Gletscher, Eisbären, Nordlichter und … Mangos?! Studieren in der Arktis.

Wohnen am Meer. Dieser Ausblick erwartet mich jeden Morgen, wenn ich das Wohnheim verlasse und zur Uni spaziere.

Sarah Elise Sapper macht im Rahmen ihres Master-Studiums am Institut für Geographie derzeit einen Auslandsaufenthalt am University Centre in Svalbard (UNIS), dem nördlichsten Universitätszentrum der Welt. Was sie genau studiert, warum sie zu Beginn ihres Semesters ein mehrtägiges Sicherheits- und Überlebenstraining absolvieren musste und vieles mehr, erzählt sie hier:

Svalbard? Große Fragezeichen in den Gesichtern der Leute, denen ich von meinen Studienplänen in der Arktis erzähle. Svalbard ist im deutschen Sprachgebrauch besser bekannt unter dem Namen Spitzbergen. Ein Problem bei der Klärung der Frage nach dem Wo war oft, dass Svalbard schon zu weit nördlich liegt um auf so mancher Karte abgebildet zu sein. Mit der Antwort „in der Nähe vom Nordpol“ konnten sich dann schlussendlich alle zumindest die Richtung vorstellen, die ich einschlagen würde. Worauf unisono die nächste Frage folgte: Ist es dort nicht kalt?

UNIS – Abenteuer-Studium in der Arktis

Seit mehr als zwei Monaten lebe ich nun schon in Longyearbyen, mit 2.100 Einwohnern die größte Siedlung auf Svalbard. Das „in der Nähe vom Nordpol“ ist gar nicht so weit hergeholt. Longyearbyen liegt auf 78° nördlicher Breite und nur 1.300km vom Nordpol dafür aber 2.000km von der Hauptstadt Oslo entfernt.

Der Grund für den Umzug in die Arktis ist das UNIS (the University Centre in Svalbard), das nördlichste Universitätszentrum der Welt, an dem ich im Moment studiere. Das UNIS bietet Kurse in den Studienrichtungen arktische Biologie, Geologie, Geophysik und Technologie an. Ich studiere als Master-Studentin am Institut für arktische Geologie im Fachbereich Glaziologie (nicht Köpfe mit schwindender Haarpracht sind gemeint, sondern Gletscher). Für Glaziologen ist es hier wie im Paradies, sind doch 60% der Fläche der Inselgruppe von Gletschern bedeckt. Für Master- und PhD-StudentInnen werden kombinierte Intensivkurse angeboten, welche zirka fünf Wochen dauern. Einen solchen Glaziologie Kurs habe ich bereits beendet, im Moment belege ich einen weiteren Kurs über Permafrost. Intensivkurs bedeutet, dass täglich mehrere Stunden Vorlesungen, Seminare und Übungen am Stundenplan stehen. Die Vortragenden dafür werden aus der ganzen Welt eingeflogen und sind nicht selten die Koryphäen der jeweiligen Forschungsfelder, die gerade behandelt werden. Das Niveau ist daher ein sehr hohes, die Unterrichtssprache ist Englisch. Besondere Schmankerln sind die Exkursionen und Feldarbeiten, die im Freiluftlabor und Abenteuerspielplatz Svalbard wöchentlich durchgeführt werden. Wanderungen und Messungen auf und in den örtlichen Gletschern stehen genauso auf dem Programm wie lange Schneemobilexkursionen an die Süd- und Ostküste. Bei diesen werden leicht einmal 150km durch Täler, über Bergketten, Gletscher und Meereis zurückgelegt, um zu besonders eindrucksvollen Lehrbuchbeispielen zu fahren. An solchen Tagen kommt es mir unvorstellbar vor, dass es sich dabei um Uni handelt und ich sogar ECTS Punkte bekomme.

