Digitale Anthropologie

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Philipp Budka ist Lektor am Institut für Kultur- und Sozialanthropologie der Universität Wien und Lehrbeauftragter im MA-Programm „Visual and Media Anthropology“ der Freien Universität Berlin. Im Rahmen der aktuellen Semesterfrage „Wie leben wir in der digitalen Zukunft?“ geht er der Frage nach, welche Rolle die Kultur- und Sozialanthropologie in der Untersuchung und in weiterer Folge im Verstehen digitaler Medientechnologien spielt:

Die Kultur- und Sozialanthropologie ist längst nicht mehr nur die Wissenschaft von „einfachen“, außereuropäischen Gesellschaften und Kulturen. Seit Jahrzehnten forscht die Kultur- und Sozialanthropologie kulturvergleichend zu komplexen Prozessen, Entwicklungen und Veränderungen in allen menschlichen Gesellschaften und Kulturen. Da war es nur eine Frage der Zeit bis die ersten Kultur- und SozialanthropologInnen begannen sich auch mit digitalen Informations- und Kommunikationstechnologien (IKT), wie dem Internet, Smartphones oder Sozialen Medien, auseinander zu setzen. Die Wiener Kultur- und Sozialanthropologie war dabei – zumindest im deutschen Sprachraum – unter den ersten, die sich mit den Verbindungen und Zusammenhängen zwischen digitalen Medientechnologien und soziokulturellen Phänomenbereichen aus spezifisch anthropologischer/ethnologischer Perspektive befassten.

 

In diesem Blogbeitrag gehe ich der Frage nach, welche Rolle die Kultur- und Sozialanthropologie in der Untersuchung und in weiterer Folge im Verstehen digitaler Medientechnologien spielt. Andere Aspekte der Digitalisierung dieser Disziplin – wie z.B. computerunterstützte Forschungsprojekte und -methoden, neue Publikationsmöglichkeiten durch Open Access, neue Wege der Präsentation und Kommunikation von Forschung mittels Blogs oder Sozialer Medien sowie neue Methoden und Strategien für Lernen und Lehre – kann ich hier nicht näher diskutieren.

budkaBild 1: Screenshot der offenen und kostenlosen digitalen Lernunterlage für die Vorlesung „Einführung und Propädeutikum Kultur- und Sozialanthropologie“ an der Universität Wien.

Digitale Anthropologie oder die Kultur- und Sozialanthropologie des Digitalen

Die Frage nach der Relevanz und Bedeutung von digitalen Kommunikationstechnologien im menschlichen Alltagsleben sowie in unterschiedlichen soziokulturellen Kontexten ist längst eine allgegenwärtige, wird entsprechend breit diskutiert und lässt sich aus unterschiedlichen Blickwinkeln beleuchten. (Ich diskutiere an anderer Stelle eine Auswahl kultur- und sozialanthropologischer Perspektiven.) Antworten auf diese und ähnliche Fragen gibt im Besonderen eine junge Subdisziplin der Kultur- und Sozialanthropologie: die Digitale Anthropologie.

„Digitale Anthropologie“ ist eine relativ neue Bezeichnung für einen Forschungsbereich, der schon viele Namen hatte: „Cyberanthropologie“, „Cyberanthropology“, „Cyborg Anthropology“, „Anthropologie des Cyberspace“ oder „Anthropologie der Cyberkultur“ (vgl. z.B. Budka & Kremser 2004, Downey et al. 1995, Escobar 1994, Hakken 1999). Obwohl sich die Bezeichnungen im Laufe der Jahre und unter Einfluss unterschiedlicher Forschungsrichtungen sowie gesellschaftlicher und (populär)kultureller Trends änderten, blieben die Forschungsthemen und -schwerpunkte die gleichen: der menschliche Umgang mit digitalen Technologien und die soziokulturellen Implikationen und Bedeutungen von neuen IKT. (Ich zeichne an anderer Stelle Aspekte dieser Entwicklung nach.)

