einem coole Lässigkeit freilich wenig. Reihum mussten wir Kandidaten uns vorstellen. Meine Kontrahenten waren Sinologie-Studis aus dem zweiten Semester – jung, talentiert, unverbraucht. Ihre Antworten: kurz, mit einem Lächeln präsentiert. Insgeheim hatte ich auf ein paar grobe Schnitzer gehofft, aber die drei machten einfach keine Fehler. Der Senioritätskomplex schlug voll durch – und dann war ich an der Reihe. Meine Motivation? Kurz das Bewerbungsschreiben geistig abgerufen und schon begann ich zu reden. Irgendwann musste mich der Vorsitzende abwürgen, weil es nur so aus mir heraussprudelte.

Das ist der Vorteil eines Doppelstudiums: viel Erzählstoff. Vom verborgenen System der Studienarchitektur bis zu den Eigenheiten verschiedener Studierendenpopulationen: Kaum jemand sammelt so viel Uni-Geheimwissen wie ein Zwei- oder Merfach-Studi. Menschen mit Doppelstudium sind oft vielseitiger und offener als ihre eingleisigen  Counterparts. Offen, das klingt wie einem nichtssagenden Couch-Surfing-Profil entsprungen – die hohle Phrase par excellence. Und doch meine ich genau das.

Du kannst dir nicht vorstellen, wie viel Schneid du im Laufe eines Studiums verlierst. Wie in einem alten Filmabspann blendest du immer mehr Bereiche aus. Zum Schluss erscheint The End auf der Leinwand. An dem Punkt bist du für alles, was nur nach Interdisziplinarität riecht, völlig unempfänglich. Dann legst du Freuds Einführung in die Psychoanalyse beiseite, um dich dem Abfallwirtschaftsrecht zu widmen. Die Tunnelmentalität erfasst dich und der schnelle Ausstieg aus dem Studium wird plötzlich wichtiger als das, was du eigentlich lernst.

Ich stehe jetzt am Ende meines Jus-Studiums. Und ich bin noch offen. Offen dafür, einen zweiten Blick auf Dinge zu riskieren, die mir noch nie untergekommen sind. Hie und da schaffe ich es sogar noch, die Dinge querzudenken. Heute bin ich froh, dass ich das Doppel so lange durchgehalten habe, mit allen Höhen und Tiefen.

Am Ende ergeben sich auf der sozialen Schiene doch auch Chancen: Du bleibst übrig mit den wirklich interessanten Persönlichkeiten des Studiums – denjenigen, dich auch länger brauchen, weil sie arbeiten oder ihrerseits ein Doppelstudium betreiben. Also bleibt auch der Doppel-Studi nicht isoliert, sondern sammelt viele – verdammt, wie das Wort noch gleich?

Guanxi“, meinte die Chinesisch-Professorin wohlwollend. Ja, Beziehungen – das Wort war mir partout nicht eingefallen. Jetzt war es an mir einfach zu lächeln. Das Interview hatte wohl einen guten Eindruck hinterlassen, einige Tage danach bekam ich die Zusage. Dem Doppelstudium sei Dank.




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1 Kommentar

  1. Toller Beitrag, sowohl interessant und aussagekräftig, als auch einfach so gut geschrieben, dass es Spaß macht ihn zu lesen :)

    Es würde mich freuen, wenn irgendwann ein zweiter Teil kommt, in dem du von deinem Studium in China erzählst!
    Wie viele Jahre hast du denn Chinesisch gelernt?

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