Erasmus+ Staff Training in der Bibliothek des Jüdischen Museums in Prag

Jüdisches Zentralmuseum: Sortieren von Raubgut

Im Rahmen des Erasmus Staff Mobility Programms verbrachte Monika Schreiber zwei Nachmittage an der Bibliothek des Jüdischen Museums in Prag (JMP) bei einem Gedanken- und Erfahrungsaustausch zum Thema NS-Provenienzforschung an Jüdischen Bibliotheken und Sammlungen. Bibliothekar und Provenienzforscher Mag. Michal Bušek und Bibliothekarin Alena Jelínková gewährten ihr einen besonderen Einblick in die Geschichte der Bibliothek sowie in das Projekt „Identifikace původních vlastníků knih“ (Identifikation der ursprünglichen Buchbesitzer).

Das Jüdische Museum in Prag

Seit seiner Gründung im Jahre 1906 erlebte das JMP mehrere Inkarnationen.

  • Das erste „Jüdische Museum in Prag“ wurde zum Zweck der Erhaltung von Ritualgegenständen und Büchern im Zuge der Schleifung der alten Prager Judenstadt (1893-1913) vom Historiker und Hebraisten Salomon Hugo Lieben ins Leben gerufen. 1939/40 wurde es von den Nazis liquidiert.
  • Das „Jüdische Zentralmuseum“ der SS in Prag, welches von 1942 bis 1945 existierte, sollte als makabres „Museum einer untergegangenen Rasse“ der Dokumentation einer Kultur dienen, deren Angehörige zur selben Zeit millionenfach ermordet wurden. Zu diesem Zweck wurden konfiszierte Hebraica und Judaica aus dem gesamten Protektorat Böhmen und Mähren nach Prag geliefert.
  • Ab 1945 wurden die Sammlungen im wiedereröffneten „Jüdischen Museum in Prag“ verwaltet, das zunächst dem Rat der wenigen verbliebenen Jüdischen Kultusgemeinden der Tschechoslowakischen Republik unterstand, aber 1949/50 verstaatlicht wurde.
  • 1950 wurde das „Staatliche Jüdische Museum in Prag“ eröffnet, das allerdings vom kommunistischen Regime mehr oder weniger unzugänglich gehalten wurde und nur wenige öffentliche Aktivitäten setzen konnte.
  • Fünf Jahre nach der „Samtenen Revolution“ (1989) wurde im Jahre 1994 das Staatliche Museum aufgelöst, und als das neue JMP wiedergegründet. Die Bibliothek, die immer ein integraler Bestandteil des jeweiligen Museums gewesen war, wurde nun als eine unabhängige Abteilung innerhalb der Museumsadministration wiedereröffnet und modernisiert.

 

Die Bibliothek des JMP

David Oppenheimer

David Oppenheimer

 

 

Beginnend mit dem 16. Jahrhundert, hat die Stadt Prag eine der längsten Traditionen des jüdischen Buchdrucks nördlich der Alpen, und hat auch im Bereich der jüdischen Bibliophilie eine Vorreiterrolle in Europa gespielt. Die Sammlung von Manuskripten und frühen Drucken des Rabbis und Kabbalisten David Ben Abraham Oppenheimer (1664-1736), die sich nun schon fast zweihundert Jahre lang  in der Bodleian Library befindet, sei hier als berühmtestes Beispiel erwähnt.

 

 

Die Bibliothek der Prager Jüdischen Gemeinde (1906-1941) diente hauptsächlich der Rettung der Bücherbestände aus dem abgerissenen Prager Ghetto. Bald jedoch kamen Sammlungen aus privaten sowie aus synagogalen Beständen hinzu, die zum Teil in der Bibliothek der Prager Israelitischen Cultus Gemeinde versammelt gewesen waren. Diese Bibliothek ging zu einem guten Teil verloren. Restbestände gelangten nach dem Zweiten Weltkrieg an das JMP.

Jüdisches Zentralmuseum: Sortieren von Raubgut

Jüdisches Zentralmuseum: Sortieren von Raubgut

Zur Zeit des „Jüdischen Zentralmuseums“ (1942-1945) wurden vor einem verbrecherischen Hintergrund Unmengen von Büchern und Ritualgegenständen aus ganz Böhmen und Mähren nach Prag verschoben.  Der 1941 gegründeten, vom Jüdischen Ältestenrat administrierten, „Treuhandstelle“ wurde die Registrierung und Verwaltung sämtlichen jüdischen Vermögens auf dem Gebiet des Protektorates befohlen. Darunter fielen auch die aus ganz Böhmen und Mähren zusammengetragenen Bücher aus jüdischem Besitz, die in verschiedenen Bücherlagern sortiert und auch bibliothekarisch erschlossen wurden. Bücher jüdischen Inhalts wurden ausgesondert und in den Räumlichkeiten des „Jüdischen Zentralmuseums“ aufbewahrt. Auch Kunst- und Ritualgegenstände, die aus jüdischen Haushalten konfisziert wurden (Sederteller, Kerzenhalter, Zeichnungen mit religiösem Inhalt, etc.), fanden ihren Weg in das „Jüdische Zentralmuseum“. Dazu sei aber festgehalten, dass in der Regel nur Objekte ans Museum kamen, denen kein besonderer materieller Wert zugeordnet wurde. Raubgut nicht spezifisch „jüdischen“ Charakters (Möbel, Schmuck, etc.) wurde nie an das Museum weitergegeben. Bis Kriegsende wurden rund 100.000 Karteikarten für die Bücher- und Objektbestände des „Jüdischen Zentralmuseums“ produziert.

