Die Unruhe der digitalen Medien von Tilo Grenz
am 4. Januar 2017
ungefähr 6 Minuten
Themen: App , Digitalisierung , Forschende , Mediatisierung , Semesterfrage

Die Unruhe der digitalen Medien

Tilo Grenz ist seit 2014 Universitätsassistent (postdoc) am Institut für Soziologie der Universität Wien (Arbeitsbereich Kultur und Wissen) mit den Schwerpunktthemen Medienwandel und Wandel materialer Kultur (Mediatisierung), Reflexive Modernisierung und Mediatisierung. Im Beitrag zur aktuellen Semesterfrage beschäftigt er sich mit der Frage der Omnipräsenz und dem permanenten Wandel digitaler Medien:

Die Allgegenwart der Technik

Quelle: pixabay.com
Quelle: pixabay.com

Es ist wohl nicht übertrieben festzustellen, dass wir in einer durch und durch ökonomisierten Zeit leben. Nahezu jeder Lebensbereich setzt in der einen oder anderen Weise, mal offensichtlich, mal beiläufig auf Produkte und Dienste, die an ökonomische Interessen geknüpft sind. Freilich, das ist alles andere als eine neue Feststellung.

Ein wenig neuer ist da schon die Einsicht, dass wir zugleich in einer Zeit leben, die man als durch und durch technisiert bezeichnen kann. Auch diese Feststellung ist nicht ganz so neu. Das lehrt uns schon die etwas betagte Rede von einer „technischen Zivilisation“, die, ihren unaufhaltsamen Fortbau dem Rückbau der Natur abringe. Dennoch: Das Ausmaß, in dem unser Wahrnehmen, Denken und Handeln technisch gestützt sind, war nie so groß, wie heute – und morgen.

Die unsichtbare Omnipräsenz digitaler Medien

Prinzipiell gilt für Alltagstechniken, wie etwa den Kühlschrank, das Auto oder die Armbanduhr, dass sie dazu tendieren, uns mit der Zeit derart selbstverständlich zu werden, dass wir weder darüber sinnieren, ob wir sie nutzen, noch darüber nachdenken, wie wir sie nutzen.

Dies nun gilt in gesteigertem Maße für heutige und – ganz sicher – besonders für zukünftige Informations- und Kommunikationstechnik, wie sie von findigen Anbietern und Entwicklern, die den Alltag mehr denn je als Geschäftsfeld erschließen, in jeden Bereich unserer Lebensverrichtung eingeflochten werden. Denken wir nur an die unzähligen mobile Apps, mit denen wir uns durch die Stadt navigieren, mit Freunden koordinieren, an die wir Erinnerungen auslagern usw. Es mag paradox klingen, aber jene digitalen Techniken werden auch deswegen im Alltag regelrecht unsichtbar, weil sie von dem, was sie bewerkstelligen, in den Schatten gestellt werden. Sie zählen zu den zentralsten Instanzen, die unseren Selbstbezug und Fremdbezug vermitteln. Es sind aber keine neutralen Vermittler, sondern solche, die das, was sie vermitteln, immer auch prägen.

Verdeutlichen können wir uns das, wenn wir an die eigentümliche Situation der abwesenden Anwesenheit („absent presence“) denken, die sich einstellt, wenn wir per „WhatsApp“ eine Nachricht absetzen und unter dem Namen des Gegenübers plötzlich ein „online“ erscheint – und womöglich im nächsten Augenblick wieder verschwindet. Kurzum: Wir leben in einer hochgradig mediatisierten Gesellschaft!

Im Untergrund brodelt das ‚digitale Leben‘

Nun ist es so, dass der vielzitierte ‚Stand der Technik‘ keineswegs still steht und auch nie still stand, heute aber mehr denn je in Bewegung ist. Anders gesagt: Die Ausstattung unserer medialen ‚Alltagsverrichter‘, wie etwa das erwähnte „WhatsApp“, ändert sich ständig, mal sichtbarer an der Nutzerschnittstelle, oft aber auch unbemerkt im algorithmischen Hintergrund. In rasanter Geschwindigkeit ändern sich Features, ändern sich die Modalitäten dazu, wie persönliche Daten erzeugt und wie auf sie zugegriffen wird.

