Diversität in der Community und vielfältiges Engagement von Dr. Tina Olteanu
am 4. Oktober 2016
ungefähr 4 Minuten
Themen: Forschende , Forschung , LGBTIQ , Master of European Studies , Politikwissenschaft

Diversität in der Community und vielfältiges Engagement

LGBTIQ-Wahlstudie zur Berliner Abgeordnetenhauswahl 2016

Homophobie und Diskriminierung, aber auch Migration, Arbeit und Wohnen sind die Themen, die die LGBTIQ*-Community in Berlin beschäftigen. Ein Team von Politikwissenschaftler_innen der Universität Wien und der Justus-Liebig-Universität Gießen hat sich im Vorfeld der Berlin-Wahl 2016 mit dem Wahlverhalten, den politischen Einstellungen sowie dem politischen und gesellschaftlichen Engagement der LGBTIQ*-Community in Berlin beschäftigt.

Die Ergebnisse zeigen, dass sich die Menschen aus der LGBTIQ*-Community überdurchschnittlich stark in Politik und Gesellschaft engagieren, wobei sich das Engagement keineswegs auf Themen, die die Community bzw. LGBTIQ*-Rechte direkt betreffen, beschränkt. Das Engagement ist vielfältig und vor allem im sozialen Bereich sehr hoch. Generell wird klar, dass die Community keinesfalls so homogen ist, wie oft suggeriert wird. Es wurde auch deutlich, dass der von den Medien oft betriebene Hype um das Coming Out von Politiker_innen für die Menschen aus der Community nur eine nachgeordnete Rolle spielt. Viel wichtiger dagegen ist, dass sich Politiker_innen mit der Community solidarisieren und sich für deren Interessen einsetzen.

Welche Themen bewegen queere Menschen?

Wichtige und wahlentscheidende Themen für LGBTIQ*-Wähler_innen in Berlin waren vor allem Homophobie, Migrations-, Asyl- und Flüchtlingspolitik, Diskriminierung und Fremdenfeindlichkeit. Dabei zeigt sich einerseits, dass LGBTIQ*-Menschen im vermeintlich weltoffenen und toleranten Berlin nach wie vor große Probleme mit Homophobie und Diskriminierung haben. Andererseits ist aber auch die gegenwärtige Spaltung der Gesellschaft in der Asylfrage und in der Begegnung mit dem Islam bzw. Muslim_innen innerhalb der LGBTIQ*-Community erkennbar. Von der einen Seite werden besondere Maßnahmen für LGBTIQ*-Flüchtende sowie Schutz und soziale Inklusion gefordert, während die andere Seite den Islam für Hass und Gewalt gegen queere Menschen verantwortlich macht. Die Einstellungen, die von der LGBTIQ*-Community vertreten werden, decken also das gesamte politische Spektrum ab.

Wen wählen queere Menschen?

Oftmals gibt es das Vorurteil, dass queere Menschen Links wählen. Auch wenn die Ergebnisse der Studie dies zum Teil bestätigen, so zeigt sich, dass sich queere Menschen nicht so einfach in eine Schublade stecken lassen. Die parteipolitischen Präferenzen liegen zwar in der Berliner Community mehrheitliche bei linken Parteien bzw. Parteien der linken Mitte (Bündnis 90/Die Grünen, Die Linke und SPD), aber es gibt auch queere Wähler_innen, die bürgerlichen Parteien (FDP, CDU) bzw. Rechtspopulisten (AfD) unterstützen. In abgeschwächter Form spiegelt sich also auch in der Berliner LGBTIQ*-Community der gegenwärtige Erfolg der AfD wider, insbesondere bei Männern, die bei der letzten Abgeordnetenhauswahl 2011 CDU, SPD, Grüne oder FDP gewählt hatten.

Wen wählen queere Menschen?
Wen wählen queere Menschen?

Innovation in der Wahlforschung und relevante Ergebnisse für Parteien

Bei der LGBTIQ*-Wahlstudie Berlin 2016 handelt es sich um die Fortsetzung eines Forschungsprojektes zum Wahlverhalten der LGBTIQ*-Community, das 2015 mit der Wahl zum Gemeinderat in Wien begann. Die innovative Studie wirft erstmals einen Blick auf einen Teil der Gesellschaft, der in den klassischen Wahlstudien in Berlin und Deutschland und Europa bislang unter den Tisch fällt: die LGBTIQ*-Community. Die Wahlstudie gibt damit also neue Impulse für die Politikwissenschaft und für politische Debatten.

Auch für Parteien bieten die Ergebnisse neue Möglichkeiten, sich mit den Interessen und Präferenzen ihrer LGBTIQ*-Wähler_innenschaft zu beschäftigen. Parteien, die LGBTIQ*-Politik als Querschnittsthema verstehen und sich mit der Community solidarisieren, entsprechen dabei den Erwartungen der Community. Vor dem Hintergrund des überdurchschnittlichen politischen Interesses und Engagements der LGBTIQ*-Community wird offensichtlich, dass viele Parteien dieses Potenzial bislang ungenutzt lassen.

Informationen zur Studie

An der Online-Umfrage nahmen 1.058 wahlberechtigte Berliner*innen der LGBTIQ*-Community teil. Dabei handelt es sich um ein sogenanntes selbstselektives Sample – wer Lust hatte, konnte mitmachen. In die Studie gingen nur die Antworten jener Personen ein, die Angaben zu ihrer LGBTIQ*-Lebensweise gemacht haben. Mehrfachbeteiligungen wurden ausgeschlossen. Mit dieser Befragungsmethode kann man solide empirische Angaben zu den Einstellungen, Interessen und Präferenzen der LGBTIQ*-Community in Berlin machen. Die Methode dieser Online-Wahlstudie ist indes nicht geeignet, um eine Wahlprognose zu berechnen. Das Projekt wurde in Kooperation mit dem Lesben- und Schwulenverband Berlin-Brandenburg (LSVD) und der Arbeitsstelle Gender Studies (AGS) der Justus-Liebig-Universität Gießen durchgeführt und wurde ohne Finanzierung durch Dritte realisiert.

Die Ergebnisse der Wahlstudie sind online verfügbar unter: http://www.univie.ac.at/lgbt-wahlstudie


Dr. Tina Olteanu

Dr. Tina Olteanu und Michael Hunklinger, BA arbeiten am Institut für Politikwissenschaft der Universität Wien und arbeiten zu Demokratie, politischer Partizipation und Osteuropa. Das Projekt der LGBTIQ*-Wahlstudie wurde gemeinsam mit Prof. Dorothée de Nève und Niklas Ferch, BA von der Justus-Liebig-Universität Gießen durchgeführt.
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