Handel mit gefährdeten Pflanzen und Tieren – Was hat das mit der Uni Wien zu tun?

Im Jahr 2013 aufwendig zu berechnen, wann die „Harry Potter“-Filme erschienen sind, scheint ziemlich albern zu sein. Pillen, die einem versprechen 450 % seines Gewichtes zu verlieren auch. Warum Martin Rose als Dissertant und Mitarbeiter der CF Botanischer Garten sich mit beiden Fragen beschäftigt, und was das alles mit Handel von gefährdeten Arten zu tun hat, erfahrt ihr hier.

Als es in meinem Studium auf die Abschlussarbeit zuging, wurde mir ein Thema angeboten: „Haben Sie Interesse über den Handel mit Adlerholz zu schreiben und ob es dadurch vom Aussterben bedroht ist?“

Erster Gedanke: „Ich habe keine Ahnung, was Adlerholz ist!?“.

Aber mein Interesse war geweckt. Es erschien mir seltsam von einer offensichtlich intensiv gehandelten Pflanze noch nie gehört zu haben. Es stellte sich heraus, dass es

  • nicht eine Pflanze, sondern spezielles Holz von 40 asiatischen Baumarten ist.
  • tatsächlich intensiv gehandelt wird und in Ausnahmefällen für 100.000 US Dollar pro kg verkauft wird.
  • 180 Seiten benötigt, um die Frage für alle 40 Arten zu beantworten.

Der Handel mit gefährdeten Tieren und vor allem Pflanzen hat mich danach nicht mehr losgelassen. Ich arbeite nun im Botanischen Garten der Universität Wien und der berät Bund und Bundesländer in Fachfragen des Handels mit gefährdeten Pflanzen. Basis dafür ist eine internationale Konvention, das Washingtoner Artenschutzübereinkommen (CITES). Diese regelt neben Adlerholz den Handel mit ca. 30.000 gefährdeten Pflanzen, z. B. Orchideen, und ca. 5.600 Tieren, z. B. Tigern.

Dabei macht es natürlich einen Unterschied, ob ich eine künstlich vermehrte Orchidee im Supermarkt kaufe oder eine wild gesammelte im Thailandurlaub. Allerdings muss man nicht zwangsläufig so weit fahren. Den in der Schweiz ausgegrabenen Gelben Frauenschuh wird der Zoll, wenn keine Genehmigung vorliegt, genauso beschlagnahmen wie die thailändische Orchidee.

Cypripedium calceolus 3 - Der Gelbe Frauenschuh ist auch in Österreich heimisch, allerdings selten.
Der Gelbe Frauenschuh ist auch in Österreich heimisch, allerdings selten.

Die Sache mit den Filmen und den 450%

Arten, die in den Anhängen der Konvention gelistet sind, dürfen nicht einfach über eine Grenze gebracht werden. Dies muss entweder genehmigt werden oder ist nicht erlaubt, wenn die Art besonders gefährdet ist. Wobei es allerdings einige „wenn“ und „aber“ gibt, sonst wäre es ja zu einfach. Ein „aber“ betrifft zum Beispiel die künstlich vermehrten Supermarkt-Orchideen. Durch die genannten Genehmigungen gibt es gute Handelsdaten, mit denen man dann so wichtige Fragen beantworten kann wie:

Wann sind die „Harry Potter“-Filme rausgekommen?

Wann war nochmal der Relaunch des „Ninja Turtle“-Franchise?

Der Grund, dass dies funktioniert, sind Moden in der Haustierhaltung. In den genannten Fällen sind es Eulen und Schildkröten, deren Nachfrage bei Film-Release sprunghaft angestiegen ist. Ich muss allerdings zugeben, dass mich weniger der Film und mehr der gestiegene Handel interessiert. Ein Trend kann auch durch Werbung ausgelöst werden. Obwohl ich in meinem Leben noch kein Fitnessstudio von innen gesehen habe und über die Existenz von Hanteln auch nur durch Hörensagen weiß, bin ich hervorragend über derzeit angesagte Diätpillen und Muskelaufbau-Präparate informiert. Denn viele dieser Pillen enthalten gefährdete Pflanzen, wie Hoodia, Aloe ferox oder Orchideen. Diese Präparate werden gerne über das Internet bestellt und, wenn sie aus dem Ausland kommen, ist eine Genehmigung notwendig. Diese wird häufig nicht beantragt und dementsprechend werden die Mittel dann beschlagnahmt.