Die ‚Unruhe‘ der digitalen Dinge geht aber nicht nur auf die Masterpläne ihrer visionären Entwickler oder eben der „big player“ – Google, Facebook und Co. – zurück. Sicher, deren Einfluss dahingehend steht zwar außer Frage und auch stehen ihnen immer differenziertere Nutzerspuren zur Verfügung, mit denen sie Medien ständig weiterentwickeln. Aber Einsichten aus unserer Forschung, wie etwa zur reibungsvollen Geschichte der iPhone-Entsperrungen (sog. „jailbreaks“), die Steve Jobs einmal als „cat-and-mouse-game“ bezeichnet hat, weisen darauf hin, dass von unzähligen inoffiziellen, mal mehr, mal weniger rechtskonformen Modifikationen, Umnutzungen und Erweiterungen eine erhebliche Schubkraft für Mediatisierung ausgeht.

Quelle: pixabay.com
Quelle: pixabay.com

Da darf es schon verwundern, dass zwar die Risiken und Nebenfolgen von Großtechnologien (etwa Atomenergie, Gentechnik, Automatisierung in der Industrie usw.) seit Jahrzehnten zum festen Bestand der Forschung gehören, dass aber das Feld der digitalen Medientechnologien mit all den ‚brodelnden‘ Konflikten, die um ihre Ausstattung und ‚richtige‘ Verwendung bestehen, nahezu gänzlich ignoriert wird.

Nehmen wir all das zusammen, dann ergibt sich eine paradoxe Situation: Die Medien unserer alltäglichen Lebensverrichtung, die uns so selbstverständlich sind, sind de facto ständig in Bewegung, dies jedoch für den Großteil der Nutzer weitestgehend unbemerkt. Unter der ‚Oberfläche‘ unserer liebgewordenen digitalen Medien pulsiert das Leben, pulsieren dauerhafte Kontroversen und Konflikte.

Medienwandel als Dauerirritation oder Gegenmittel in der Digitalen Zukunft?

Bei alldem lässt sich nun fragen, wie es sich mit unserer Wahrnehmung des rasanten Medienwandels im Alltag der Digitalen Zukunft verhält? Immerhin wären verschiedene Umgangsweisen mit der beschriebenen Situation vorstellbar: Es könnte durchaus sein, dass sich nichts an der aktuellen paradoxen Situation ändert, wie sie oben skizziert wurde. Denkbar wäre aber auch, dass die permanenten Änderungen nicht nur bemerkt, sondern zum dauerhaften Alltagsärgernis werden, vielleicht sogar für eine Resignationsstimmung sorgen und mithin in weitreichendem Medienverzicht gipfeln. Ein drastisches Szenario, zugegeben. Oder aber, unsere Identitäten, Erwartungen, Routinen, Vorstellungen und Ziele werden tendenziell flüchtiger, wie ‚unsere‘ Medien.

Quelle: digital detox by davitydave/flickr.com
Quelle: digital detox by davitydave/flickr.com

Wie auch immer die Digitale Zukunft aussehen wird, immer wichtiger werden Fragen, die die „De-Mediatisierung“ von Kultur und Gesellschaft betreffen: Ob und wie Menschen Folgen des jüngeren und jüngsten Medienwandels problematisierten, wie sie auf diese antworten, welche Strategien sie einschlagen, welche möglichen Gegenmaßnahmen sie in Anschlag bringen. Dem sind wir mit unserer Forschung auf der Spur.

Wenn ihr euch nach diesem interessanten Blogbeitrag für weitere Antworten zu unserer derzeitigen Semesterfrage interessiert, lest im uni:view Magazin weiter: http://semesterfrage.univie.ac.at. Im Forum von derStandard werden bis zum Semesterende vier ExpertInnen-Artikel veröffentlicht, dort habt ihr ebenso die Möglichkeit unseren WissenschafterInnen Fragen zustellen und zumitreden. Und vergesst nicht auf unsere abschließende Podiumsdiskussion am 16. Jänner, alle Infos findet ihr hier.


Tilo Grenz


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1 Kommentar

  1. Eine totale Digitalisierung des Klassenzimmers braucht man bei solchen Lehrkraften ebenso wenig zu befurchten wie die Abschaffung des Schreibens mit der Hand.

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