Gefahren und Möglichkeiten der Digitalisierung der Arbeit

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Philipp Hergovich ist Doktorand an der Vienna Graduate School of Economics (VGSE), und beschäftigt sich vorwiegend mit Themen der Makroökonomie. Im Blogbeitrag zur aktuellen Semesterfrage setzt er sich mit der Frage auseinander, ob und wie die Digitalisierung den Arbeitsmarkt verändern wird:

 

Vorhersagen sind schwierig …

http://www.publicdomainpictures.net

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Ein zentraler Aspekt unseres täglichen Lebens ist die Arbeit und daher sollten wir alle darüber nachdenken, wie sich Digitalisierung in diesem Bereich auswirken wird. Seit jeher scheitern Versuche, Entwicklungen im Zusammenhang mit technologischem Wandel vorherzusagen, auf spektakuläre Weise. Der vom IBM Manager Thomas Watson im Jahre 1943 geschätzte weltweite Bedarf von etwa 5 Computern reiht sich ebenso in diese Liste wie die vom berühmten Ökonomen John Maynard Keynes prognostizierte 15 Stunden Woche. Die Sorge um den Verlust von Arbeitsplätzen ist eine Begleiterscheinung des technischen Wandels und negative Folgen für den Arbeiter wurden bereits im 18. Jahrhundert von Thomas Mortimer[1] beschrieben, und seither oft wiederholt. Auch im jetzigen Umfeld von Industrie 4.0 sorgte eine Studie für Aufsehen, die 47% aller Jobs[2] durch Maschinen gefährdet sah. Eine neuere Studie korrigierte den Wert auf etwa 9% in den OECD Ländern[3], und wieder andere Studien betonen zu Recht wie schwierig es ist abzuschätzen, welche neuen Betätigungsfelder und Jobchancen sich aus diesen Entwicklungen ergeben können. In diesem Sinne möchte ich hier einige Aspekte aufzeigen, die in der aktuellen Diskussion eher selten aufkommen.

Quelle: Wikimedia Commons

Quelle: Wikimedia Commons

 

Wie kommt es zu den eingangs erwähnten Diskrepanzen, wenn Experten die Auswirkungen von Automatisierung auf die Zahl der Arbeitsplätze diskutieren? Betrachten wir 4 Punkte, die eine wesentliche Rolle spielen, und deren Gewichtung und die Vorhersage deren Entwicklung schwierig ist:

  • Nicht alles, was theoretisch automatisierbar ist, wird auch automatisiert. Üblicherweise sind es vor allem einzelne Routine-Arbeitsschritte, die besser von Maschinen oder Algorithmen erledigt werden können, selten jedoch ganze Berufe.
  • Kosten und Vorhersehbarkeit spielen eine Rolle. Menschen reagieren viel besser auf unvorhergesehene Situationen, in denen Erfahrung und Intuition eine Rolle spielen, und sind in der Lage komplexe Probleme zu lösen und es wäre bei vielen Arbeitsschritten sehr kostenintensiv, alle möglichen Optionen zu berücksichtigen. Das frei übersetzte Zitat, „der Mensch sei das billigste, universell einsetzbare System zur Lösung nichtlinearer Probleme, welches ohne besondere Voraussetzungen hergestellt werden kann [4]“, diene als Ausganspunkt für diverse Überlegungen.
  • Gesetze und politische Überlegungen. Zusätzlich dazu ist bei den tatsächlichen Auswirkungen auf Arbeitsplätze die Rolle der Gesetzgebung nicht zu unterschätzen. Als Illustration bedenke man eventuell Flugzeugpiloten, deren Hauptaufgabe, neben dem Start, die Überwachung der reibungslosen Arbeit des Autopiloten-Systems ist. Auch die Politik und dadurch die Gesellschaft im Ganzen haben die Möglichkeit auf den Prozess einzuwirken und neben Kostenkalkulation auch andere Aspekte der Arbeit, wie zum Beispiel die soziale Komponente, einzubringen. Einen weiteren Aspekt beschreibt Professor Brynjolfsson treffend in einem Artikel zur Frage, ob der Mensch das Schicksal des Pferdes im Produktionsprozess teilen wird. Als ultimativen Unterschied in den jeweiligen Gestaltungsmöglichkeiten schreibt er: „Menschen können revoltieren“, und weist auf die ökonomisch motivierten Protestbewegungen der letzten Jahre hin (Occupy, Anti-Austeritäts Demonstrationen in Griechenland). [5]
  • Es entstehen auch neue Jobs. Es ergeben sich durch den technischen Fortschritt auch neue Betätigungsfelder, oft auf Kosten bereits existierender Berufe. Stark vereinfacht könnte man sagen, dass die mechanischen Webstühle zwar Weberinnen ersetzt haben (es könnte auch einfach die Produktivität gestiegen sein), jedoch Bedarf an Reparaturleistungen durch Menschen generiert haben. Der Nettoeffekt von Digitalisierung auf Jobs ist noch schwieriger zu bestimmen, als der mögliche Verlust an Arbeitsplätzen.

