Februar 1524: Martin, angehender medicus zu Wien

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Martin greift auf sein cingulum cingulum Das studentische cingulum, ein Gürtel am Gewand, war Kennzeichen der Angehörigen der niedrigsten Stufe in der universitären Hierarchie, den Scholaren an der Artistenfakultät. Zur weiteren Gewandung siehe Thomas MAISEL, „Bellum Latinum“. Eine studentische Rebellion des frühen 16. Jahrhunderts in Wien, S. 216. . Fast hätte er vergessen, es sich umzubinden. Er trägt es, weil er dazu verpflichtet ist. Für klerikale Scholaren ist es ein Zeichen, dass man noch kein Graduierter ist. Immer wieder kommt ihm ein Begebnis in den Sinn, wiewohl er es selbst nicht erlebt hat. Aber es ist noch in aller Munde, hier in der codria ( Kodrei Kodrei Als Kodreien werden eigens für arme Studenten eingerichtete Wohnhäuser bezeichnet. ). Vor mehr als zehn Jahren, am Fronleichnamstag 1513, soll es bei einer Auseinandersetzung zwischen Weinbauern samt ihren Bediensteten und studiosi ein paar Tote gegeben haben. Erstere hänselten die Scholaren wegen ihres Habits. Diese ließen sich die Schmach nicht gefallen, der Gegensatz eskalierte.

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Abb. 1:
Holzschnitt mit Stadtansicht von Wien, Hartmann Schedel, Weltchronik (1493), Blatt 98v/99r (http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Nuremberg_chronicles_f_098v99r_1.png)

Der Stadtrichter war auf der Seite der Weinbauern, daher wehrten sich die studiosi; sie stürmten das Herzogskolleg und verlangten, dass sie von der Pflicht, das verpönte cingulum zu tragen, befreit würden. Ihrem Anliegen wurde vorübergehend stattgegeben, dann das Reglement aber wieder aufgehoben. Wegen der vielen Kontrollen durch die Stadtwache auf der Suche nach Waffen kam es im Sommer danach erneut zu Unruhen: Wie stand es eigentlich mit den Privilegien, Waffen tragen zu dürfen und nur der akademischen Rechtssprechung zu unterliegen? Hatten doch  die städtischen Garden die städtischen Garden Die Rechtssprechung bezüglich der Studenten lag in den Händen der Universität. Demnach stand es den Stadtgarden nicht zu, gegen die Studenten vorzugehen. wieder einmal durchgegriffen, was aber nicht rechtens war!

Durch die vielen Zusammenrottungen angestachelt, lehnten viele studiosi die Aufforderung ab, die Waffen abzugeben. Infolge der andauernden Unruhen verwies der Rektor alle Studenten, die nicht in der Matrikel eingeschrieben waren oder auch in nicht genehmigten Bursen wohnten, aus der Stadt.

Das war eine aufregende Zeit! Eine, in der Solidarität keinen schalen Beigeschmack hinterließ. Denn fast die Hälfte aller Studenten schloss sich damals, 1514, dem Auszug an, der sich wie eine Prozession formierte. Martins Onkel, der anno dazumal Augenzeuge war, sprach voller Verachtung von einer bösen Meute. Martin hingegen musste es sich verbeißen, sich ob seiner Sympathie für den studentischen Mut zu verplappern! Schade, dass er seinerzeit noch ein Kind war. Er wäre damals auch mitgezogen, denkt er sich ganz heimlich.

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Kommentare

  1. | Heg

    Für alle, welche das Liebesgedicht des Konrad Celtis reizt:
    „Über die Nacht und den Kuss Hasilinas, auf erotische Art (geschrieben)“.
    Im Original nachzulesen in Celtis Oden, 1. Buch, Lied 10.

    Im übrigen ist der ganze Text sehr lesenwert und kann zur Lektüre empfohlen werden.

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