Uni oder Wohnzimmer? Die Grenzen verschwimmen

Das Klima am UNIS ist zum Studieren sehr gemütlich. Die Uni ist ein moderner Holzbau, der nicht mit Straßenschuhen betreten wird. In Socken oder Hauspatscherln rutscht man durch die Gänge (ja, natürlich gibt es Weitrutschwettbewerbe, die SSCs – SockSlidingContests) und fühlt sich viel eher wie in einem großen Wohnzimmer als auf der Uni. Die Vorlesungssäle erinnern an bequeme Kinos mit einem Bergpanorama vor den Fenstern – Ablenkung garantiert! – und in der Bibliothek hängt sogar eine Hängematte! Ein wunderbarer Ort für ein Mittagsschläfchen! Es ist augenscheinlich, dass hier Geld vorhanden ist und in Bildung und Forschung gesteckt wird. Das führt zu einem sehr angenehmen und motivierenden Umfeld, in dem ich auch gerne mal am Wochenende auf die Uni gehe, wenn ein Schneesturm wütet, der nicht sonderlich zum Wandern animiert. Alle Räume auf der Uni können nämlich jederzeit betreten werden.

Ein besonderes Highlight des Studentenlebens auf der Uni sind die wöchentlich stattfindenden „Friday gatherings“. Jeden Freitag nach den Vorlesungen wird ab vier Uhr im Kamin der Mensa ein offenes Feuer entfacht und versorgt mit Eisbär-, Arktis- oder Nordlichtbier gemütlich in das Wochenende gestartet. Zu späterer Stunde wandelt es sich schon mal zu einer Après Ski Party, wo wild hüpfend in Skiunterwäsche und Socken zu heimischer Hüttenmusik getanzt wird.

1.000 ways to die in Svalbard

 Eisbärengefahr sobald man die Siedlung verlässt.

Eisbärengefahr sobald man die Siedlung verlässt.

Bereits am ersten Uni-Tag merke ich, dass es hier etwas anders abläuft als zu Hause. Das arktische Sicherheits- und Überlebenstraining steht an. Etwas, dass ich bis dato geglaubt habe niemals zu benötigen, bildet gleich den ersten Programmpunkt: Schießtraining. Ja genau, wegen der Eisbären! Hier auf der Insel übertreffen die Eisbären die Menschen zahlenmäßig und werden als sehr ernstzunehmende Gefahr eingestuft. Die Verteidigungsmaßnahmen lauten Signalpistole und Rifle. Wir fahren zum Schießplatz in die Berge hinauf und nach einer kurzen theoretischen Einführung bekommen wir auch schon die Gewehre in die Hand gedrückt. Bestanden ist das Schießtraining, wenn man es am Ende schafft, jeweils 4 Schüsse aus dem Liegen und Knien auf der Zielscheibe in 30 Metern Entfernung zu platzieren.

Ein seltsames Gefühl, das Schießen, der Lärm und Geruch, aber vor allem der Gedanken daran, was in einer Gefahrensituation das Ziel wäre. Nicht die weiß-schwarze Zielscheibe!

Ein weiteres Highlight ist definitiv das Schneemobil-Fahrtraining. Warm eingepackt in einen Schneemobil-Anzug, Schuhe, Gesichtsmaske und Helm, in denen man sich wie ein Astronaut fühlt und sich auch dementsprechend bewegt, machen wir unsere erste Ausfahrt. Wichtig dabei ist, und jedem ans Herz zu legen, der einmal auf einem Schneemobil sitzen wird, beim Fahren aktiv zu sein. Die Schneemobile können in geneigtem Terrain erstaunlich schnell umkippen, vor allem wenn auch noch ein Schlitten angehängt ist. Ich schreibe hier aus Erfahrung :) Ansonsten macht es irrsinnig viel Spaß damit durch die Gegend zu düsen und die atemberaubende Landschaft zu erkunden, von Rentieren den Weg versperrt zu bekommen oder einfach mit dem Beifahrer laut singend das nicht vorhandenen Radio zu ersetzen.

Schneemobile sind auf Spitzbergen im Winter das wichtigste Fortbewegungsmittel.

Schneemobile sind auf Spitzbergen im Winter das wichtigste Fortbewegungsmittel.

Da für den Glaziologiekurs teilweise recht lange Exkursionen geplant sind, lernen und üben wir unter anderem die Errichtung von Notfallcamps und wie wir uns selber mit Eis-Spikes retten können, wenn wir ins Meereis einbrechen. Ein Sicherheitsgefühl hat das Sicherheits- und Überlebenstraining nicht wirklich vermittelt. Eher hat es einem die ganzen Gefahren erst klar gemacht, die hier auf einen warten: 1.000 ways to die in Svalbad. Aber das schreckt uns hier nicht ab und im Laufe der nächsten Wochen konnten durch persönliche Erfahrungen noch viele weitere zur Liste hinzufügen werden.

