Die spinnen, die Frauen – Eine Ausstellung zur Textilproduktion in der Antike

Ariadne hat sich in ihrem eigenen Faden verstrickt. Foto: Kristina Klein/IKA

Pünktlich zum Weltfrauentag am 8. März eröffnet in der Abgusssammlung des Instituts für Klassische Archäologie eine Ausstellung zur »Kulturtechnik der Textilproduktion in der Antike«, die von Studierenden unter der Leitung von Viktoria Räuchle mit Marion Meyer gestaltet wurde. Lisa Wirzel, Studentin der Klassischen Archäologie und seit kurzem begeisterte Spinnerin, berichtet:

Die Heiligen Hallen der Abgusssammlung. Foto: Kristina Klein/IKA Wien

Die Heiligen Hallen der Abgusssammlung. Foto: Kristina Klein/IKA Wien



Im Fadenkreuz der Antike

Im kollektiven Gedächtnis drängen sich beim Stichwort »griechische Antike« schnell mal all die nackten, athletischen Männerkörper auf. Eine Gruppe von Studierenden der klassischen Archäologie hat ihren Blick vom Adamskostüm abgewandt und einen neuen anziehenden Fokus gefunden: die Textilherstellung. Kleidung diente eben nicht nur zum Schutz vor den Launen des Wettergottes. Hinter den aufwendig produzierten Metern Stoff steckt weit mehr, als sich anfangs vermuten lässt. Schicht für Schicht, oder besser, Faden für Faden haben wir uns einer der ältesten Kulturtechniken angenähert und so einiges in Erfahrung gebracht.

Textilgewand aus Frauenhand

Die Herstellung von Textilien war/ist eine Frauendomäne und so eröffnet uns die Beschäftigung mit diesem für die Gesellschaft so zentralen Handwerk unweigerlich Einblicke in weibliche Lebenswelten. Bereits in der Antike wurden Frauen für ihre Multitasking-Fähigkeiten gerühmt und gefürchtet. „Das Wasser trug sie auf dem Kopf, das Pferd führte sie am Arm und (sie) drehte die Spindel«, schreibt Herodot (5. Jh. v. Chr.) voller Anerkennung. Auch er spielt dabei selbstverständlich auf eine der wichtigsten »weiblichen Qualitäten“ an: die Fertigkeit der Textilproduktion.

Den Lebensmittelpunkt einer Frau stellte der Oikos (Haus- und Wirtschaftsgemeinschaft) dar, den sie gemeinsam mit ihrem Gatten und der Dienerschaft am Laufen hielt. Fähigkeiten wie Ressourcenmanagement, Führungskompetenzen, Planungsvermögen und logisches Denken, Geschicklichkeit und Kreativität, sowie Ausdauer gehörten dabei zum Anforderungsprofil für die Managerin im Oikos-Betrieb.

Alles unter einem Hut: Frau mit Hydria auf dem Kopf, Spindel in der Hand und Pferd am Arm. Zeichnung nach Herodot (Lisa Wirzel)

Alles unter einem Hut: Frau mit Hydria auf dem Kopf, Spindel in der Hand und Pferd am Arm.
Zeichnung nach Herodot (Lisa Wirzel)



Angst vor Strippenzieherinnen

Die Tatsache, dass sich Frauen fernab männlicher Beschützer und Behüter stundenlang beim Drehen der Spindel austauschen konnten, war so manchem Manne nicht ganz geheuer. So beklagt der antike Schriftsteller Xenophon (um 400 v. Chr.), die Frauen würden beim textilen Wirken über die Männer herrschen, denn nur sie wüssten, wie es gemacht wird. Ein Blick auf mythische Erzählstoffe zeigt, woher diese Vorbehalte kamen: Dort funktionieren Frauen ihr Werkzeug gerne mal zur Waffe um, wenn es darum geht, sich durchzusetzen. Den BesucherInnen der Ausstellung werden in Text und Bild die sagenhaften klugen Weberinnen, mythischen Mörderinnen und ihre textilen Geheimcodes vorgeführt.

Faden wieder aufgenommen

Im Zuge der Ausstellungsvorbereitungen haben wir uns auf unterschiedlichen Wegen der Thematik angenähert. Einzelne Aspekte wurden in Referaten theoretisch durchleuchtet, aber wir haben den Faden auch praktisch aufgenommen: Eine Kennerin des Handwerks hat uns mit den ersten Herstellungsschritten ›vom Schaf zum Faden‹ vertraut gemacht. Von Ehrgeiz gepackt begannen wir, selbst die Spindeln in Gang zu setzen, und entwickelten dabei den größten Respekt für die Komplexität und den Arbeitsaufwand antiker Textilherstellung. Außerdem konnten wir bei einem Besuch in den wunderbaren Depots des MAK an seltenen Originalen die technische Raffinesse antiker Textilien bestaunen.

 

Wirken und Werken: Experimentelle Archäologie mal anders. Fotos: Kristina Klein/IKA Wien

Wirken und Werken: Experimentelle Archäologie mal anders. Fotos: Kristina Klein/IKA Wien



Lasst Euch umgarnen und um den Finger wickeln!

Vom 8. März bis zum 28. Juni 2017 entspinnt sich in den Räumlichkeiten der Abgusssammlung ein dichtes Netz von Geschichten zur Textilproduktion: Mit Hilfe von Plakaten, Informationstafeln, altehrwürdigen Gipsabgüssen und thematisch relevanten Objekten aus der Originalsammlung haben wir einen bunten Teppich an Wissenswertem zu dieser antiken Kulturtechnik und weiblichen Handwerkskunst gewoben.

Den Auftakt macht am 7. März eine herausragende Vertreterin der antiken Textilforschung: Marie-Louise Bech Nosch vom »Centre for Textile Research« in Kopenhagen wird mit einem Vortrag zu „Schiff und Webstuhl“ den Eröffnungsabend gestalten.

Die Ausstellung verschafft jenen Frauen Gehör, die öffentlich zwar keine Stimme hatten,  aber mit Kett- und Schussfäden ihre Lebenswelt verdichtet haben und so in in Gesellschaft und Geschichte feingesponnen hineinwirkten.

Weitere Infos:

„Die spinnen, die Frauen. Zur Kulturtechnik der Textilproduktion in der griechischen Antike“, eine Ausstellung von Studierenden der Klassischen Archäologie unter der Leitung von Viktoria Räuchle mit Marion Meyer

Laufzeit: Von 8. März bis 28. Juni 2017

Öffnungszeiten: Jeden Dienstag 16:00–18:00 Uhr sowie nach Vereinbarung, alle Infos dazu gibt’s hier.

Ort: Archäologische Sammlung des Instituts für Klassische Archäologie; Franz-Klein-Gasse 1 / Eingang Philippovichgasse 11, 1190 Wien

Ariadne hat sich in ihrem eigenen Faden verstrickt. Foto: Kristina Klein/IKA

Ariadne hat sich in ihrem eigenen Faden verstrickt. Foto: Kristina Klein/IKA

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