Gedanken einer ‚späten’ Studentin

Herta Grabmayer

Herta Grabmayer hat bewiesen: für ein Studium ist man nie zu alt! Mit 76 Jahren absolvierte sie ihr Studium an der Fakultät für Psychologie, warum sich Herta für Psychologie entschieden hat und warum sich ein Studium auch im Alter lohnt, lest ihr hier…

Zur Vorgeschichte

Als mir – 1954 – meine Eltern den Studienwunsch aus dem Kopf schlugen, war ich bitter enttäuscht. Studieren solle der Bub, so mein Vater, für mich, das Mädchen, sei eine berufliche Ausbildung sinnvoller. Später stellte sich heraus, dass mein Bruder keinerlei Bock auf ein Studium hatte, doch da war ich schon eher auf berufliche Weiterbildung als ein Studium fixiert. So verlor ein Wechsel ins Studentenleben während vieler Jahre seine Anziehungskraft für mich, sodass sich erst am Ende meines Berufslebens dieses Verlangen wieder ins Bewusstsein drängte: „entweder jetzt – mit 60 – oder ich bereue zeitlebens, es nicht zumindest versucht zu haben“.

Vorher verlangte diese Entscheidung allerdings noch die Absolvierung mehrerer Prüfungen, um die Studienberechtigung zu erhalten. Für eine dieser Prüfungen war es dann auch notwendig, mein viele Jahre zurückliegendes Hauptschul-Mathe-Wissen auf Studienniveau zu heben. Das war harte Arbeit. Aber – aus heutiger Sicht – unverzichtbar als Vorbereitung auf das Studium.

Warum Psychologie?

Ich analysiere gerne Dinge, die sich in meinem Umfeld abspielen. Dabei erstaunte mich immer das unterschiedliche Handeln von Menschen in ein und derselben Situation. Zuerst versuchte ich dieses Phänomen über die Astrologie zu klären, erkannte aber bald die Grenzen zwischen allgemeiner Menschenkenntnis und professionellem Wissen über die Vielschichtigkeit menschlicher Verhaltensweisen, sodass mir ein Psychologiestudium folgerichtiger schien. Schließlich wird die Psychologie als jene Wissenschaft bezeichnet, die sich mit dem Erleben und Verhalten von Menschen beschäftigt.

Herausforderung ‚Statistische Methoden’

Der Weg zum Erkennen unterschiedlicher Erlebens- und Verhaltensweisen führt allerdings – auch – über statistische Wahrscheinlichkeiten. Das bedeutet, dass im Psychologiestudium neben vielen spannenden Fächern eben auch Kenntnisse über statistische Messverfahren vermittelt werden. Sie sind Grundlage für wissenschaftliches Arbeiten, denn Studienergebnisse unterliegen der Beweisführung. Gerade in diesen Fächern bestritt ich manches Prüfungsduell: nämlich gegen Multiple-Choice-Tests! Ich muss zugeben, dass Jüngere oft die besseren Lernstrategien haben, weil sie sich zur Vorbereitung an frühere Testfragen halten, ich aber die Theorien verstehen wollte. Ein Mittelweg wäre wohl besser.

Studium im Alter

Mein Alter – jetzt 76 – stand während des gesamten Studiums an der Universität Wien nie zur Debatte. Nie, wenn es um die Zusammenarbeit mit jungen Studierenden ging oder mit den Lehrenden und schon gar nicht bei Prüfungen. Schließlich sind Prüfungsbedingungen für alle Altersgruppen dieselben. Erst bei der Klärung der Frage, ob es am Alter liegen könne, weil meine Semesterzahlen beständig stiegen, entdeckte ich zwei Gründe:

  1. Da ist einmal das älter werdende Gedächtnis. Es benötigt zweifellos mehr Wiederholungen. Vor allem wenn umfangreiche Lerninhalte zu speichern sind. Bewältigen junge Studierende hunderte von Lernseiten in drei Wochen, war ich erst in drei Monaten so weit.
  2. Einen weiteren Zeitfresser muss ich unter den ‚Luxus des Studiums im Alter’ einreihen, denn bei Themen, die mich stark interessierten, besuchte ich zusätzliche Seminare, auch an anderen Fakultäten oder las weiterführende Literatur. Dennoch: wenn es die Zeit zulässt, würde ich empfehlen, möglichst viele Angebote der Universitäts-Wissensschatzkiste zu nutzen. Sie sind später nicht mehr ohne zusätzlichen Kostenaufwand erhältlich.