Welche Folgen sind zu erwarten?

Abgesehen von der Größe des Effekts, scheint es doch die übereinstimmende Meinung zu sein, dass gewisse Jobs durch Formen der Digitalisierung wegfallen werden. Beleuchten wir zwei der möglichen Szenarien.

  1. Einerseits könnte es aufgrund der geringeren Nachfrage nach gewissen Arbeitsleistungen zum Sinken der jeweiligen Löhne kommen, was weitere Digitalisierung relativ verteuern würde und daher der vollständigen Digitalisierung entgegenwirkt. Arbeitslose müssten sich neue Betätigungsfelder suchen und könnten in teurere Produktionsprozesse abwandern, etwa in die Produktion von hochwertigen weil handgemachten Produkten, welche sich aufgrund des jetzt höheren Angebots verbilligen und leistbar würden. Billiger werdende Produkte würden den Real-Lohn erhöhen, wodurch der allgemeine Wohlstand wieder steigen würde. Eine notwendige Voraussetzung für diesen an sich positiven Prozess ist die Kompatibilität der Fähigkeiten der Menschen, die den Job verlieren, mit den Anforderungen in den Sektoren, in welche sie wandern sollen.
  2. Was passiert mit jenen, deren Fähigkeiten nicht in der Produktion hochwertiger Produkte nachgefragt werden? Diese Arbeitnehmer scheiden entweder dauerhaft aus dem regulären Arbeitsmarkt aus und sind fortan auf das Sozialsystem angewiesen, oder versuchen in andere Sektoren zu kommen, in denen sich Digitalisierung wegen der niedrigen Lohnkosten nicht rentiert. Ein Unterschied in der jetzigen Technologisierungswelle scheint zu sein, dass auch im Dienstleistungsbereich Jobs wegfallen, jenem Sektor, der bisher den Wegfall von Stellen in der Produktion aufgefangen hat.

Was soll geschehen?

Quelle: Wikimedia Commons

Quelle: Wikimedia Commons

Kann Automatisierung schlecht sein, oder anders gefragt, sollte man sich der Digitalisierung bewusst verschließen? Ökonomisch gesehen stellt die gleiche Produktion mit weniger Ressourceneinsatz einen Effizienzgewinn dar, den man nutzen kann, um alle besser zu stellen. Dies gilt umso mehr, als es sich bei der eingesparten Ressource um Lebenszeit handelt, ein Umstand, der auch abseits der Mainstream-Ökonomie begrüßt wird (vergleiche: Zeitwohlstand). Das Besondere am Arbeitsmarkt ist, dass dieser für die meisten Menschen die Hauptquelle der Einkünfte darstellt und dieser damit eng mit der Verteilung von Gütern und Wohlstand verbunden ist. Grundsätzlich könnten alle Beteiligten einer Volkswirtschaft besser gestellt werden, wenn die Effizienzgewinne richtig verteilt würden. Dies ist auch eine politische Frage, ob es gelingt, Verteilungsmechanismen zu schaffen, die zu einer Besserstellung der Allgemeinheit führen können. Eine verstärkte Beteiligung an den Kapitalmärkten könnte die Effizienzgewinne gleichmäßiger verteilen und die Gewinne von Firmen sozialisieren. Wie sich die verstärkte Möglichkeit, Arbeitskraft durch anderweitige Inputs zu substituieren auf Variablen wie Beschäftigung, Gewinn und Firmenwert auswirkt, ist ein wesentlicher Teil meiner Forschungen. Erste Resultate lassen einen komplexen Zusammenhang vermuten, bei dem vollautomatisierte Produktion nicht das soziale Optimum ist. Dies kommt unter anderem durch die hohen Kosten der vollständigen Automatisierung, aber auch Nachfrageeffekte spielen eine Rolle.

