Eine Studienexkursion in das Land der Superlative. Zwei Wochen Saudiarabien. am 15. Mai 2014
ungefähr 5 Minuten
Themen: Exkursion , Forschende , Orientalistik , Saudi Arabien

Eine Studienexkursion in das Land der Superlative. Zwei Wochen Saudiarabien.

Ein Reisebericht aus der Sicht der wissenschaftlichen Mitarbeiterin Lea Müller-Funk.Eine Gruppe von 20 Master-Studierenden, vier MitarbeiterInnen des Instituts für Orientalistik der Uni Wien und und zwei Mitarbeitern des saudischen Kulturbüros in Wien ist zurzeit auf Studienexkursion in Saudi Arabien. Die wissenschaftliche Mitarbeiterin Lea Müller-Funk schickt uns laufend ihre Erfahrungsberichte direkt von der Exkursion. Die Studierenden beschreiben die Reise aus ihrer Sicht gleichzeitig hier.

Das Wort Saudiarabien weckt wohl in jedem bestimmte Bilder. Dass unsere Studierenden diese Bilder hinterfragen und einer selbst erlebten Realität gegenüberstellen, war eines der Hauptziele der Studienexkursion in dieses schwer zu bereisende Land, die uns – vier MitarbeiterInnen des Instituts für Orientalistik – gemeinsam mit 20 Master-Studierenden und zwei Mitarbeitern des saudischen Kulturbüros in Wien, momentan über Riad und Dammam nach Jidda gebracht hat. Unser dichtes Programm führt uns in der kommenden Woche weiter ins Asir-Gebirge südlich von Jidda, dann nach Tabuk und Mada’in Salih im Norden des Landes. Hier also einige Eindrücke der ersten Woche.

Saudiarabien als Land des Superlativs: Aǧmal (schönste), akbar (größte), aʿlā (höchste)

Saudiarabien ist das Land der Superlative. Die Prinzessin Nura-Universität ist mit ihren geplanten 60 000 Studentinnen und einer Fläche von 8km2 (viermal die Fläche des ersten Wiener Bezirks) und einer Uni-eigenen Metro mit 14 Stationen die größte ihrer Art. Mit Beendigung des 1007m hohen Kingdom Towers in Jidda wird 2018 der höchste Wolkenkratzer der Welt in Saudiarabien stehen. Die Industriestadt Jubayl am Arabischen Golf ist der größte Industriekomplex der Welt. Last but not least schießt der höchste Springbrunnen der Welt 18t Wasser vor dem Hafen des nächtlichen Jiddas 300m in die Luft. In Saudiarabien gibt es kein Mittelmaß. Hier ist alles mega.

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Spiegelbild von Riad auf der obersten Plattform des Faysaliya-Turms (Bild: Karoline Köster).

 

Saudische Unis

Da wir hier vom saudischen Ministerium für höhere Bildung eingeladen sind, liegt der Schwerpunkt unsere Exkursion stark auf dem Universitätssystem. Wir haben pro Tag also mindestens ein offizielles Treffen an einer saudischen Uni und haben bis jetzt die König Saud Universität , das König Faisal Zentrum für Forschung und islamische Studien, die Prinzessin Nura Frauen-Universität in Riad, die König Fahd Universität für Petroleum und Mineralien in Zahran und die König Abd al-Aziz Universität und die private Frauenuni Effat in Jidda besucht. Die öffentlichen Unis sind hier wie in Österreich gratis.

Generell sind wir überwältigt von den Mengen an Geld, die in die universitäre Bildung fließen: Der saudische Staat gibt 17,7% der gesamten Staatsausgaben für Bildung aus, das ist 6% mehr als Österreich. Hier herrscht Aufbruchsstimmung, alles scheint in Bewegung. Das saudische Unisystem ist extrem jung, die erste saudische Uni – die heutige König Saud Universität in Riad – wurde 1957 gegründet. Universitätsbildung für Frauen ist noch rezenter. Die erste richtige Universität für Frauen gibt es erst seit 2004.

