Die Roboter sind da! Ein Reisebericht aus Tokio

In den Straßen Tokios. Bild: Martina Mara

Martina Mara ist Medienpsychologin, Tech-Kolumnistin und Leiterin des Forschungsbereichs RoboPsychology am Ars Electronica Futurelab in Linz. Am 16. Januar 2017 wird die Absolventin der Universität Wien und der Universität Koblenz-Landau am Podium des Großen Festsaals mit weiteren ExpertInnen diskutieren, wie unser Leben in der digitalen Zukunft aussieht. Zuvor berichtet sie für uns noch aus Japan, wo sie ihre Forschungen zu Mensch-Roboter-Beziehungen regelmäßig hinführen:

Roboter und Japan – da braucht es keine komplizierten neuronalen Brückenschläge, um diese zwei Begriffe zusammenzubringen. Sie sind Nachbarn in unseren Gehirnen. Wer Roboter sagt, muss auch Japan sagen. Denn dort, im Land der Kirschblüten, sind die Manga-Maschinen-Superfreaks daheim. Aber mögen die JapanerInnen tatsächlich alles, was seinen Motor am rechten Fleck trägt? Würden sie sich wirklich so viel lieber von menschengleichen Robotern pflegen lassen als wir EuropäerInnen? Sind sie also die Technik-EnthusiastInnen, für die man sie gemeinhin hält? Als eine, die beruflich immer wieder in Japan unterwegs ist, zuletzt im Dezember 2016, sage ich: Irgendwie schon. Und dann auch wieder nicht.

Skurriler Techno-Tourismus

Einerseits ist der vermeintliche Nerdismus Japans natürlich ein Asset, das längst etwa auch der Tourismus zu nutzen weiß. Die dementsprechende Erwartungshaltung internationaler BesucherInnen soll befriedigt werden. Und das wird sie auch, beispielsweise im 2015 eröffneten Henn-na Hotel in Sasebo. Seinem Slogan „A commitment for evolution“ wird das Haus insofern gerecht, als dass vom Check-In bis zum Koffertransport ausschließlich Roboter dort tätig sind.

Ein ebenso beliebtes Ziel westlicher TouristInnen ist das Robot Restaurant in Shinjuku, einem Ortsteil Tokios. Umgerechnet rund 60 Euro pro Person kostet der Eintritt in das mit hoher Wahrscheinlichkeit abstruseste Glitzer-LED-Animatronics-Wonderland diesseits der Milchstraße. In einer 90-minütigen Show gibt es dafür neben Samba-Tänzerinnen und Einhörnern auch eine robotische Trommler-Kombo, zwei als Roboter verkleidete Wrestler, animierte Dinosaurier und mechanische Riesendamen in bunter Unterwäsche zu sehen. Eine Bentobox ist ebenfalls inkludiert.

Eingang zum Robot Restaurant. Bild: Martina Mara

Eingang zum Robot Restaurant. Bild: Martina Mara

Als Hintergrund für ein stereotypes Japan-Selfie eignet sich darüber hinaus sicher auch die Statue der aus Film und Fernsehen bekannten Roboterfigur Gundam, die man in Odaiba, Tokio, findet. Mit ihren 18 Metern ist sie von beachtlicher Größe. Zum Vergleich: Das ist immerhin etwa viermal höher als die Pallas Athene vor dem Wiener Parlament. Und die kann im Gegensatz zum gigantischen Gundam noch nicht mal ihren Kopf bewegen.

Eingang zum Robot Restaurant. Bild: Martina Mara

Eingang zum Robot Restaurant. Bild: Martina Mara

Soziale Maschinen und Grusel-Androiden

Es beim Blick auf die skurrilen Manifestationen japanischer Pop-Robotik zu belassen wäre aber klar zu kurz gegriffen. Dieser liefert zwar zahlreiche wunderliche Indizien für die Roboter-Leidenschaft des Inselstaates, viel interessanter – und praxisrelevanter – ist allerdings, was sich abseits von Manga und blinkendem Automaten-Fetisch in puncto Forschung und Entwicklung tut. Denn auch hier steht Japan immer noch als Vorreiter da, und zwar insbesondere im Bereich der sogenannten sozialen Roboter. Das sind autonome Maschinen, die künftig ganz nah am Menschen eingesetzt werden sollen, beispielsweise als Assistenten in Privathaushalten oder Pflegeheimen. In keinem anderen Land wurden bisher mehr solcher sozialer Roboter, oft von mehr oder weniger menschengleicher Gestalt, als Prototypen oder fertige Produkte hergestellt.