 

Meine Diplomarbeit

Schreibtisch-Chaos während der Diplomarbeit

Schreibtisch-Chaos während der Diplomarbeit

Ich habe versucht, die Grundelemente von Lebenserfahrung, ich nenne sie Biografische Intelligenz, ausfindig zu machen. Mein Modell enthielt fünf Variablen, von denen ich erwartete, dass sie beim Erwerb von Lebenserfahrung eine maßgebliche Rolle spielen. Das Ergebnis ist bemerkenswert. Und durch die Betreuung an der Universität Klagenfurt, erweiterte sich auch mein Uni-Erfahrungshorizont.

 

Resümee

Hat sich die Entscheidung – im Alter noch ein Studium zu beginnen – gelohnt? Ja, absolut. Das führt natürlich zur Erkenntnis, dass die Entscheidung meiner Eltern, die auf den sozialen Umständen und Denkweisen dieser Zeit beruhten, sich – im Alter – als korrigierbar, ja sogar als vorteilhaft erwiesen hat. Warum? Weil auch noch im Alter die Vorteile überwiegen. Nachteilig empfinde ich nämlich nur, dass die Zeit für eine Nutzung der erworbenen Kenntnisse im Alter kürzer ist als in jüngeren Jahren.

Für jene, die ein ‚spätes’ Studium in Erwägung ziehen, aber noch zögern, könnten die Vorteile – ich finde sechs – eine Entscheidungshilfe sein. Sie ermöglichen, auch im Alter – geistig – jung zu bleiben.

  1. Das Gelernte entspricht dem aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnisstand und führt in neue, anregende Umgebungen.
  2. Das alternde Gedächtnis wird beharrlich gefordert.
  3. Der Umgang mit jungen Menschen fördert die Anpassung und Offenheit.
  4. Das Schritthalten mit der Entwicklung elektronischer Geräte fällt durch fortwährende Angleichung relativ leicht.
  5. Das Einhalten von Terminen und Verfassen von Referaten lässt Altersbeschwerden vergessen.
  6. Es ergeben sich Freundschaften mit jüngeren Menschen, sogar langjährige und gemeinsame Unternehmungen.
Meine Studienkollegin

Meine Studienkollegin und Freundin

 

Wir gratulieren Herta Grabmayer herzlich zu Ihrem Abschluss und wünschen für die Zukunft weiterhin viel Erfolg!

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Kommentare

  1. | germain Weber

    Ein schönes und Mut machendes Beispiel von Lebenslangem lernen!
    Es ist wirklich nie zu spät etwas zu beginnen und abzuschließen!
    Gratulation zum Erreichten!

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    1. | herta grabmayer

      Oh, vielen Dank.

      Oft denke ich, dass das Potential älterer Studierender für Universitäten durchaus von Nutzen sein könnte, besonders in Zeiten von Finanzierungsnöten. Ältere Studierende unterliegen nicht mehr jenem Zeit- und Karrieredruck, dem Jüngere ausgesetzt sind. Und manchmal träume ich von generationsübergreifenden Forschungs- oder Ideenwerkstätten, die sich gegenseitig inspirieren. Naja, man wir doch noch träumen dürfen ☺!

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  2. | Christine Heyduk

    Danke an Diejenigen, die es ermöglichen, auch altersgemischte Vielfalt zuzulassen: an die „Älteren“, die sich diesem System und den „Jungen“ zumuten. An die Jugend, die ältere Studierende nicht als Ressourcen-Konkurrenz abtun und gleichberechtigtes Miteinander zulassen. Und an die Lehrenden, die den Rahmen und die Herausforderungen dafür schaffen und zur Verfügung stellen. Herzliche Gratulation Herta Grabmayer zu dem Mut, der Ausdauer und dieser tollen Leistung!!!

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    1. | herta grabmayer

      Dankeschön! Ganz in meinem Sinne.
      Und ich denke fast, es liegt an uns Älteren, auf die Jüngeren zuzugehen um Ihnen zu helfen, Neues zu gestalten.

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  3. | Irene

    Gratulation!
    Ich selbst bin auch schon eine „reifere“ Studentin. Ich habe allerdings bereits in jungen Jahren ein (naturwissenschaftliches)Studium absolviert und mir jetzt, kurz vor meiner Pensionierung , noch ein Kunstgeschichte-Studium gegönnt. Ich genieße es sehr!

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    1. | herta grabmayer

      Danke.
      Und Sie drücken genau das aus, was ich mit dem ‚Luxus eines Altersstudiums’ meine: es wird nun möglich, den Wissenserwerb zu ‚genießen’.

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  4. | Waltraud Sesserr

    Meine Gratulation und Hochachtung, es ist wirklich nie zu spät Träume zu verwirklichen.

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    1. | Nigl Adolf

      Kritikaster gibt es natürlich überall,
      aber wie immer man zu diesem Thema stehen mag- und wenn man keine Studentensprache spricht und nie einen Hörsaal von innen gesehen hat- dieser Leistung muss man Respekt und Anerkennung zollen.
      Gratulation Herta zu Deinem Studienabschluss.

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