Mitte der 1990er Jahre begann Manfred Kremser am Wiener Institut für Kultur- und Sozialanthropologie sich mit dem „Cyberspace“ als soziokulturellen Raum zu beschäftigen, der vielfältige, neue Formen der Kommunikation und Interaktion ermöglichte. Dabei zeigte Kremser besonderes Interesse an religiösen Veränderungs- und Transformationsprozessen, die von technischen Entwicklungen, wie dem Internet, getragen wurden (z.B. Kremser 2003). Auf methodologischer Ebene erweiterte Kremser das „klassische“ Konzept ethnographischer Feldforschung zu „Felder-Forschung“, um jene soziokulturellen (Forschungs)Felder zu berücksichtigen, die durch neue digitale Technologien entstanden (z.B. Kremser 1998).

Kremser folgten weitere Wiener Kultur- und SozialanthropologInnen, die sich mit neuen, digitalen Medientechnologien aus unterschiedlichen Perspektiven befassten: Von Untersuchungen zu digital-kulturellen Transformationsprozessen, über unterschiedliche digitale Organisations- und Unternehmenskulturen sowie die Darstellung und Repräsentation von diversen kulturellen Gruppen und Religionen im Internet, bis hin zu neuen soziokulturellen Praktiken, die durch digitale Technologien ermöglicht werden. In einem aktuellen Projekt am Institut für Sozialanthropologie der Österreichischen Akademie der Wissenschaften forscht beispielsweise Martin Slama über islamische Religiosität im indonesischen Kontext und unter Berücksichtigung Sozialer Medien wie Facebook.

bbBild 2: Internetcafé, Toronto, Kanada. Foto: Philipp Budka.

Mögliche Grundlagen einer Digitalen Anthropologie

In einem der ersten Sammelbände, der sich explizit mit dem Forschungsbereich der Digitalen Anthropologie auseinandersetzt, identifizieren Daniel Miller und Heather Horst (2012) sechs Prinzipien, die ihrer Ansicht nach die Grundlagen einer Digitalen Anthropologie als kultur- und sozialanthropologische Subdisziplin bilden.

1)    Das Digitale intensiviert die dialektische Natur von Kultur. Das Dialektische bezieht sich dabei auf das Verhältnis zwischen kulturellen Gemeinsamkeiten und Unterschieden.
2)    Die Menschheit wird durch den Aufstieg des Digitalen nicht stärker mediatisiert. Das vor-digitale Leben war keineswegs „realer“ oder „authentischer“ als das Leben im digitalen Zeitalter.
3)    Die Digitale Anthropologie ist einer ganzheitlichen Sichtweise auf menschliches Leben und soziokulturelle Phänomene verpflichtet.
4)    Kultureller Relativismus und eine globale, kulturvergleichende Perspektive auf das Digitale sind essentiell. Hypothesen bezüglich der homogenisierenden Wirkung des Digitalen lassen sich so relativieren oder widerlegen.
5)    Digitale Kultur ist doppel- oder mehrdeutig. Einerseits eröffnen sich neue Möglichkeiten durch digitale Technologien (z.B. vielfältige Wege der Meinungsäußerung), andererseits verschließen sich auch Möglichkeiten (z.B. Einschränkungen der Privatsphäre).
6)    Digitale Anthropologie (an)erkennt die Materialität digitaler Welten. Diese sind weder mehr noch weniger materiell als vor-digitale Lebenswelten. Das Digitale, wie jede Form materieller Kultur, wird zu einem konstitutiven Teil dessen, was uns zu Menschen macht.

Materielle Kultur und (kulturelle) Aneignung

Seit Jahrzehnten untersuchen Kultur- und SozialanthropologInnen neue und „moderne“ Technologien und wie diese in unterschiedlichen Gesellschaften verwendet werden. Um diese komplexen soziotechnischen Phänomene zu analysieren und zu verstehen, ist es notwendig passende theoretische Verständniszugänge zu entwickeln sowie empirische Befunde zu erstellen.

Technologie wird in der Kultur- und Sozialanthropologie auch als materielle Kultur verstanden. Diese Sichtweise erlaubt es die Materialität und die Normativität von Technologien ebenso zu fassen wie deren alltägliche Aneignung in wandelnden soziokulturellen, politischen und ökonomischen Kontexten.
So kommen z.B. Daniel Miller und Don Slater (2000) in ihrer Studie über das Internet in Trinidad zu dem Schluss, dass das Internet eher als materielle Kultur zu verstehen ist als als Technologie, weil die Internettechnologien und -services in unterschiedliche Formen alltäglicher Praktiken eingebettet sind.

