Julius, Student der Ägyptologie im Banne Tutanchamuns

Die bimmelnde Straßenbahn krümmt sich den Ring entlang, am Hauptgebäude der Universität vorbei, in Richtung Oper, und die Spätnachmittagssonne taucht alles in eine trügerische gelbe Ruhe. Links das herbstliche Schweigen des Volksgartens, rechts, hinter dem Parlament, die Stille des ausgebrannten Justizpalastes ausgebrannten Justizpalastes Im Juli 1927; zahlreiche dort gelagerte Archivalien verbrannten. . Es kommt Julius in den Sinn, wie nah beieinander der Gegensatz von Idyll und Katastrophe doch liegt, jetzt im Oktober 1927 in Wien. Bis zur Oper fährt er, dort steigt er aus und versucht kurz, sich zu orientieren, nicht zum ersten Mal an diesem Tag. Die Stadt, in der er sich nun befindet, ist ihm so fremd wie diese neue, einsam leuchtende Verkehrsampel Verkehrsampel Die erste Verkehrsampel weltweit wurde am 5. August 1914 in Cleveland/Ohio in Betrieb genommen, die erste Ampel in Wien an der Opernkreuzung im Jahre 1926 errichtet. Diese Idee, eine Regelung des Verkehrs mithilfe von Lichtsignalen durchzuführen, wurde aus der Schifffahrt und dem Eisenbahnwesen übernommen. .

Abb_1_Filmausschnitt

Abb. 1:
Eine Fahrt durch Wien („Vienne en Tramway“), Pathé Frères, 1906 (Ring beim Burgtheater und der Staatsoper; Schwarzenbergplatz; Prater) (http://stadtfilm-wien.at/film/47/)

Julius geht ein Stück an der Oper zurück und biegt rechts in die Operngasse ein. Vor ihm ragen die massiven Reste der Augustinerbastei sowie das  Erzherzog Albrecht Palais Erzherzog Albrecht Palais Wikipedia Erzherzog Albrecht-Palais Wienwiki Albrechtsrampe
 mit der Albertina auf. Langsam steigt er die Albrechtsrampe hinauf zum Tor. Der Portier, seine Goldbandmütze unter den Arm geklemmt, mustert ihn kurz und fragt wissend: „Zur Ägyptologie? Durch’n Hof durch, dann gengan’s in zweit’n Stock aufe! Durch’n Hof durch, dann gengan’s in zweit’n Stock aufe! Leicht verändert nach Gertrud THAUSING, Tarudet. Ein Leben für die Ägyptologie. Graz 1989, S. 11. “ Zur Ägyptologie – ja das wollte Julius schon lange! Sogar bis zu ihm daheim an den oberösterreichischen Traunsee drangen ein paar Jahre zuvor die spektakulären, ihn geradezu hypnotisierenden Nachrichten von Howard Carters Entdeckung Howard Carters Entdeckung Howard Carter hatte im November 1922 im Tal der Könige das nahezu unversehrt aufgefundene Grab des Tutanchamun (KV62) entdeckt. Diese Entdeckung löste durch die Berichterstattung einen wahren Medienhype aus, vgl. H(arry) V. F. WINSTONE, Howard Carter und die Entdeckung des Grabmals von Tut-Ench-Amun. Köln 1993. , die ihn endgültig mit dem Fieber der Ägyptomanie Ägyptomanie Jean-Marcel HUMBERT, L’Égyptomanie dans l’art occidentale. Courbevoie 1989; Wilfried SEIPEL (Hg.), Ägyptomanie. Ägypten in der europäischen Kunst 1730–1930. Ausstellungskatalog Kunsthistorisches Museum Wien. Wien 1994; Wilfried SEIPEL (Hg.), Ägyptomanie. Europäische Ägyptenimagination von der Antike bis heute. Wien 2000 (Schriften des Kunsthistorischen Museums 3). ansteckten.

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Abb. 2:
Lord Carnavon und Howard Carter (r.) am 17. Februar 1923 beim Öffnen der dritten versiegelten Tür (aus: C. W. CERAM, Götter, Gräber und Gelehrte im Bild. Hamburg 1957, S. 162)

Die Zeitungen waren damals voll mit schillernden Berichten und Photos des ungeplünderten Grabes des Tutanchamun im Tal der Könige. Die Lampe des Archäologen, die am 17. Februar 1923 in die dunkle, noch original versiegelte Grabkammer des Pharaos leuchtete, streifte über goldene Kostbarkeiten, von dem mit Elfenbein geschmückten Ruhebett über den Thron des Königs bis zu seinem Kriegswagen und sogar dem vergoldeten Totenschrein mit der unversehrten Mumie des Tutanchamun, sodass selbst der britische Ausgräber sprachlos war und mit versteinertem Blick stets der nächsten überraschenden Sensationsfunde harrte. Und dann noch die goldene Totenmaske des Pharaos, die erstmals seit dreieinhalbtausend Jahren ein Mensch zu Gesicht bekam! Der Forschergeist für die Archäologie Ägyptens war damit bei Julius unwiderruflich geweckt!

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Abb. 3:
Gesichtsmaske des Tutanchamun vor der Reinigung (aus: C. W. CERAM, Götter, Gräber und Gelehrte im Bild. Hamburg 1957, S. 165)

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