Nebenbei bemerkt: Diese Präparate werden teilweise skurril beworben. Mein persönliches Highlight ist die Werbung auf der Packung einer Hoodia-Diätpille: „Loose up to 450 % the weight FAST!“. Das Kleingedruckte hat mich dann zwar aufgeklärt, dass 450 % schneller als nur durch Sport und gesunde Ernährung gemeint ist, aber auch das ist immer noch absurd.

Für wen ist der Handel mit gefährdeten Pflanzen und Tiere relevant?

Das Thema ist in vielen Bereichen wichtig. Wenn ein Händler im Urlaub auf einem Markt sagt, dass ein Produkt legal ist, dann mag das stimmen. Das muss aber nicht heißen, dass ich es auch legal nach Österreich bringen darf. An einer Uni ist es natürlich relevant, wenn ich für die Forschungen Proben sammele. Es lohnt sich im Zweifel immer nachzuschauen, ob eine Art gelistet ist.

Phalaenopsis Hybrid - Künstlich vermehrte Hybride der beliebten Orchideen-Gattung Phalaenopsis müssen nicht genehmigt werden.
Künstlich vermehrte Hybride der beliebten Orchideen-Gattung Phalaenopsis müssen nicht genehmigt werden.

Der nette Plauderton eines Blogeintrages soll aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass dies eine ernste Angelegenheit ist. Diese internationalen Regeln helfen Ressourcen zu schützen, nachhaltig zu bewirtschaften und dass Einkommen von lokaler Bevölkerung zu sichern. Der illegale Handel mit Arten ist ein milliardenschweres Geschäft international organisierter Kriminalität, allein in Thailand sind letztes Jahr 150 Ranger im Kampf gegen den illegalen Handel mit Tropenholz getötet worden. Die Abnehmer für illegale gehandelte Pflanzen und Tiere sitzen auch in Österreich.

Hoodia gordonii - Die im Süden Afrikas vorkommende Hoodia gordonii ist eine sukkulente Pflanze aber kein Kaktus. Mit einer Ausnahme kommen Kakteen nur in Amerika vor.
Die im Süden Afrikas vorkommende Hoodia gordonii ist eine sukkulente Pflanze aber kein Kaktus. Mit einer Ausnahme kommen Kakteen nur in Amerika vor.

Was macht Martin Rose?

Ende 2015 habe ich mich dazu entschieden länger in diesem spannenden Feld arbeiten zu wollen und habe mit meiner Dissertation begonnen. Dabei interessiert mich, was passiert, wenn ein Handel vollständig verboten wird. Die allgemeine Annahme ist, dass sich der Bestand einer Art durch ein Handelsverbot erholen kann, doch das trifft häufig nicht zu. So hat zum Beispiel eine aktuelle Studie herausgefunden, dass ein Einfuhrverbot von Eisbär-Jagdtrophäen in die USA dazu beigetragen hat, dass in Kanada mehr Eisbären geschossen wurden. Die scheinbar einfache Antwort „Handelsverbot“ ist häufig nicht die Richtige.

Mittlerweile vertrete ich Österreich international in CITES Pflanzenfragen und sitze beim Gespräch mit Studierenden am anderen Gesprächsende der Frage: „Möchten Sie über den Handel mit einer Pflanze schreiben, von der Sie vielleicht noch nie gehört haben?“

„Darf ich einen Tiger kaufen?“-Veranstaltung bei der kinderuni mit Martin Rose. Wer dafür zu alt ist, darf gerne zur Gartenführung am 27. Juli in den Botanischen Garten der Universität Wien kommen.
„Darf ich einen Tiger kaufen?“-Veranstaltung bei der kinderuni mit Martin Rose. Wer dafür zu alt ist, darf gerne zur Gartenführung am 27. Juli in den Botanischen Garten der Universität Wien kommen.


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