Materielle Kultur steht dabei in engem Zusammenhang mit Prozessen der Konsumption, die in einem ersten Schritt die Transformation eines Objekts von einer unpersönlichen Ware zu einer Sache mit persönlicher Bedeutung für KonsumentInnen und deren Lebenswelt meint. Und genau das ist mit dem Internet in Trinidad geschehen: Das globale Computernetzwerk Internet wurde im Prozess alltäglicher Nutzung und kontinuierlicher Aneignung von einem unpersönlichen Ding zu einer Sache mit persönlicher Bedeutung für Menschen in einem spezifischen lokalen Kontext.

Im Prozess der Aneignung werden Dinge neu interpretiert, umgedeutet und transformiert. Dies geschieht immer in einem soziokulturellen Kontext. Die grundlegende Dimension im Aneignungsprozess ist, dass ein Ding, das im Besitz von jemanden war, neu in Besitz genommen wird. Aneignung ist so auch eine Form der sozialen Interaktion zwischen Menschen. Das Konzept der (kulturellen) „Aneignung“ ist des Weiteren besonders gut geeignet die Rolle der TechnologienutzerInnen als (handlungsmächtige) AkteurInnen hervorzuheben, wie z.B. Hans Peter Hahn (2015) in seinen Studien zu Mobiltelefonpraktiken in Westafrika zeigt.

Electronics Store Building (Quelle: wikimedia commons)

Electronics Store Building (Quelle: wikimedia commons)

Bild 3:  Electronics Store Building.

Solche und ähnliche Ansätze erlauben es der Kultur- und Sozialanthropologie Antworten, etwa auf Fragen nach der soziokulturellen und soziokulturell-unterschiedlichen Bedeutung von Technologien zu geben. Wie aber sammeln Kultur- und SozialanthropologInnen Daten in digitalen Lebenswelten?

Digitale Ethnographie oder ethnographische Feldforschung in digitalen Lebenswelten

Wichtigste methodische Herangehensweise, um Medien- und Technologiephänomene zu erfassen, ist für die Kultur- und Sozialanthropologie die ethnographische Feldforschung. Diese methodische Strategie zur empirischen Datenerhebung passt sich dabei sowohl dem Feld als auch den soziokulturellen Handlungsräumen der Menschen an.

In der Feldforschung kommen unterschiedliche Instrumente und Techniken der Datenerhebung zum Einsatz. Für die Kultur- und Sozialanthropologie ist dabei die teilnehmende Beobachtung das wichtigste Instrumentarium; also die aktive Teilnahme am Alltagsleben von Menschen über einen längeren Zeitraum und die Beschreibung desselben. Ethnographische Feldforschung gestaltet sich so als eine sehr intime Forschungsstrategie Daten zu erheben und Wissen zu gewinnen, die den/die Forscher/in mitten in das private und berufliche Alltagsleben von Menschen platziert. Und wie z.B. Tom Boellstorff (2008) zeigt, kann es sich dabei auch um das Leben in virtuellen (Spiel)Welten handeln, die von EthnographInnen in diesem spezifischen Kontext erforscht werden.

Avatare Second Live (Quelle: wikimedia commons)

Avatare Second Live (Quelle: wikimedia commons)

Bild 4: Avatare in Second Life.

Mittels ethnographischer Forschung versucht die Kultur- und Sozialanthropologie also Befunde darüber zu liefern, wie wir in einer digitalen, materiellen und sensorischen Welt leben und wie sich dieses Leben beständig verändert und weiter entwickelt. Auch hier beginnt sich ein neuer Begriff durchzusetzen, der der rasant zunehmenden Bedeutung des Digitalen und der Digitalisierung Rechnung trägt: „Digitale Ethnographie“ (vgl. z.B. Pink et al. 2016).