Roboter “Pepper” berät die Kunden. Bild: Martina Mara

Roboter “Pepper” berät die Kunden. Bild: Martina Mara

2015 hat etwa der japanische Telekommunikationsanbieter Softbank mit einem ersten „emotionalen“ Roboter-Kameraden für jedermann Furore gemacht. Um nur 1.400 Euro erwerbbar, waren 1.000 Stück des humanoiden „Pepper“ in nur 10 Minuten ausverkauft. Mittlerweile machen auch viele Shops von ihm Gebrauch. Erst im Dezember ist mir ein „Pepper“ in einem Haushaltsladen in Tokio begegnet, als Kundenberater in der Bettenabteilung.

Der Elektronikkonzern Sharp hat – exklusiv für den japanischen Markt – jüngst sogar einen persönlichen Kommunikationsassistenten gelauncht, der die Form eines kleinen humanoiden Roboters besitzt. Robohon heißt die zweibeinige Smartphone-Alternative, die Tomotaka Takahashi von der University of Tokyo designt hat. Ein kleines Männchen, das seinen Besitzer morgens fuchtelnd weckt, Facebook-Nachrichten vorliest, Bilder projiziert  und das nicht zuletzt auch zum Telefonieren ans Ohr gehalten werden kann.

Noch sehr viel menschengleicher wird es bei den androiden „Geminoids“ von Hiroshi Ishiguro und seinem Team an der Osaka University. Nach Vorbild realer Personen baut der reputable Professor lebensechte Roboterkopien, die derzeit erst über eingeschränkte künstliche Intelligenz verfügen, aber per Computer aus der Ferne bedient werden können. Einige Sekunden lang lassen die mit Silikonhaut und feinen Härchen ausgestatteten Kreaturen ihre InteraktionspartnerInnen bereits Glauben, echte Menschen zu sein – eine beachtliche Leistung für die Androidenforschung. Allerdings: In zahlreichen sozialwissenschaftlichen Studien, darunter meine eigenen, konnte mittlerweile gezeigt werden, dass gerade solch hochgradig menschenähnlichen Maschinen oft Unbehagen – ja, sogar Unheimlichkeit –  beim Publikum auslösen. Ein Effekt, der unter dem Begriff „Uncanny Valley“ (zu Deutsch: unheimliches Tal) diskutiert und untersucht wird.

Hiroshi Ishiguro (rechts) mit seinem Zwillingsroboter. Bild: Florian Voggeneder

Hiroshi Ishiguro (rechts) mit seinem Zwillingsroboter. Bild: Florian Voggeneder

Roboter-Leidenschaft als kulturelle Besonderheit?

Die Prävalenz des Roboter-Themas im japanischen Alltag, die Vorreiterschaft in der Entwicklung sozialer Maschinen: Vieles scheint anekdotisch dafür zu sprechen, dass hier tatsächlich eine kulturelle Besonderheit vorliegt, die Japan von anderen Ländern unterscheidet. Als Untermauerung dieser Hypothese werden oft noch zwei weitere Argumente herangezogen: Erstens der traditionelle Religionshintergrund der an sich sehr säkularen japanischen Gesellschaft, der in animistischen Glaubensrichtungen wie dem Shintoismus liegt. Eine höhere Akzeptanz „beseelter“ Objekte könnte eine Folge davon sein. Zweitens könnte auch die für viele JapanerInnen wichtige Mediensozialisation mit Manga und Anime einen Einflussfaktor darstellen. Auffällig oft scheinen Roboter in japanischer Science Fiction als positive und kooperative Charaktere dargestellt. Astro Boy versus Terminator, sozusagen.

Empirische Daten bestätigen die angenommene landesspezifische Vorliebe für Technoides bis dato allerdings nicht. Insgesamt zeigen die wenigen vorliegenden cross-kulturellen Einstellungsstudien zu Robotern gemischte Ergebnisse. Einige deuten überraschenderweise sogar auf eine höhere Roboter-Skepsis der JapanerInnen hin, beispielsweise im Vergleich zu einem australischen Sample. Um die existenten Resultate einordnen zu können, herrscht in jedem Fall aber noch größerer Forschungsbedarf. Eine Schwierigkeit bisher durchgeführter Untersuchungen könnte nämlich nicht zuletzt darin liegen, dass japanische Testpersonen möglicherweise ein distinktives Antwortverhalten bei Fragebögen zeigen, also etwa generell zurückhaltender in ihren Einschätzungen sind.

