In Anzug und Abaya durch Arabia Deserta am 15. Mai 2014
ungefähr 5 Minuten
Themen: Exkursion , Reisebericht , Saudi Arabien , Studierende

In Anzug und Abaya durch Arabia Deserta

Eine Gruppe von 20 Master-Studierenden, vier MitarbeiterInnen des Instituts für Orientalistik der Uni Wien und zwei Mitarbeitern des saudischen Kulturbüros in Wien ist zurzeit auf Studienexkursion in Saudi Arabien. Die Studierenden schicken uns laufend ihre Erfahrungsberichte direkt von der Exkursion. Die wissenschaftlichen Mitarbeiterinnen Lea Müller-Funk und Anna Telic beschreiben parallel die Reise aus ihrer Sicht, die Beiträge findet ihr hier (Eine Studienexkursion in das Land der Superlative. Zwei Wochen Saudiarabien.) und hier.
Ein Reisebericht aus Perspektive der Studierenden (Teil 1). Teil 2 (von Wüsten, Bergen und Gesichtern

 Jetzt sind wir also eine Woche in Saudi-Arabien. Was soll man über dieses Land schreiben? Es ist ziemlich verrückt und sprengt alle Kategorien.

Erste Eindrücke. Von der WG ins Intercontinental

Wir befinden uns in einem Land der Superlative – der größte Springbrunnen der Welt, die höchste Fahnenstange und bald auch der höchste Turm, der mehr als einen Kilometer hoch werden soll. Außerdem war eine der vielen Unis, die wir besuchten, die größte Frauenuni der Welt (Wo sonst bräuchte man einen solchen pinken Planeten im Louis XVI Stil mit eigenem U-Bahnnetz?).

Riad ist pompös, aber auch unwirklich. Man bekommt fast das Gefühl, Universitäten, Wolkenkratzer und Einkaufszentren werden hier aus dem Boden gestampft wie sonst nur in einem Computerspiel. Mit Leichtigkeit, schnell und vom Reißbrett. Die ersten Tage ist Saudi-Arabien daher für uns mit einer gewissen Playmobilathmosphäre verbunden. Diesen Eindruck werden wir erst so richtig los, als wir nach Dscheddah kommen. Hier gibt es einen historischen Stadtkern mit verfallenden Häusern und jeder Menge Lokalkolorit, der tatsächlich stark an Tausend und Eine Nacht erinnert. Hier gefällt es uns.

Den saudischen Reichtum bekommen wir aber nicht nur durch moderne Architektur, sondern auch noch auf direktere Weise präsentiert: Er wird für uns als Staatsgäste mit großzügiger Gastfreundschaft kombiniert. Nur das Beste ist gut genug und wir werden ausschließlich in Fünf-Sterne-Hotels untergebracht. Wir nächtigen in Einzelzimmern mit Blick aufs Meer. Solchen Luxus sind wir gar nicht gewöhnt und müssen erst einmal herausfinden, wie hier alles funktioniert. Wohl am beeindruckendsten sind die Buffets, hier finden sich unter anderem Wachteln und Kaninchen in Sahnesauce und dazu gibt’s Saudi-Champagne (Apfelsaft mit Früchten und Minze).

Ein Wermutstropfen nur, dass es Spa-Bereiche und Schwimmbäder in den meisten Fällen ausschließlich für Männer gibt. Unpraktischerweise besteht unsere Gruppe zum Großteil aus Frauen. Als wir in einem Hotel nach möglichen Öffnungszeiten des Pools für Frauen fragten, bekamen wir die vielsagende Antwort „they are still deciding“.

Insgesamt fühlten wir uns bald wie in einem klimatisierten goldenen Käfig. Hier in Dscheddah konnten wir das erste Mal ausbrechen. Wir sind tatsächlich als reine Frauengruppe mit dem Taxi in die Innenstadt gefahren! Und das in einem Land, in dem Frauen weder alleine Taxi fahren noch selbst das Steuer in die Hand nehmen dürfen.

Saudi-Arabien ist für uns eine völlig neue Erfahrung, auch wenn wir alle schon arabische Länder besucht haben. Es ist einfach etwas ganz Eigenes.

Die Kunst des Verhüllens

Bei der Ankunft im Hotel kam unser saudischer Begleiter mit einem Abayawagen (Abaya: langes schwarzes Gewand, das möglichst alle weiblichen Formen relativiert)

in die Lobby und alle Frauen bekamen ein Exemplar mit passendem Kopftuch. Während die Abaya Pflicht ist, ist das Kopftuch für Nichtmusliminnen optional. Die große Mehrheit der saudischen Frauen verwendet dazu auch den Niqab, der das Gesicht bis auf die Augen verdeckt. Am ersten Tag waren viele von uns Frauen den ganzen Tag über damit beschäftigt, das Kopftuch zurechtzuzupfen und uns an den schwarzen Überwurf zu gewöhnen.

Als wir aber am Abend zu einer Gartenparty in der österreichischen Botschaft geladen waren, wurden wir gebeten, die Abaya abzulegen. Zurück auf österreichischem Boden galten eigene Regeln, wir befanden uns quasi wieder in Europa. So erlebten wir innerhalb von 24 Stunden einen doppelten Kulturschock.

Diese Abayapause war aber die Ausnahme. Ab nun nur noch in schwarz. Das Kopftuch wird allerdings von Tag zu Tag seltener und immer lockerer gebunden.

Hier in Dscheddah, wo wir schlussendlich Zeit zum Einkaufen haben, nutzen viele von uns die Möglichkeit, die Abayapflicht mit unserem ästhetischen Empfinden und Modebewusstsein in Einklang zu bringen: Viele Geschäfte bieten schön geschnittene und verzierte Abayas in allen Formen – jedoch meist in schwarz. Dafür mit viel Glitzer…

Auch für die Männer gibt es einen gewissen Dresscode. Während der Großteil der saudischen Männer das traditionelle weiße Gewand (Thaub) mit rot-weißer Kopfbedeckung (Schama) trägt, werden die Männer der so genannten österreichischen Delegation gebeten, in Hemd und Krawatte zu erscheinen.

Fame and Glory

Übrigens haben wir es sogar in die einheimische Presse geschafft. Eine der größten saudischen Zeitungen empfing uns zu einer Diskussionsrunde. Wieder einmal mussten wir hier unser Interesse für arabische Dialekte rechtfertigen – und den Namen unseres Instituts (für Orientalistik). Denn dieser Begriff weckt in der arabischen Welt oft negative Assoziationen.

Zwei Tage später fanden wir einen doppelseitigen Artikel über unseren Besuch mit einer eigenwilligen, aber auch interessanten Interpretation unserer Diskussionen. So wurde der Begriff „Orientalistik“ kurzerhand um das Adjektiv „gerecht“ erweitert und somit in ein positives Licht gerückt.

In der Überschrift wurde unsere Motivation Arabisch zu lernen – etwas verkürzt – rein auf das Interesse am Islam heruntergebrochen.

Hier den Link zum Zeitungsartikel:

http://www.al-jazirah.com/2014/20140508/qq1.htm

Übersetzung der Überschrift:

„Wir lernen die arabische Sprache aufgrund unseres Interesses für den Islam. Und es gibt 400.000 Muslime in Österreich.“

AutorInnen: Natanja Faschinger, Christoph Prochazka, Karin Reichart, Alexander Weissenburger



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