Die Diplomprüfung

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Nach Nächten der Schlaflosigkeit ist der Tag der Prüfung gekommen. Termin war am Nachmittag, sprich es bleibt der halbe Tag zum auszucken, sich Gedanken machen, hysterisch werden, ablenken mit Mahjongg oder Youtube und dann wieder Panik schieben. Großartig.

Zu Mittag hat mich der schwarze Ritter aus der Badewanne geklaubt, die Karteikarten (es braucht anscheinend 13 Jahre bis man endlich herausfindet, wie man am besten lernt, aber besser spät als nie) aus der Hand genommen und mich beruhigt.

Um halb drei wandern wir zum Institut. Ich klopfe mit meinen Fingern nervös herum und zapple bei der roten Ampel. Die Schritte werden größer, das Tempo schneller. Um dreiviertel habe ich meine erste auch für Aussenstehende sichtbare Panik, die sich in erhöhtem Bewegungsdrang (schneller werdendes auf und ab gehen, auf der Stelle treten) und periphär aggressiver Ungeduld (“Ich muss da jetzt rauf, ich weiß ja nicht einmal wo der Raum ist, ich weiß nicht in welchem Stock und ich kann ja nicht erst Punkt drei dort auftauchen und-” – “Beruhig dich wieder, so groß ist das Gebäude nicht, wir haben noch eine Viertelstunde.”) äussert.

Zuerst einmal in den falschen Stock fahren, dann den richtigen Raum finden. Heute sind vier Diplomprüfungen, eine nach der anderen. Also Lehrender möchte ich da auch nicht sein. Angekommen ist noch eine Prüfung in vollem Gange, sprich ich habe erneut einige Minuten Zeit um hysterisch zu werden. “Ich will nur durchkommen, es soll nur positiv sein, ich will nur durchkommen, ich denk immer an andere Sachen sobald ich mich konzentrieren will, ich hab Angst dass ich gar nichts mehr weiß, dabei hab ich eh gelernt und was wenn er was anderes fragt und-” – “Schatz, beruhig dich, das ist ganz normal, es wird gutgehen, bleib einmal stehen…”

Langsam gehen die Nerven ein, die Tränen kommen, Hysterie und Panik formen sich zu einer Wand, die jegliches klare Denken unterdrückt. Dann kommt die Kollegin vor mir aus dem Raum, die Prüfer besprechen sich jetzt. Sie ist ruhig, gefasst und müde. Nein, sie hat letzte Nacht auch nicht schlafen können. Ich frage nach dem Ablauf, ihrer Diplomarbeit und sie wird wieder hineingerufen. Gratulation, bestanden.

Die Prüfer gönnen sich noch ein paar Minuten Pause. Ich bin dran.

Die drei Prüfer, genau genommen Erstprüfer/Betreuer, Zweitprüfer und Vorsitzender, scheinen entspannt und gut gelaunt. “So, Sie wissen ja wie die Prüfung abläuft…?” – “Äh… nein, eigentlich nicht.” Das entspricht auch der Wahrheit, immerhin habe ich von jedem etwas anderes gehört. Ja, der Ablauf, dass man über die DA gefragt wird, sie für den Vorsitz darstellen muss und danach zum Stoff vom Zweitprüfer gefragt wird.

Ich erkläre mit hochrotem Kopf was ich gemacht habe, rede immer schneller, springe von einem zum anderen, will alles der Reihe nach erklären und aus meiner Sicht kommt ein wirres Konstrukt hervor. Ähnlich wie die DA. Na dann hab ich sie ja authentisch wiedergegeben. Uah… hoffentlich passt das. Oh mein Gott. Furchtbar. Was sag ich. Alles wirr. Versteht das wer? Ich habs nicht verstanden.

Der Betreuer fragt mich zur Arbeit, ein paar theoretische Sachen. Wie das mit der Argumentationstheorie ist, wichtige Vertreter, wie sich die unterscheiden bzw. was die Schwerpunkte sind, der Zugang. Ich nenne Namen, Zugänge und wundere mich, dass ich das wirklich noch weiß. Das Schema von Toulmin soll ich erklären. Drei zentrale Begriffe. Zwei davon weiß ich, der dritte fällt mir nicht ein. Scheisse. Drei Worte, das darf doch nicht wahr sein! Ich hab ja die Grafik im Kopf, was steht da rechts, was steht da?! Gibts ja nicht, so ein Scheiss, na wirklich, ach Gott…

Der Vorsitz fragt mich zu der von mir durchgeführten Analyse. Ich beginne zu erzählen und merke, dass ich eigentlich nicht wirklich die Frage beantworte, sondern thematisch ganz woanders bin. Wie komm ich jetzt wieder zurück? Jessas… ok, irgendwie. Ist wurscht, Hauptsache du redest. Rede. Herrgott sag doch was! Bloß nicht schweigen. Das war jetzt… naja, ok, du redest. Passt schon. Sie werden dich schon unterbrechen, wenn es zu schräg wird.

Der Vorsitz ist zufrieden(?) und die erste halbe Stunde ist um. Ich bin froh. Denn für den Zweitprüfer hab ich mich weggestrebert in den letzten Tagen. Er beginnt: “So, wir haben uns ja bereits vor längerer Zeit einen Themenbereich ausgemacht und Sie haben dazu Literatur ausgewählt, ich habe Ihnen noch einen Artikel vorgeschlagen als Einstieg in das Thema und können Sie jetzt anhand des Artikel den theoretischen Rahmen aufspannen, in dem sich die Pflegekommunikation befindet. ” Ich beginne zu reden und bin heilfroh, dass er nicht – warum sollte er auch, es ist eine Diplomprüfung – einzelne Jahreszahlen oder Namen abfragt. Auch hier ein paar Fragen, die ich nicht beantworten kann – ich versteh sie nicht. Man erklärt mir nochmal, formuliert um und mir ist immer noch nicht klar, was er will. Als er ansetzt, um mir erneut Hilfestellung zu geben, fällt es mir ein und wir reden gleichzeitig. Total unhöflich. Aber ich rede um mein Leben und da ist mir Höflichkeit und Rederecht im Moment egal.

Nach der zweiten halben Stunde werde ich gebeten kurz vor die Tür zu gehen. Ich wanke hinaus. Die apokalyptischen Reiter sehe ich zuerst, ausgestattet mit erwartungsvollen Blicken und Sektgläsern. Ich murmle kurz einen Gruß und wandle zielstrebig auf meine Stütze zu. Ich verharre wie ein Klammeraffe auf ihm und wiederhole mein Mantra: “Nur positiv… ich will nur durchkommen… “

Nach wenigen Minuten werde ich wieder hineingebeten. Sie wirken erleichtert, auch müde, aber immer noch gut gelaunt. “Ich darf Ihnen gratulieren…” und mehr höre ich nicht. Ich bedanke mich, lade zum anschließenden Umtrunk ein, nehme Mantel und Tasche und gehe hinaus. Ja, geschafft. Endlich. Geschafft. Fertig.

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Kommentare

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  1. | kurt kölbach

    hallo,
    vielen dank für den wirklich sehr interessanten artikel!
    im übrigen:
    die wirksamste medizin ist die natürliche heilkraft, die im Inneren eines jeden von uns liegt. ( hippokrates )
    liebe grüsse
    kurt kölbach
    http://www.rutengaenger-und-mehr.de/

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