Für eine positive Zukunft mit Robotern

Deutlich mehr Forschungsdaten gibt es aktuell zum Einfluss anderer, nicht-kulturbedingter Variablen auf die Nutzerakzeptanz von Robotern. Alter, Geschlecht, Persönlichkeitsfaktoren oder technische Vorerfahrung – vieles wirkt sich signifikant auf die erlebte Qualität einer Mensch-Roboter-Interaktion aus. Besonders wichtig ist aber natürlich das Design des Roboters selbst. Und klar ist hier folgendes: Wie ein Roboter aussieht, wie er sich Menschen gegenüber verhält, über wie viel Autonomie er verfügt und in welchem Bereich er überhaupt zum Einsatz kommt – das alles sind Fragen, die einer hohen Sensibilität bedürfen. Damit unsere digitale Zukunft eine gute wird, müssen Roboter so gestaltet und genutzt werden, dass sie uns keine Angst einjagen, dass wir uns der Technologie nicht ausgeliefert fühlen, sondern sie stattdessen unser Leben ein Stück angenehmer macht. Roboter als sympathische Werkzeuge anstatt als Kopien von Menschen zu denken, dürfte in diesem Hinblick ein guter Weg sein.

2020 wird Tokio der Austragungsort der Olympischen Sommerspiele sein. Erklärtes Ziel der japanischen Regierung ist es, sich zu diesem Anlass einmal mehr als globales Epizentrum technischer Innovation zu behaupten. Wir werden sehen, welche Vision einer künftigen Koexistenz von Mensch und Maschine dort präsentiert wird.

Wenn ihr euch nach diesem interessanten Blogbeitrag für weitere Antworten zu unserer derzeitigen Semesterfrage interessiert, lest im uni:view Magazin weiter: http://semesterfrage.univie.ac.at. Im Forum von derStandard werden bis zum Semesterende vier ExpertInnen-Artikel veröffentlicht, dort habt ihr ebenso die Möglichkeit unseren WissenschafterInnen Fragen zu stellen und mitzureden. Und vergesst nicht auf unsere abschließende Podiumsdiskussion am 16. Jänner, alle Infos findet ihr hier.

Literatur:

Appel, M., Weber, S., Krause, S., & Mara, M. (2016). On the Eeriness of Service Robots with Emotional Capabilities. Proceedings of the 11th ACM/IEEE International Conference on Human-Robot Interaction, 411-412.

 

Haring, K. S., Silvera-Tawil, D., Matsumoto, Y., Velonaki, M., & Watanabe, K. (2014, October). Perception of an android robot in japan and australia: A cross-cultural comparison. In International Conference on Social Robotics (pp. 166-175). Springer International Publishing.

 

Kaplan, F. (2004). Who is afraid of the humanoid? Investigating cultural differences in the acceptance of robots. International Journal of Humanoid Robotics, 1(03), 465-480.

 

MacDorman, K. F. & Entezari, S. (2015). Individual differences predict sensitivity to the uncanny valley. Interaction Studies, IS-D-13-00026R2.

 

Mara, M. & Appel, M. (2015). Roboter im Gruselgraben: Warum uns menschenähnliche Maschinen oft unheimlich sind. Das In-Mind Magazin, Ausgabe 05/2015.

 

Mara, M., & Appel, M. (2015). Science fiction reduces the eeriness of android robots: A field experiment. Computers in Human Behavior, 48, 156-162.

 

Mori, M. (1970). Bukimi no tani [The uncanny valley]. Energy, 7, 33-35.

 

Nomura, T. T., Syrdal, D. S., & Dautenhahn, K. (2015). Differences on social acceptance of humanoid robots between Japan and the UK. Proceedings of the 4th International Symposium on New Frontiers in Human-Robot Interaction. The Society for the Study of Artificial Intelligence and the Simulation of Behaviour (AISB).

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Kommentare

  1. | Web Hosting

    Eine erstaunliche Tatsache, die ich am Anfang der Reise gleich kennengelernt habe, sind die Zikaden. Sie sitzen auf den B umen und erzeugen eine derartige Lautst rke, dass sie selbst den Stra enl rm berdecken, einem Kopfschmerzen bereiten und man ber den Krach beinahe schreien muss, um sich einigerma en unterhalten zu k nnen.

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