von Ulrike Swoboda
am 12. Mai 2017
ungefähr 7 Minuten
Themen: Ethik , Forschende , Medizin , Recht , Reproduktionsmedizin , Semesterfrage

Die Suche nach Gesundheit am Lebensanfang

Ulrike Swoboda ist Universitätsassistentin am Institut für Ethik und Recht in der Medizin an der Universität Wien. Anlässlich der dritten Semesterfrage „Gesundheit aus dem Labor – was ist möglich?“ bloggt sie über die Chancen und Risiken pränataler Diagnostik und künstlicher Befruchtung aus rechtlicher und ethischer Perspektive.

Foto: Nikolaus Geyrhalter Filmproduktion GmbH
Foto: Nikolaus Geyrhalter Filmproduktion GmbH

 

„Sei vorsichtig mit dem, was du dir wünschst. Du könntest es bekommen!“, spricht eine Mutter aus den USA im Dokumentarfilm „Future Baby“ in die Kamera. Sie ist gerade dabei auf einer Anrichte in der Küche die Medikamente für ihre Drillinge vorzubereiten. Ihre drei Kinder hat sie nicht selbst ausgetragen. Eine Leihmutter aus Mexiko hat das für sie übernommen. Der Leihmutter wurden drei Embryos in die Gebärmutter transferiert. Die Embryos stammten von den genetischen Eltern. Die Drillinge waren nicht geplant. Der Arzt entschied sich aufgrund der medizinischen Vorgeschichte des amerikanischen Paares auf eigene Faust für drei Embryonen. Dass sich alle drei Embryos schlussendlich zu lebensfähigen Kindern entwickelt haben, war eine Überraschung. Die Mutter in der Küche verhehlt weder ihre physische Müdigkeit, noch ihre psychische Erschöpfung. Ihren Zustand erklärt sie mit der Anzahl der Kinder, mit ihrem fortgeschrittenen Alter, sowie mit ihrem Vollzeitjob. Trotzdem wollte sie nie etwas anderes als Mutter sein. Sie liebt es über alles.

 

 

Ein Kind wäre schön – aber es klappt nicht

Die WHO (Weltgesundheitsorganisation) definiert „infertility“ (Unfruchtbarkeit) als „disease“ (Krankheit), wenn nach einem Jahr oder länger ungeschütztem und regelmäßigem Geschlechtsverkehr keine Schwangerschaft eintritt. Die Anfänge der Reproduktionsmedizin zielten darauf ab, verschlossene Eileiter (tubare Sterilität) der Frau zu behandeln, indem der Befruchtungsvorgang von Spermium und Eizelle aus dem Eileiter der Frau in das Nährmedium einer Petrischale unter das Mikroskop verlegt und beobachtet wurde. Diese Kombination von Eizelle und Spermium außerhalb des weiblichen Körpers bezeichnet man als IVF (In-Vitro-Fertilisation). Durch diese Technik konnte 1978 Louise Joy Brown als erstes IVF-Baby in England das Licht der Welt erblicken. Seit nun beinahe 40 Jahren kommt diese Methode routinemäßig zum Einsatz; und es sind neue Techniken hinzugekommen, wie z.B. die ICSI-Methode zur Überwindung männlicher Sterilität.

 

Injektion von Spermien in menschliche Eizelle. Foto: Elena Kontogianni, Pixabay CC0
Injektion von Spermien in menschliche Eizelle. Foto: Elena Kontogianni, Pixabay CC0

Viele Tests – wenig Therapieangebot

Neben der Hilfeleistung bei erklärbarer (medizinischer Indikation) und unerklärbarer (idiopathischer Indikation) Unfruchtbarkeit erwachsener Menschen besteht ein weiteres Hauptaufgabengebiet der Reproduktionsmedizin darin, das Vorhandensein bzw. das Nichtvorhandensein von Krankheiten bei noch Ungeborenen zu prognostizieren. Um Krankheiten an Ungeborenen festzustellen, existieren bereits eine Reihe von invasiven (z.B. Fruchtwasserpunktion) und nicht-invasiven (z.B. Ultraschall) Testmöglichkeiten. Bei einer Reihe von morphologischen Schäden (z.B. bestimmte Herzfehler, Gaumenspalte, Klumpfuß) gibt es intrauterin bzw. unmittelbar nach der Geburt Therapie- und Operationsmöglichkeiten. Für die meisten Fehlbildungen und chromosalen Besonderheiten (z.B. Trisomien) gibt es jedoch keine Therapieangebote. Bei auffälligem Befund oder bereits erfolgter positiver Testung steht deshalb eine Beendigung der Schwangerschaft relativ schnell im Raum.

 

Trisomie und Bluttests – lieber früh als spät?