Die saudische Organisation lässt nichts zu wünschen übrig, die gewohnte Langsamkeit in arabischen Ländern wird durch eine an Schweizer Verhältnisse anmutende Pünktlichkeit ersetzt – vielleicht ausgelöst durch die omnipräsenten Klimaanlagen, die die Temperaturen auf angenehm frühlinghafte europäische Temperaturen herabkühlen.
An den Unis trifft man auf sehr selbstbewusste Frauen, die betonen, wie sich das Land in den letzten Jahrzehnten verändert hat. Die Geschlechtertrennung an den Unis – außer an der Hightech-Elite-Uni KAUST, die wir morgen besuchen werden – schafft mit den Frauenunis weibliche Enklaven: Kopftücher, Schleier und Abayas fallen größtenteils im Eingangsbereich, im Inneren locken im Fall der Prinzessin Nura Universität vollautomatisierte Bibliotheken, eine Metro mit vier Linien, unzählige Sportmöglichkeiten und die neueste Technik in Form von Hissa, der zweiten Roboterpuppe der Welt für Zahnmedizin. Saudiarabien versucht in den letzten Jahren verstärkt, Frauen in den Arbeitsmarkt zu holen, um ökonomisch unabhängiger von Arbeitsmigranten zu sein.

Saudiarabien: Wiege der Arabischen Sprache

Überwältigt sind wir auch von der unglaublichen Gastfreundschaft, mit der wir hier aufgenommen werden. An jeder Uni werden wir mit saudischem Murra-Kaffee, Datteln, Süßigkeiten und Büchern in für unsere StudentInnen etwas einschüchterndem Setting – der übliche Empfang findet in Konferenzräumen mit Mikrophon und Videoübertragung auf Hocharabisch statt – empfangen. Die Diskussionen drehen sich um den Orientalismus-Begriff in der heutigen akademischen Welt, Methoden des arabischen Sprachenunterrichts in Europa und Unikooperationen. Ein zentrales Thema ist aber auch einfach Neugierde, warum es dieses Interesse an der arabischen Sprache in Europa gibt und was unsere Studierenden dazu motiviert, Arabisch zu lernen.

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Studierende inspizieren die Berichterstattung unseres Treffens mit JournalistInnen der Tageszeitung Al-Jazirah (Bild: Karoline Köster).

Diese Diskussionen spiegeln zu großen Teilen die Sprachpolitik von Saudiarabien wider: Diskutiert wird auf Hocharabisch; die Tatsache, dass wir an europäischen Unis auch arabische Umgangssprachen unterrichten, wird kritisch gesehen. Bewegt man sich aber aus diesem offiziellen Setting heraus, ist Saudiarabien in linguistischer Hinsicht natürlich vielfältig und die gelebten Varianten des Arabischen unterscheiden sich je nach Region sehr stark.

Kontraste und leere Räume

Als Fazit der ersten Woche könnte man zusammenfassend sagen: Sehr wenig ist, wie es scheint. Obwohl wir hier natürlich nur einen kleinen Ausschnitt der saudischen Gesellschaft zu sehen bekommen. Der Kontrast zwischen den leeren Unis in Riad und Dammam – da wir eine gemischtgeschlechtliche Gruppe sind, besuchen wir die meisten Unis und Museen außerhalb der üblichen Öffnungszeiten – und den von Menschen aus aller Welt gefüllten Straßen von Jidda macht spürbar, wie unterschiedlich das Leben in Saudiarabien sein kann.

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Historisches Jidda bei Abenddämmerung (Bild: Stephan Prochazka).

Fortsetzung folgt.

Lea Müller-Funk
Institut für Orientalistik



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2 Kommentare

  1. Fassadenmalerei, abseits von der Lebenswirklichkeit der werktätigen Bevölkerung, und insbesonere der der Frauen, der weiblichen Hausangestellten und ausländischen Fabrikarbeiter.

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