Fazit

Digitale Anthropologie lässt sich – vereinfacht ausgedrückt und an die Begriffsbestimmung von Marcus Banks (2012) zu „Visueller Anthropologie“ angelehnt – als die anthropologische Untersuchung des Digitalen sowie die digitale Untersuchung des Anthropologischen verstehen.

Von besonderem Interesse für die Kultur- und Sozialanthropologie ist dabei weniger die Geschwindigkeit mit der digitale Technologien entwickelt werden, sondern vielmehr die Selbstverständlichkeit mit der diese technischen Entwicklungen in die Gesellschaft integriert sowie Regeln und Normen für deren Gebrauch festgelegt und angewendet werden. Für die Digitale Anthropologie ist es also wesentlich zu untersuchen, wie Dinge, Objekte und Artefakte, die die materielle, digitale Welt konstituieren, so schnell alltäglich und banal werden.

Dabei bedient sich die Kultur- und Sozialanthropologie theoretischer Konzepte und methodischer Strategien, die helfen die Bedeutung von Technologien für den Menschen zu verstehen sowie konkrete Aneignungs- und Nutzungspraktiken zu erfassen. So werden etwa globale Technologien, wie das Internet, in ihrer lokalen Aneignung mittels ethnographischer Feldforschung als materielle Kultur im menschlichen Alltagsleben untersucht.

 

Wenn ihr euch nach diesem interessanten Blogbeitrag für weitere Antworten zu unserer derzeitigen Semesterfrage interessiert, lest im uni:view Magazin weiter: http://semesterfrage.univie.ac.at. Im Forum von derStandard werden bis zum Semesterende vier ExpertInnen-Artikel veröffentlicht, dort habt ihr ebenso die Möglichkeit unseren WissenschafterInnen Fragen zu stellen und mitzureden. Und vergesst nicht auf unsere abschließende Podiumsdiskussion am 16. Jänner, alle Infos findet ihr hier.

 

Literatur

Banks, M. 2012. Visual Anthropology. In: Jackson, J. L. (Hg.), Research Guide Anthropology. Oxford Bibliographies. Oxford: Oxford University Press.

Boellstorff, T. 2008. Coming of age in Second Life: an anthropologist explores the virtually human. Princeton: Princeton University Press.

Budka, P., Kremser, M. 2004. CyberAnthropology – anthropology of cyberculture. In: Khittel, S., Plankensteiner, B. & M. Six-Hohenbalken (Hg.), Contemporary issues in socio-cultural anthropology: perspectives and research activities from Austria. Wien: Loecker Verlag, 213-226.

Downey, G. L., Dumit, J., Williams, S. 1995. Cyborg anthropology. Cultural Anthropology, 10(2), 264-269.

Escobar, A. 1994. Welcome to Cyberia: notes on the anthropology of cyberculture. Current Anthropology, 35(3), 211-231.

Hahn, H. P. 2015. Mobile Kommunikation, Materielle Kultur und neue Verflechtungen. In: Bender, C., Zillinger, M. (Hg.), Handbuch der Medienethnographie. Berlin: Reimer Verlag, 153-171.

Hakken, D. 1999. Cyborgs@Cyberspace: an ethnographer looks to the future. London: Routledge.

Kremser, M. 1998. Von der Feld zur Felder-Forschung. In: Wernhart, K., Zips, W. (Hg.), Ethnohistorie. Rekonstruktion und Kulturkritik. Wien: Promedia: 135-144.

Kremser, M. 2003. Afrikas Digitale Diaspora Religionen: Das Ringen um religiöse Kultur und Identität im Cyberspace. In: Zips, W. (Hg.), Afrikanische Diaspora: Out of Africa – Into New Worlds. Münster: LIT-Verlag, 447-456.

Miller, D., Horst, H. 2012. The digital and the human: a prospectus for digital anthropology. In: Horst, H., Miller, D. (Hg.), Digital anthropology. London: Berg, 3-35.

Miller, D., Slater, D. 2000. The Internet: an ethnographic approach. Oxford: Berg.

Pink, S., Horst, H., Postill, J., Hjorth, L., Lewis, T. & J. Tacchi. 2016. Digital ethnography: principles and practice. Thousand Oaks, CA: Sage.

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