High Tech – Studentenwohnheim und das alltägliche StudentInnenleben in der Arktis

So weit entfernt Svalbard auch vom restlichen Europa scheint und so abenteuerlich wird es, sobald man den Ort verlässt, so normal läuft das Leben hier in Longyearbyen ab. Schwimmbad, Kino, Mangos im Supermarkt, Restaurants, Bars und lokal gebrautes Bier aus der nördlichsten Brauerei der Welt sind hier zu finden.

Gewohnt wird hier als Studentin im StudentInnenwohnheim. Ich habe ein Zimmer im erst letzten Jahr errichteten Wohnheim mit Meerblick, fünf Minuten von der Uni entfernt, bekommen. Während der ersten Wochen hier wurde der 2. Stock des StudentInnenwohnheims ausschließlich von den StudentInnen aus meinem Glaziologiekurs bewohnt – eine große Familie Gleichgesinnter. Das führt zu einem starken Gruppengefühl und einem sehr schnellen Kennenlernen der StudienkollegInnen. Wir verbringen den ganzen Tag zusammen. Angefangen in der Früh in der wir uns in der großen Küche zum Frühstücken treffen. Gemeinsam gehen wir zur Uni hinüber, welche an Vorlesungstagen sehr human zwischen neun und zehn Uhr beginnt. Am Abend wird zusammen gekocht und dann steht meistens die Entscheidung an, ob wir in der Küche bleiben oder ins zweite Wohnzimmer, die Svalbar (geniale Wortschöpfung) hinübergehen. Das Beste an der Wohnsituation ist auf jeden Fall, dass alle MitbewohnerInnen denselben Tagesablauf haben. Das motiviert einerseits zum Lernen, wenn alle anderen sowieso auch gerade lernen müssen, und andererseits lassen sich leicht Leute für Freizeitaktivitäten finden, weil alle zur selben Zeit frei haben.

Wohnen am Meer. Dieser Ausblick erwartet mich jeden Morgen, wenn ich das Wohnheim verlasse und zur Uni spaziere.

Wohnen am Meer. Dieser Ausblick erwartet mich jeden Morgen, wenn ich das Wohnheim verlasse und zur Uni spaziere.

Die Freizeit verbringen wir im Freien. Anderswo geht man am Wochenende in den Park, hier geht man zu den Gletschern am Ende des Tals. Wandern, Skitouren gehen, Langlaufen, in den Gletscher klettern oder sogar im Gletscher schlafen, Zelten, Ausfahrten mit Schneemobilen und Hundeschlitten. Die nötige Ausrüstung für diverse Aktivitäten kann man sich häufig bei der Uni ausborgen.

So zum Beispiel auch ein Gewehr, ohne welches die Siedlung aufgrund der Eisbärengefahr nicht verlassen werden darf. Um die Möglichkeit für Erkundungstouren zu bieten, veranstaltet die Uni jeden Mittwoch eine ‚Rifle Lotterie‘. In Gruppen von 6 Personen kann man sich nach erfolgreicher Absolvierung des Schießtrainings für ein Gewehr bewerben und für eine Woche gewinnen. Auf jeder Wanderung über die Ortsgrenzen hinaus sind ein Gewehr und eine Signalpistole, verpackt in einer orangenen, wetterfesten Hülle, dabei. Zuhause unvorstellbar, hier ganz normal. Zum Glück haben wir die Ausrüstung noch nie verwenden müssen, aber sobald wir uns den Küsten nähern, sind wir alarmiert, laden das Gewehr, halten die Augen offen und verwechselt das eine oder andere Rentier in der Ferne schnell mal mit einem Eisbären.

Here comes the sun

Während es in Wien langsam Frühling wird ist es hier Mitte April noch immer tiefer Winter, unverändert wie vor zwei Monaten. Ohne Kontakt zur Außenwelt würde es einem gar nicht in den Sinn kommen, dass irgendwo anders die Blumen gerade zu blühen anfangen oder es überhaupt so etwas wie Bäume gibt. Hier dominiert das weiß von Schnee und Eis, blau von Meer und Himmel, das schwarz/grau der Gesteine und seit ein paar Wochen die Farben der Sonne in ihren Schattierungen von hellgelb bis zu kräftigem pink. An besonderen Abenden mischen sich die grünen Schleifen der Nordlichter ins Landschaftsbild hinzu.