 Ein schon mehrfach angedeutetes Problem der Digitalisierung ist die Ungleichheit der hervorgerufenen Effekte. In Jobs, welche mit der fortschreitenden Digitalisierung und Automatisierung „mithalten“ (beispielsweise ProgrammiererInnen), beobachten wir das Gegenteil von Zeitersparnis. Die immer komplexeren Anforderungen, die diese Positionen gegen den technologischen Wegfall schützen, machen diese auch langwieriger und unteilbarer. Diese Leute stoßen an die Grenzen der gesetzlichen Höchstarbeitszeit, weil die zu erledigenden Aufgaben anspruchsvoll und zeitintensiv sind. Die Arbeit von einer Person kann jedoch nicht ohne weiteres 50:50 auf zwei Personen aufgeteilt werden, eben weil die Schritte nicht problemlos standardisier- und teilbar sind. Arbeitsschritte aufzuteilen und von Vielen bearbeiten zu lassen, bringt uns zum Begriff des „crowdworking“.

Bei dieser Form der Arbeit werden größere Aufgaben in kleinere Teile aufgeteilt und online an viele Leute vergeben, die diese dann ausführen. Das Ergebnis wird dann wieder zusammengeführt und dem Kunden der crowdworking-Plattformen übergeben.[6] Beispiele für diese Art der Bearbeitung sind das Generieren von Informationen, beispielsweise Preise von Konkurrenten vergleichen, Texte erstellen und Korrekturlesen. Komplizierte Tasks in kleinere Einheiten zu zerlegen, diese zwischen Mensch und Maschine aufzuteilen und die einzelnen Resultate dann koordiniert wieder zusammenzufügen, könnte daher eine wichtige Fähigkeit werden, um am Arbeitsmarkt zu bestehen, und darüber hinaus die vorhandenen Aufgaben effizient auf alle Arbeitssuchenden aufzuteilen.

Das Beste zum Schluss?

Obwohl bewusst sehr allgemein gehalten, kann sich auch diese Ausführung in die eingangs erwähnten Irrtümer der Zukunftsprognosen einreihen. Wesentlich erscheint jedoch, Digitalisierung wahrzunehmen und sie im öffentlichen Diskurs zu berücksichtigen. Konzepte wie Bedingungsloses Grundeinkommen oder Maschinensteuern wurden und werden schon vor diesem Hintergrund diskutiert, und auch ökologische Aspekte werden angesprochen. Auch über Zugang und die Rolle von Bildung muss nachgedacht werden, da sich die Anforderungen an mündige Mitglieder der Gesellschaft wandeln. Menschen, die heute nicht in Online Shops einkaufen können oder wollen, werden schwer in den Genuss der personalisierten Produkte kommen, die Industrie 4.0. unter anderem verspricht. Über die „technologische Mündigkeit“  lohnt es sich darüber nachzudenken, welche Aufgaben auch in Zukunft noch dem Menschen vorbehalten sein könnten.

Abwechslungsreiche manuelle Tätigkeiten verbunden mit Kreativität sind wahrscheinlich ähnlich schwer zu automatisieren wie komplexe technische Aufgaben. Sich den Entwicklungen von vornherein zu verschließen, kann für eine Gesellschaft nicht zuletzt wegen der Globalisierung und der daraus resultierenden internationalen Konkurrenz problematisch sein. Daher sollten diese Agenden auch in internationalen Gremien diskutiert werden. Es gibt viele offene Fragen und noch mehr Ungewissheit, sowohl Grund zu Sorge wie auch zu Optimismus. Und wer weiß, vielleicht geht sich ja doch noch eine 15-Stunden-Arbeitswoche aus.

 

Fußnoten:

[1] vergleiche: Mokyr, Vickers und Ziebarth (2015) „The History of Technological Anxietyand the Future of Economic Growth: Is This Time Different?”, Journal of Economic Perspectives

[2] Frey und Osborne (2013) „The future of Employment: How Susceptible are Jobs to Computerization”, Oxford

[3] Arntz, Gregory und Zierahn (2016) „The Risk of Automation for Jobs in OECD countries”, OECD

[4] http://quoteinvestigator.com/2016/02/01/computer/

[5] Brynjolfsson and MacAfee in „Foreign Affairs; July/August issue 2015”

[6] Beispielsweise: www.clickworker.de

 

Wenn ihr euch nach diesem interessanten Blogbeitrag für weitere Antworten zu unserer derzeitigen Semesterfrage interessiert, lest im uni:view Magazin weiter: http://semesterfrage.univie.ac.at. Im Forum von derStandard werden bis zum Semesterende vier ExpertInnen-Artikel veröffentlicht, dort habt ihr ebenso die Möglichkeit unseren WissenschafterInnen Fragen zu stellen und mitzureden. Und vergesst nicht auf unsere abschließende Podiumsdiskussion am 16. Jänner 2017, alle Infos findet ihr hier.

 

 

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