Februar 1388: Johann, Artistenstudent an der hoen schuel zu Wien

Abb. 4_Gründungsurkunde

Hartes Lager, Kälte. Freilich, Johann erwartet vom Osten mehr Sonne, aber der Winter scheint hier in Wien derselbe zu sein wie zuhause, frostig, und die mit so vielen geteilte Kammer fühlt sich klamm an, aber der Atem vieler Scholaren wärmt das Gewölbe der  Burse Burse Unter Burse versteht man die räumliche Gemeinschaft der Scholaren, wo gelehrt, gelernt, gegessen und geschlafen wurde. Es herrschte Bursenzwang, die Verpflichtung für jeden Scholaren, in eine Burse einzutreten. http://www.habsburger.net/de/kapitel/bursen-und-koderien-die-studentenheime-des-mittelalters   auf. Den während der Woche immer wieder vorgelesenen Aristotelestext bekommt er nicht aus dem Kopf, den kennt er buchstäblich schon auswendig. Einige Zeilen kommen ihm erneut in den Sinn. Das Repetieren hämmert wie Glocken in seinem Kopf. Er tut sich leicht mit der lateinischen Sprache. Als Scholaren sollten sie diese nicht nur lesen können, sondern eigentlich auch im Gespräch miteinander gebrauchen. Im Gewölbe fällt so manches ihm unbekannte Wort, das vielleicht sächsisch ist, jedenfalls fremd klingt. Woher sie nicht alle kommen, seine Mitscholaren! Aus allen Richtungen, niemand jedoch aus Halberstadt.

Abb. 1_Siegel Artistenfakultät
Abb. 1
Großes Siegel der Wiener Artistenfakultät, 1388 (Archiv der Universität Wien/August Steininger)
(http://www.univie.ac.at/archiv/rg/3.htm)

Ein Artistenstudium Artistenstudium Das Artistenstudium war eine Art Grundschule und Ausgangspunkt für alle weiteren Studien, die an der Theologischen, Medizinischen oder Juridischen Fakultät fortgesetzt werden konnten. Im Rahmen des Triviums (Dreiweg) wurden die Fächer Grammatik, Rhetorik und Dialektik, im Rahmen des Quadriviums (Vierweg) Arithmetik, Geometrie, Astronomie und Musik gelehrt. http://www.habsburger.net/de/kapitel/septem-artes-liberales-was-studierte-man-im-mittelalter
, das ist eine Besonderheit. Keiner seiner Freunde, mit denen er als Kind gespielt hatte, konnte ihn begleiten, denn entweder fehlte das Geld oder fehlten die Lateinkenntnisse. Und Johann selbst hatte damals noch nicht gewusst, was das eigentlich sei, so ein Artistenstudium. Repetieren und repetieren, ob nun die Quaestiones Quaestiones Für die lectio, die Auslegung klassischer Texte, hatte sich in der Scholastik eine literarische Form ausgebildet, die zugleich eine pädagogische Funktion bekam. Die quaestiones waren Fragen, welche die magistri (die Professoren) gemeinsam mit den Scholaren im Prozess um die Wahrheitsfindung beschäftigten. oder den Traktat. Durchhalten, denkt er sich, doch er fühlt sich noch so fremd in Wien. In der Uniform, die sie hier tragen müssen, sehen alle wie Kleriker aus. Die meisten Scholaren sind es auch. Johann ist froh, diese Tracht zu besitzen und überziehen zu können, denn seine eigenen Kleider hatten während der langen, von Halberstadt nach Wien führenden peregrinatio peregrinatio Die Wanderung (peregrinatio) von Scholaren und magistri zwischen Universitäten zählte zur selbstverständlichen Praxis des akademischen Lebens im Mittelalter. gelitten, hatten Löcher bekommen. Schlimm war zuletzt die Schiffsreise, denn die Donau zeigte sich sehr stürmisch. Aber er hatte unterwegs beim Anlegen einen Scholaren getroffen, der in die entgegengesetzte Richtung nach Halberstadt unterwegs war; ihm hatte er Grüße an seine Familie mitgeben können.

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Kommentare

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  1. | Ulrike Müller-Kaspar

    Herrlich. Ein wunderbar lebendiges Bild vom Werdegang eines Studenten im 14. Jahrhundert. Die Mäuse also waren schuld. …
    Was bedeutet „Artist“ hier genau? Anspielung auf die artes liberales?
    Danke jedenfalls für den Text, ich hab ihn sehr gern gelesen.

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  2. | sylvia ochs

    Schon nach den ersten Zeilen ist man “ im Bann der Geschichte“, moechte mehr wissen, Johann begleiten. Nicht nur fuer ihn eroeffnet sich eine neue Welt. Wunderbar!

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  3. | martina luger

    liebe marianne, deine geschichten sind immer wieder schön zu lesen! welche kunst!

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  4. | Helmut Zwander

    Eine wirklich gute Idee, die alte Zeit durch diesen Bericht aus der Versenkung zu holen.
    Das Eintauchen in die studentische Geschichte ist amüsant, macht aber auch sehr nachdenklich.
    Besten Dank!

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  5. | Bryan Jenner

    Wunderbar! Darf ich eine Übersetzung ins Englische anbieten?

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    1. | Admin

      Lieber Bryan Jenner,

      Danke für das Angebot. Die KollegInnen von uni-fiction melden sich per Mail an die Adresse, die du hier angegeben hast.

      Liebe Grüße (Admin)

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  6. | Walter

    Du baust eine schöne Stimmung auf, in die man gerne interessiert hineingeht.

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  7. | Martina Kaller

    Liebe Marianne!
    Das Artistenstudium erhält Profil, wiewohl der liebe studiosus lieber beim Tischlermeister Sepp (sic!) gelernt hätte.
    Ich freue mich schon auf die nächsten Geschichten zur Geschichte der Uni Wien in den folgenden Jahrhunderte. Unifiction ist wirklich eine schöne und gelungene Initative, und das Beste daran: sie trägt Deine Handschrift!
    Ich gratuliere Dir dazu und wünsche Dir aufrichtig jenen Erfolg, der Dir dafür zusteht.
    Mit besten Grüßen und guten Wünschen
    Martina

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  8. | Angelika

    Danke für die ansprechende Darstellung des Studierens im Mittelalter. Ich werde dies in meinen Unterricht einfließen lassen. Den Kindern in der 3. Klasse Volksschule gefallen diese Geschichten aus vergangenen Tagen besonders gut.

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