Zur gleichen Zeit, 1942, wurde die „Zentralbücherei Theresienstadt“ im gleichnamigen Ghetto gegründet. Diese beherbergte einerseits von den Ghettobewohnern konfiszierte Bücher, andererseits komplette geraubte Bibliotheksbestände aus Deutschland. Zusätzlich gab es eine geheime Sammlung von rund 28.000 hebräische Drucken, die vom sogenannten „Talmudkommando“, bestehend aus ausgebildeten Hebraisten, katalogisiert wurden. Insgesamt existierten zu Kriegsende in Theresienstadt um die 100.000 Bücher.

Das wiedereröffnete „Jüdische Museum in Prag“ (1945-1950) erhielt einen großen Teil der Ghettobücherei aus Theresienstadt (insbesondere deren Bestand an Hebraica) sowie eine Reihe von Beständen, die während der Kriegsjahre in Klöstern und Schlössern außerhalb Prags gelagert waren. Gleichzeitig wurden Bestände veräußert und restituiert und auch  Dubletten weitergegeben. Auch zur Zeit des „Staatlichen Jüdischen Museums in Prag“ (1950-1994) setzten sich die Bestandbewegungen in beide Richtungen fort.

Moderner Lesebereich

Moderner Lesebereich

Im 1994 neueröffneten JMP wurde die Bibliothek von Anfang an als selbständige Abteilung geführt und konnte sich zu einer modernen Forschungsbibliothek entwickeln. In mehreren Abteilungen befinden sich rund 135.000 Bände, von denen der Großteil entlehnbar ist. Der jährliche Zuwachs beträgt etwa 1.500 gedruckte Exemplare, zusätzlich werden den Benützern fachspezifische Datenbanken zur Verfügung gestellt. Im Jahre 1997 wurde das Bibliothekssystem ALEPH implementiert, 9.993 Exemplare wurden bis dato retrokonvertiert. Das achtköpfige Team besteht aus professionellen Bibliothekarinnen und Judaisten.

Die reichhaltige Museumshomepage bietet Information über alle Aktivitäten der Bibliothek.

 

NS-Provenienzforschung am JMP

Michal Bušek, Bibliothekar und Provenienzforscher, © JMP

Michal Bušek, Bibliothekar und Provenienzforscher, © JMP

Als Folge der historischen Umwälzungen des 20. Jahrhunderts, die in häufigen Bewegungen von Buchbeständen resultierte, sind die Bestände des modernen JMP mit Hinsicht auf ihre Provenienz in hohem Maße durchmischt. Dieser Umstand stellt eine besondere Herausforderung für die Prager Provenienzforschung dar. Ein weiteres für Prag typisches Problem ist, dass viel ursprünglich von den Nationalsozialisten geraubtes und in das Museum eingeliefertes Eigentum später vom kommunistischen Regime durch die Verstaatlichung ein zweites Mal enteignet wurde, und sich auch viele Spuren von Büchern und Objekten in dieser Zeit verlieren. Die Personalsituation ist knapp: Michal Bušek ist allein für den Großteil der Abläufe zuständig.

Als Erleichterung für die Provenienzforschung kann wiederum die gute Ressourcenlage gelten. Sie profitiert sehr von der weitgehenden und fachgerechten Erschließung der Bestände durch Generationen von Spezialisten, die trotz aller Widrigkeiten auch in den Zeiten des Nationalsozialismus und des kommunistischen Staates aktiv waren. Von den Restbeständen der Bibliothek der historischen Prager Israelitischen Cultus Gemeinde über den vom „Talmudkommando“ der Theresienstädter Ghettobibliothek geschaffenen Hebraica-Katalog bis zu den Kartenkatalogen der drei aufeinander folgenden Nachkriegsmuseen stehen qualitativ hochwertige bibliografische Daten zur Verfügung.

Die erfolgten Restitutionen sind auf der Website des Restitutionsprojektes  (Menüpunkt „Resolved restitution claims“) ersichtlich, jedoch einstweilen nicht im regulären Aleph-OPAC.  Zwischen 1991 und 2015 wurden fünf Bücher und 280 Objekte restituiert. Bei den Letzteren handelt es sich in der Mehrzahl um Werke der bildenden Kunst, darunter auch eine größere Anzahl von im Jahre 1996 zurückgegebenen Skizzenbücher und Zeichnungen aus Theresienstadt – eine Kategorie, die seit 2001 von der Restitution ausgeschlossen ist. Es werden derzeit keine offenen Fälle gemeldet.

Ich kann die beiden in der Bibliothek des JMP verbrachten Tage nur als äußerst lehrreich bezeichnen. Die faszinierende Geschichte des Hauses sowie die unübersehbare Begeisterung und Kompetenz, mit der Leitung und MitarbeiterInnen an einer verantwortungsvollen und nachhaltigen Provenienzforschung arbeiten, haben mich stark beeindruckt. Die baldige Einladung eines/r Vertreter/in des Bibliothek zur einem professionellen Treffen in Wien wäre sehr wünschenswert.

Fotonachweis: Sammlungen des Jüdischen Museums Prag.

 

MitarbeiterInnen des allgemeinen Personals, die sich für ein solches „Erasmus+ Staff Training“ interessieren, können sich im International Office der Universität Wien informieren.

 

Ihr interessiert euch für die Provenienzforschung? Hier könnt ihr lesen, warum ihr in Büchern der Universitätsbibliothek noch Hakenkreuze bzw. Staatssymbole finden könnt. Weitere Infos zur NS-Provenienzforschung gibt es auch hier.

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