Erika, Studentin der Orientalistik und Judaistik

März 1965

Die Frustration, dass es 20 Jahre nach dem Ende des Hitlerregimes, noch im März 1965, so viele von denen gibt, die für einen Professor auf die Straße gehen, der sich mit Stolz darauf beruft, in die NSDAP eingetreten zu sein, macht Erika wütend, aber sie frisst diese Wut in sich hinein, als das Transparent mit „Hoch Auschwitz“ vor ihren Augen vorbeizieht. Aug’ in Aug’ stehen sich die Lager gegenüber, hier die Antifaschisten, dort die Anhänger von Borodajkewycz Borodajkewycz Am 31. März 1965 gab es eine große Demonstration gegen Taras Borodajkewycz (1.10.1902–3.1.1984), Professor für Wirtschaftsgeschichte, dessen wiederholt geäußerte antisemitische und den Nationalsozialismus verteidigende Aussagen in den Vorlesungen u. a. von Ferdinand Lacina, dem späteren Finanzminister, dokumentiert worden waren. Dieser von linken Studierenden, ehemaligen Widerstandskämpfern und Gewerkschaften organisierten Demonstration stand eine vom Ring Freiheitlicher Studenten veranstaltete Kundgebung für Borodajkewycz gegenüber. Die Teilnehmer beider Demonstrationen gerieten schließlich aneinander. s. auch http://derstandard.at/1363706495607/Eine-oesterreichische-Affaere. .

Abb. 1_Report

Abb. 1:
Der Report (ORF), 29. März 2005, mit einem Beitrag über die Borodajkewycz-Demonstrationen – Bericht von Robert Wiesner
(http://www.euscreen.eu/play.jsp?id=EUS_7395EDACC4624F44A775F349E123FBB7)

Andere aus ihrem Bekanntenkreis bleiben weniger ruhig, geben ihrer Wut Raum. Sie wird immer die Ruhige bleiben, die Intellektuelle, die mit Worten wie mit einem Messer schneiden, mit Argumenten sezieren kann.

Borodajkewycz-Demonstrationen in Wien

Abb. 2:
Borodajkewycz-Demonstrationen in Wien, 31. März 1965 (Österreichische Nationalbibliothek, Bildarchiv, Inv.Nr. FO7398/01
(http://www.bildarchivaustria.at/Pages/ImageDetail.aspx?p_iBildID=394280)

Zu Hause liegen die „Volksstimme“ und „Weg und Ziel“, die „Monatsschrift für Theorie und Praxis des Marxismus-Leninismus“. Sie liest darin ein paar Tage später einen Nachruf auf einen, der mit ihr marschiert war, mit im Zug der Antifaschisten, gestorben an den Folgen eines Faustschlags. Kirchwegers Kirchwegers Bei der Demonstration wurde der ehemalige Widerstandskämpfer und Kommunist Ernst Kirchweger (12.1.1898–2.4.1965) von einem Rechtsextremisten (Günther Kümel) niedergeschlagen und starb am 2. April 1965 an den Verletzungen. Kümel wurde später zu zehn Monaten Gefängnis wegen Notwehrüberschreitung verurteilt. Tod riss die alten Erinnerungen auf, an die Flucht des Onkels, das Exil des Großvaters, den Tod der Tante, die nie etwas davon wissen wollte, Jüdin zu sein, und die immer gesagt hatte: „Wir sind ehrbare Katholiken, in Gottes Namen.“ Kirchweger war nicht in Gottes Namen gestorben, sondern von der Hand eines Mannes, der ein Regime verehrte, das ihre Familie zerrissen, verfolgt, zu Tod oder Exil verbannt hatte.

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