Die Lebenssituation von Flüchtlingen in Wien – Ein Forschungspraktikum

Teil des Masterstudiums Soziologie ist ein Forschungspraktikum, das Studierende auf die eigenständige Durchführung von Forschungsprojekten vorbereiten soll. Dabei werden zu selbst gewählten Themen Gruppen gebildet, die gemeinsam ein Projekt planen und durchführen. Im Sommersemester 2016 findet unter anderem ein Forschungspraktikum zum Thema „Die Lebenssituation von Flüchtlingen in Wien“ statt, in dem sechs Gruppen verschiedenen Fragen in diesem Themengebiet nachgehen.

Der folgende Bericht entstammt der Forschungsarbeit einer dieser studentischen Gruppen (siehe Beitragsfoto).

Ein Besuch in der Asylunterkunft in Hietzing

Im Rahmen eines Forschungspraktikums im Masterstudiengang Soziologie unter der Leitung von Prof. Roland Verwiebe, Prof. Bernhard Kittel und Lena Seewann zum Thema „Die Lebenssituation von Flüchtlingen in Wien“ haben wir die Unterkunft für Asylsuchende im ehemaligen Geriatriezentrum am Wienerwald (kurz: GZW) besucht. Gegenwärtig sind dort in vier Pavillons zwischen 800 und 900 Asylsuchende untergebracht. Vermittelt wurde der Besuch über einen Kontakt von Prof. Kittel zum gemeinnützigen Projekt IGOR (Integrationsarbeit und Gesundheitsförderung im Öffentlichen Raum).

Das Integrationsprojekt IGOR (Integrationsarbeit und Gesundheitsförderung im Öffentlichen Raum) unterstützt neuankommende Flüchtlinge im Geriatriezentrum am Wienerwald. Das Projekt ermöglicht gemeinsame Gartenarbeit, die willkommene Abwechslung während der Wartezeit von Asylverfahren bietet.

Im Gespräch mit Asylsuchenden…

Wir konnten einige Räume des Pavillons kennenlernen und durften ein Zimmer ansehen. Das Zimmer ist mit Hochbetten bestückt und zwischen den Betten hängen die sieben Männer aus Afghanistan ihre Habseligkeiten auf. Trotz der beschränkten Raumkapazität fühlten wir uns willkommen und wir wurden nach afghanischer Sitte mit Tee bewirtet. Während wir als Gäste auf den Stühlen platznehmen durften, standen die Männer oder saßen auf den Betten. Einer der Helfer von IGOR übernahm die Übersetzung zwischen Deutsch und Dari.

Am Tag kam das Militär und in der Nacht die Taliban…

…war die Antwort eines Asylsuchenden auf die Frage, warum er sein Heimatland verlassen und sich auf die Flucht begeben hat. Er erzählte, dass es in seiner Heimat keine funktionierende Regierung gebe und die Straßen de facto von Warlords beherrscht würden. Nur aufgrund eines Zufalls konnte er aus der Folter entkommen und überleben.

Warum Österreich?

Wie kommt jemand, der aus Afghanistan flieht, gerade auf Österreich als Zielland? Sie antworteten, es hätte keinen Plan gegeben, wohin die Reise gehen sollte – sie wollten sich einfach nur in Sicherheit bringen. Die Menschen, denen sie am Bahnhof begegnet seien, wären sehr freundliche und hilfsbereite Menschen gewesen und hätten sie willkommen geheißen. Von anderen Ländern hatten sie gehört, dass die Menschen dort weniger freundlich wären. Am Wichtigsten ist es für sie nun, ihre Familien zu sich zu holen. Über die Zukunft hätten sie sich sonst nur wenig Gedanken gemacht. In Sicherheit zu leben wäre der größte Wunsch der im GZW derzeit untergebrachten Afghanen.

Wir versuchen die Überschriften von Gratiszeitungen zu übersetzen, aber unser Deutsch ist nicht gut genug…

So hörten wir, als es um die mediale Debatte zur Flüchtlingssituation ging. Ein Mann in der Wohngruppe beherrschte etwas Englisch. Er entgegnete, zwar immer wieder zu versuchen, die Nachrichten im Fernsehen zu verfolgen. Dennoch gehe der aktuelle mediale Diskurs an den Asylsuchenden größtenteils vorüber.

Das Integrationsprojekt IGOR und Sprachkurse geben Tagesstruktur

Auf die Frage nach dem Tagesablauf nannten die Männer die Gartenarbeit am Mittwoch im Rahmen der Aktivitäten von IGOR und die Deutschkurse Dienstags und Donnerstags als Fixpunkte der Woche. Daneben ergäben sich nur wenige Möglichkeiten, etwas zu unternehmen oder Wien kennenzulernen, da pro Kopf nur 40 Euro Taschengeld im Monat zur Verfügung stehen, die für Fahrscheine nicht ausreichen und sie daher den Weg von Hietzing ins Stadtzentrum nur selten unternehmen.

Forschungsprojekte

Aus dem ersten Eindruck, den wir im GZW gewinnen konnten, entstanden mehrere Ideen für Projekte im Rahmen des Forschungspraktikums. Zwei davon kristallisierten sich heraus: So plant ein Team eine partizipative Fotobefragung zur Raumaneignung durch Asylsuchende. Eine weitere Gruppe wird eine quantitative Untersuchung unter den Asylsuchenden durchführen, um näheres über ihre Lebenssituation und die eigene Wahrnehmung dieser Situation zu erfahren. Wir hoffen, im Juli erste Ergebnisse zu präsentieren.

Die AutorInnen: Christian Dörr, Christoph Ahammer, Carina Pölzl, Sonja Kriegner , David Wolfgang Schiestl, Simone Arnold, Pesic Katarina und Matsuura Kohei


Ihr findet die Thematik interessant? Weitere Artikel zu unserer Semesterfrage „Wie verändert Migration Europa?“ könnt ihr hier nachlesen.



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3 Kommentare

  1. Sehr geehrte Damen und Herrn ! Ich habe den blog soeben rasch und „nur für den Überblick“ gelesen. Gerade vorher war ich auf der web-side: tv.orf.at/meins Weiß jemand zufällig wie man mit der, in dieser web-side angeführten, österreichischen Wissenschaftlerin Frau Tamara VOBRUBA auf elektronischem Weg, oder sonst wie, Kontakt aufnehmen kann ?

    1. Lieber Herr Hanreich, die genannte Wissenschafterin scheint eine Mitarbeiterin der TU Wien zu sein. Wir bitten Sie, sie dort über die allgemeine Suchfunktion ausfindig zu machen (oder mittels Google): https://www.tuwien.ac.at/tuwien_home/
      Wir haben Ihren Kommentar auch soweit bearbeitet, indem wir Ihre persönlichen Daten entfernt haben. Wir raten dringend ab, persönliche Informationen wie Emailadressen oder Telefonnummern in öffentlichen Kommentaren zu teilen, man macht sich dadurch leicht zum Ziel von Spam.

  2. Damit die EU nicht an der Flüchtlingskrise zerbricht und die Reisefreiheit im Schengenraum weiterlebt, gibt es nur einen Ausweg: eine gemeinsame europäische Antwort auf die Flüchtlingskrise. Mit einem wirksamen Schutz der europäischen Außengrenzen. Mit einer gerechteren Verteilung von Flüchtlingen und der Option, dass die unwilligen Länder sich anfangs freikaufen können. Und mit mehr europäischem Engagement in Syrien und an anderen Krisenorten. Mehr Infos unter: http://www.fluechtlingskrise.info

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