Was sich in den letzten Monaten aber stark verändert hat, ist der Sonnenstand. Auf dem Hinflug habe ich die Sonne zum letzten Mal gesehen bevor ich inmitten der Polarnacht gelandet bin. In den ersten Wochen war zwar keine Sonne, dafür aber ein anderes Phänomen am Himmel: Nordlichter. Das Hauptabendprogramm vieler Abende spielt sich am Himmel ab. Wir verbringen die Abende im Freien, gehen zum Fjord hinunter oder die Berge hinauf, machen Lagerfeuer und tanzen. Und über den Köpfen tanzen die Nordlichter mit einem um die Wette. Da dieser magische Ort immer für eine Steigerung zu haben ist wenn ich schon längst glaube, dass es gar nicht mehr besser werden kann, kommen sie am nächsten Abend zurück. Noch kräftiger grün, geschwungener und wilder tanzend als am Abend zuvor.

Am 8. März war es dann endlich so weit. Die Sonne kehrte nach monatelanger Abwesenheit in den Ort zurück und wurde mit dem eine ganze Woche andauernden Sonnenfest willkommen geheißen. Was für einen Effekt die Sonne hat, wurde im Stimmungswandel, den dieses Event im ganzen Ort auslöste, deutlich spürbar. Ein hartnäckiger Ohrwurm erinnert mich jetzt an diese Tage – „Here comes the sun“ von den Beatles wurde recht häufig auf den Straßen gepfiffen, gesummt oder gesungen und weckte Longyearbyen aus seinem Winterschlaf. Auch ich habe gar nicht gemerkt, wie sehr ich die Sonne vermisst habe, bis sie endlich wieder da war.

Die zurückgekehrte Sonne kann einen schon mal auf verrückte Ideen bringen! Eine ganz besondere Mutprobe: schwimmen im Nordpolarmeer.

Die zurückgekehrte Sonne kann einen schon mal auf verrückte Ideen bringen! Eine ganz besondere Mutprobe: schwimmen im Nordpolarmeer.

Der Übergang von Polarnacht zu Polartag dauert hier nur 2 Monate. In ein paar Tagen, Mitte April wird die Sonne gar nicht mehr untergehen. 24 Sonnenstunden am Tag – ich freue mich schon auf die erste Gipfelwanderung mit Sonnenbrille um Mitternacht – eine sehr aufregende Zeit mitzuerleben!

Svalbard <3

Ich bin sehr froh, mich fürs UNIS beworben zu haben. Das entspannte Inselleben und die naturverbundenen und sehr positiv eingestellten BewohnerInnen Longyearbyens haben mich vom ersten Tag an in ihren Bann gezogen. Ich kann es jeder/ jedem Geologie, Physische Geographie, Biologie, Geophysik StudentIn sowie jenen aus verwandten Fachbereichen mit einem Interesse an der Arktis nur ans Herzen legen, das Abenteuer Svalbard ebenfalls zu wagen!

Und wenn die Zehen und Finger am Abfrieren sind, dann einfach nicht mehr den Boden berühren!

Und wenn die Zehen und Finger am Abfrieren sind, dann einfach nicht mehr den Boden berühren!

Und um die Frage zu beantworten, die mir im Vorfeld so gerne gestellt wurde: Ist es dort nicht kalt? Ja, es ist kalt. Aber kalt ist relativ und hier wird nicht darüber gesprochen. Hier heroben gibt es ein Sprichwort, welches übersetzt in etwa lautet: Wem kalt ist, der ist entweder dumm oder faul. Womit in etwa so viel gemeint ist wie: Wem kalt ist, der zieht sich eine weitere Schicht an oder bewegt sich. Das erklärt dann wohl, weshalb Kälte in Gesprächen nicht wirklich erwähnt wird. :)

Liebe Grüße von 78°N bei momentan strahlend blauem Himmel und Sonnenschein um zehn Uhr am Abend und kuscheligen -23°C!

 

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