Im Vereinigten Königreich entscheiden sich derzeit 95% aller Frauen nach einer Trisomie 21 (Down-Syndrom)-Diagnose für eine Beendigung der Schwangerschaft. Hier ist statistisch gesehen nur noch wenig Spielraum bis zur 100%-Rate. 2012 wurden knapp viermal so viele Föten mit Down-Syndrom diagnostiziert wie 1989. Damit steigt auch die Anzahl der Föten, die aufgrund einer Trisomie 21-Diagnose abgetrieben werden. Die Zahl der Menschen, die mit Down-Syndrom auf die Welt kommen, bleibt insgesamt aber stabil. Gerade in neuerer Zeit beginnen sich nicht-invasive Bluttests zu etablieren. Aus einer simplen Blutprobe einer schwangeren Frau kann fötales Gewebe isoliert und auf Trisomien hin untersucht werden. Diese Bluttests haben den Vorteil, dass sie invasive Fruchtwasseruntersuchungen oder Biopsien, die mit einem Fehlgeburtsrisiko behaftet sind, unter Umständen zur Gänze ersetzen können. Der Nachteil der Bluttests besteht allerdings darin, dass sie in der Auswertung mehr Ergebnisse liefern als man benötigt, nämlich das gesamte genetische Profil eines Menschen, angefangen vom Geschlecht, über Krankheitsdispositionen und Unregelmäßigkeiten an Genen mit noch unbekannter Auswirkung – und das zu einem sehr frühen Zeitpunkt der Entwicklung des Fötus.

Fazit

Ethisch völlig legitim und unumstritten scheint der Wunsch des Menschen auf Heilung zu sein. Reproduktionsmedizin ist im Zusammenhang mit dem Heilungsaspekt vor allem auf zwei Aspekte fokussiert:

  • Verbesserung von Techniken und
  • Minimierung von Risiken
8-zelliger menschlicher Embryo an Tag 3 nach der Befruchtung. Foto: ekem, Wikimedia Commons
8-zelliger menschlicher Embryo an Tag 3 nach der Befruchtung. Foto: ekem, Wikimedia Commons

Im Falle des unerfüllten Kinderwunsches geht es darum die Geburtenrate zu steigern, indem man das Fortpflanzungsprinzip, die Kombination von Eizelle und Spermium, durch verschiedenste Techniken zu verbessern versucht. Im Falle der vorgeburtlichen Tests steht nicht die Steigerung der Geburtenrate im Vordergrund, sondern die exakte Prognose über den Gesundheits- bzw. Krankheitszustand oder die Behinderung des sich zum Menschen oder als Mensch entwickelnden Wesens. Einige Behinderungen können benannt werden. Der tatsächliche Grad der Behinderung nach der Geburt eines Kindes ist in einem frühen Stadium sehr schwer zu prognostizieren. Je weniger invasiv die vorgeburtlichen Tests sind, umso geringer sind dabei die gesundheitlichen Risiken für Mutter und Kind und je früher sie durchgeführt werden, umso mehr Zeit bleibt für eventuelle Nachfolgeuntersuchungen und für die Entscheidungsfindung.

Zum Weiterdenken

Fruchtbarkeitstests und vorgeburtliche Untersuchungen liefern zwar Ergebnisse, die von ausgebildeten ExpertInnen interpretiert werden können. Diese Tests übernehmen aber nicht die Entscheidungen, die aufgrund dieser Interpretationen getroffen werden müssen. Im Idealfall entscheiden ÄrztInnen und Eltern gemeinsam über das weitere Vorgehen. Das eingangs erwähnte Beispiel zeigt aber, dass es auch hier zu Überraschungen kommen kann. Bei vorgeburtlichen Untersuchungen entscheiden häufig Frauen in letzter Konsequenz allein, wie es weitergehen soll.

Gesundheit aus dem Labor weist gerade in reproduktionsmedizinischer Hinsicht auf eines hin: Krankheit, Gesundheit und Behinderungen sind Zuschreibungen des Menschen. Vor der Geburt sind es Zuschreibungen auf noch Ungeborenes. Embryos und Föten werden dabei häufig als Objekte betrachtet. Werden sie als Subjekte mit Rechten – vielleicht sogar als Personen – gesehen, steht man vor dem Problem, wer ihre Interessen interpretieren und vertreten soll. Durch die Anwendung reproduktionsmedizinischer Techniken und durch pränatale Tests stellen sich die strittigen Fragen, wer für das entstehende Leben und in weiterer Folge für das Kindeswohl zu welchem Zeitpunkt in welchem Maß Verantwortung trägt, umso dringlicher.

Literatur

  • Council of the Community of Protestant Churches in Europe (CPCE), „Before I formed you in the Womb …“ A Guide to the Ethics of Reproductive Medicine, 2017 (im Druck)
  • Missy Magazine, Neue Freiheit, neue Zwänge? 21 Seiten zu Repromedizin, April 2016, 56–7
  • Clemens Heyder, Die Zukunft der assistierten Fortpflanzung. Moderne und zukünftige Reproduktionstechniken im Spannungsfeld einer Ethik der Beziehung, ZfMER 1/6, 2015, 43–65
  • Angelika Walser, Ein Kind um jeden Preis. Unerfüllter Kinderwunsch und künstliche Befruchtung. Eine Orientierung, 2014
  • Wolfgang Huber, Ethik. Die Grundfragen unseres Lebens. Von der Geburt bis zum Tod, 2013

Links

Film

 

Wenn ihr euch nach diesem interessanten Blogbeitrag für weitere Antworten zu unserer derzeitigen Semesterfrage interessiert, lest im uni:view Magazin weiter: http://semesterfrage.univie.ac.at. Im Forum von derStandard werden bis zum Semesterende vier ExpertInnen-Artikel veröffentlicht, dort habt ihr ebenso die Möglichkeit unseren WissenschafterInnen Fragen zu stellen und mitzureden. Und vergesst nicht auf unsere abschließende Podiumsdiskussion „Geheimnis Gesundheit: Zwischen Präzisionsmedizin und Prater“ am 13. Juni um 18 Uhr!

Podiumsdiskussion. Foto: Universität Wien

 




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