Haiku und Entlehnungsfristen am 23. Januar 2014
ungefähr 4 Minuten
Themen: AbsolventInnen , Bibliotheksausweis , Haiku , Universitätsbibliothek

Haiku und Entlehnungsfristen

Ich liebe die Universität Wien und ihre Bibliothek. Durch mein ganzes Studium und darüber hinaus versorgte sie mich mit Büchern – auch wenn es manchmal nicht die Bücher waren, die ich zum tatsächlichen Studium benötigte *hust* Prokrastination *hust* und manchmal die Bücher, die ich gerne gehabt hätte nicht vorhanden waren (dafür gibt’s die Fernleihe). Trotz dem Abschluss meines Studiums vor ein paar Jahren konnte ich mich nicht von meinem Bibliotheksausweis trennen und versorge mich weiterhin bei Gelegenheit mit Lektüre aus der UB.

Wer hätte also bei dieser innigen Beziehung gedacht, dass mich die Worte „Die Ausleihe kann nicht verlängert werden“ in eine existenzielle Krise stürzen würden? Ich besitze seit Monaten nur noch ein Buch. Ok, es gehört nicht wirklich mir … sagt die Universitätsbibliothek. Da ich es aber seit fast einem Jahr immer wieder verlängere und niemand! Ja, niemand! außer mir es haben möchte, finde ich, es könnte genauso gut in meinen Besitz übergehen. Blöderweise macht genau die Tatsache, dass das Buch der Universitätsbibliothek Wien gehört den Reiz der ganzen Sache aus.

Es ist ein Buch mit Haiku des japanischen Dichters Matsuo Bashō, das sich im Moment irgendwo in meiner Wohnung befindet (Notiz an mich selbst: Buch dringend finden!). Als ich es bestellte, hatte ich die Absicht es in seiner Gänze zu lesen und ganz habe ich diesen Plan noch nicht aufgegeben. Aber kurz nach Beginn der Lektüre, beim zwanglosen Durchblättern stieß ich auf die schönste Stelle des ganzen Buches und seither kann ich nicht mehr weiterlesen.

Auf Seite 66/67 befinden sich diese Haiku:

245

Early spring

spring has risen
only nine days now and
these fields and mountains!

haru tachite / mada kokonoka no / noyama kana

246

even the heart of Akokuso
I do not know:
plum blossoms

Akokuso no / kokoro mo shirazu / ume no hana

247

An area by Iga Castle yields what is known as coal. The odor is repugnant.
Give forth your fragrance!
on a coal mining hill,
plum blossoms

ka ni nioe / uni horu oka no / ume no hana

248

At a mountain cottage in Iga
Even the sound
of someone blowing his nose:
plum blossoms

tebana kamu / oto sae ume no / sakari kana

In der Fußnote zu 248 (S. 193) steht dann der schönste Satz, die tiefste Erkenntnis: „One of several hokku (haiku) that emphasize the inclusive aesthetic vision of Bashō. This hokku was written during his journey that produced Knapsack Notebook, in which Bashō said that for one who has the poetic spirit, „nothing one sees is not a flower.“

Nochmal: „Nothing one sees is not a flower.“

Gut, wenn euch dieser Satz jetzt nicht umgehauen hat, könnt ihr aufhören zu lesen und wieder gehen. Ich versteh das. Dieser Satz könnte sicher tonnenweise Sinnspruchtassen, Glückwunschkarten, Kettenemails, Motivationsposter und Teebeutelzettelchen schmücken.
Aber für mich ist er vollkommen. Seit diesem Satz kann ich daher in dem Buch nicht mehr lesen. Es wird keinen anderen Satz geben, der diesen Satz schlagen kann, dabei ist es nur ein Zitat aus einem Werk Bashōs, das nicht einmal im Buch enthalten ist. Jedes Mal, wenn ich kurz daran denke, das Buch doch wieder zur Hand zu nehmen, um doch endlich die restlichen Haiku, die sicher von bezaubernder Schönheit und sprühendem Witz sind zu lesen, fällt mir dieser Satz ein und ich kann nicht. Ich muss zwei Minuten sitzen und an diesen Satz denken.

So trifft es sich, dass jedes Mal, wenn die Universitätsbibliothek eine Erinnerung schickt, dass ich doch das Buch verlängern möge, mir dieser Satz wieder einfällt. Alle vier Wochen denke ich verlässlich an diesen Satz. Alle vier Wochen verschönert mir die Bibliothek der Universität Wien auf unermessliche Weise meinen Alltag. Ein Service, den mir keine andere Bibliothek bietet.

Und dieser Service, dieses Erlebnis, dieser lyrische Moment in meinem hektischen Alltag soll mit dem 31.1. vorbei sein? Oh schnödes Entlehnungsverwaltungssystem, kannst du so grausam sein? Hm, was steht denn da noch? „Sehr geehrte Anna Zschokke, ihr Ausweis wird am 01/02/14 ablaufen. Für die Ausweisverlängerung wenden Sie sich bitte an Ihre Bibliothek.“

Oh.

P.S.: Der Vollständigkeit halber gebe ich hier den vollen Titel des Buches an, aber ich sage euch, es ist meines und ihr könnt es nicht habennnneeeeeiiiiiinnnnnnnnnn…

Bashō’s Haiku. Selected Poems of Matsuo Bashō. Translated and with an Introduction by David Landis Barnhill, State University of New York Press, Albany NY, 2004.

Informationen über Benutzung und Jahresgebühr der Universitätsbibliothek Wien findet ihr hier: http://bibliothek.univie.ac.at/bibliotheksausweis.html



FAQs zu Deutschkenntnissen, VWU Vorstudienlehrgang, Ergänzungsprüfungen und Zulassung an der Universität Wien

Jüngste Änderungen bei den Anerkennungen von Sprachzertifikaten (ÖSD, Goethe, etc.) für die Zulassung zur Universität Wien haben Fragen aufgeworfen. Wir haben die wichtigsten FAQs im Zusammenhang mit dem Anerkennungsprozess von Deutschkenntnissen und anderen fehlenden Kenntnissen hier gesammelt.   Brauche ich Deutschkenntnisse, um an der Uni Wien zugelassen zu werden? Ja, um an der Universität Wien … Continued


Erfahrungen mit dem Erweiterungscurriculum Naturwissenschaftliches Denken

Erweiterungscurricula (EC) und ihre Lehrveranstaltungen sind Angebote für alle Studierenden, die sie im Studienplan nutzen können.  Eines davon ist das EC Naturwissenschaftliches Denken. Es soll den Studierenden aus anderen Disziplinen Einblicke und Verständnis für grundlegende Gebiete und Methoden der Naturwissenschaften bieten. 2015 wurde es erstmals innerhalb eines Semesters durchgeführt. Inzwischen hat sich das Format bewährt, … Continued


Aus sieben wird acht: Matrikelnummern werden achtstellig

Am 12. Mai 2017 erweitert die Universität Wien die bestehenden Matrikelnummern aller Studierenden auf acht Ziffern. Ab diesem Zeitpunkt sind nur noch achtstellige Matrikelnummern gültig. Wir erklären, warum das passiert, was das genau heißt und welche Änderungen diese Umstellung mit sich bringt. Wieso werden die Matrikelnummern verändert? Bisher hatten Matrikelnummern sieben Stellen. Dieses Matrikelnummernsystem ist … Continued

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Back to top