Juni 1774: Gottfried, Student der Philosophischen Studien

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Blütenhauch und Rossodeur: Der Rest eines betörenden Blumenduftes verharrt noch immer in Gottfrieds Nase, als hätte eine fürnehme Dame ihr Flakon versprüht, während er sich in der Kutsche zur Hofburg verfüget und so mancher sothane Pferdeapfel einen ebenso stechenden wie gewohnten Geruch abgibt. Wie war doch der Name? Hat er ihn schon vergessen? Wiewohl Gottfrieds Aufmerksamkeit Aufmerksamkeit Identisch mit dem zeitgenössischen Begriff Aufacht. Im Laufe des 18. Jahrhunderts wich die ästhetische Zerstreuung dem rigiden Ideal konzentrierter Aufmerksamkeit. Sie glich einer „Andacht“, die als Rezeptionshaltung in Oper, Theater, Unterricht und auch in Sammlungen sowie Gärten wirkte. Das bedeutete, dass Kopf und Körper ganz auf den Adressaten oder ein Objekt ausgerichtet waren und nicht von allerlei anderen Unterhaltungen wie Essen oder Bewegung begleitet wurden. vom Rossdung angezogen wird, hält der blumige Sinneseindruck an. Denn gerade war Gottfried noch im Universitätsgarten Universitätsgarten 1754 war der Grund am Rennweg angekauft und der hortus medicus im Rahmen der von Gerard van Swieten initiierten Reform des Medizinstudiums gegründet worden. Nach einer Phase des Aufbaus unter der Leitung Robert Laugiers, des an der Medizinischen Fakultät zugeordneten Lehrstuhlinhabers für Botanik und Chemie, erreichte der Universitätsgarten von 1768 an unter Nikolaus Joseph Jacquins Leitung Weltgeltung. Zur Geschichte des Botanischen Gartens s. http://www.botanik.univie.ac.at/hbv/index.php?nav=74. nahe dem Kloster der Salesianerinnen gewesen. Ausnahmsweise darf er den Lektionen an diesem einzigartigen Ort beiwohnen, weil ihn sein Freund und angehender Mediziner Michael, der die obligate Morgendemonstration dort wohl eher gezwungen als freiwillig besucht, mitnimmt. Denn nur Medizinstudenten und wahre Connaisseurs haben dort Zutritt. Sollte er auch Medizin studieren? Derweilen muss Gottfried sich noch ein Semester den Philosophischen Studien widmen, bevor er die endgültige Entscheidung bezüglich seines weiteren Fortgangs treffen wird, wenn er sich entweder an der Juridischen oder der Medizinischen Fakultät einschreiben wird dürfen.

Zuhause vernahm er wohl bei Gesprächen seines Vaters mit amtsführenden Personen – bei denen Kaffee, Tabakqualm und ratio die Atemluft schwängerten – , dass es für jeden Beamtenanwärter von Vorteil sei, bei Bewerbungen ein solches Studium vorweisen zu können. Jurisprudenz, das wäre Vaters ausdrücklicher Wunsch! Dessen Amtserfahrung, die ihn letztendlich an die Spitze der Ständeverwaltung in Laibach Laibach Laibach war politisches Zentrum Krains; heute Ljubljana, Hauptstadt Sloweniens. führte, hatte bereits im universitären Studium ihren Ursprung. Was früher als Laufbahn den hohen Standespersonen, auch ohne ein Studium vorweisen zu können, vorbehalten war, kann nun mit Fleiß ebenso von einem Bürgerlichen destinieret werden. Und selbst die Erhebung in den niederen Adelsstand könnte sich einstellen. Die klare Ständeordnung wird nun mit dem aufstrebenden Bürgertum gestärkt, wie bei der Stufenleiter der Natur Stufenleiter der Natur Alle Naturobjekte wurden durch die Vorstellung der Kette der Wesen (oft auch Stufenleiter der Natur, scala naturae, genannt) in eine hierarchische Ordnung gebracht. , denkt sich Gottfried enthusiasmiert, wo an der Grenze zwischen den Stufen die interessantesten Wesen stehen, wie etwa die kuriose Koralle Koralle Korallen wurden seit der Antike als Steine verstanden; Ovid beschrieb sie in den Metamorphosen als Transformationen von Algen in Steine. Im 18. Jahrhundert wurden sie als Vegetabilien aufgefasst. .

Als Jurist tätig zu sein, das wäre zwar für Gottfried nur ein „äußerer“ oder „bürgerlicher“ Beruf Beruf In dieser Zeit war der Brotberuf nur selten deckungsgleich mit Berufung. Da das zeitgenössische Verständnis von Beruf im 18. Jahrhunderts mit einem gewissen Zeitverzug in Enzyklopädien Eingang fand, sind solche aus späterer Zeit zu konsultieren. Vgl. dazu: Allgemeine deutsche Real-Encyclopädie für die gebildeten Stände (Conversations-Lexicon), 1. Bd. Leipzig 1827, S. 712f. (Lemma „Beruf“). Vgl. dazu auch Werner CONZE, Beruf. In: Geschichtliche Grundbegriffe. Bd. I. Stuttgart 1972, S. 498f. , gleichsam „die Bestimmung durch den Staat“, aber für den „inneren“, den selbstbestimmten, der seinen Neigungen und der „Anlage des Geistes“ entspricht, könnte er sich nebstbei auch in einem Münzkabinett einbringen, um seiner Muse zu frönen: Scientia amabilis Scientia amabilis Mit scientia amabilis wurde die Botanik, die Beschäftigung mit Pflanzen, gemeint. und numis veteres numis veteres Lat.: alte Münzen. begeistern Gottfried absunderlich. Aber deshalb auch ein Medizinstudium anzugehen, das scheint ihm nun doch etwas umständlich. Alles ist somit noch offen. Sicher ist nur, dass er in Wien bleiben will, denn er findet die Stadt mit all ihren Amüsements äußerst famos. Doch nicht Müßiggang ist sein Begehr. Er will sich stattdessen den unterschiedlichen Materien, wie der Geographie, der Numismatik und der Botanik widmen, wobei er letztere allerdings nur innerhalb eines Medizinstudiums vermittelt bekäme.

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Kommentare

  1. | Andrea

    Es war eine sehr interessante und lehrreiche Lektüre!
    Vielen Dank!

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  2. | Silke

    Köstlich geschrieben! Man sieht, riecht und schmeckt es förmlich: Studentenleben damals, als Eckhel noch in Wien Prof. für „Alterthümer und historische Hülfsmittel“ war und man – wie einst Carl Nilsson Linnaeus selbst – Medizin studieren mußte, um sich mit Botantik zu befassen… Eckhel als den „Linné der Numismatik“ zu bezeichnen und die Systematisierung der Münz- neben die der Pflanzenkunde zu stellen ist natürlich ein schöner Vergleich. Habe die Lektüre soeben sehr genossen, danke.

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  3. | Helmut

    Eine schöne und lehrreiche Geschichte, die interessante Aspekte der „scientia amabilis“ aufzeigt.
    Vielen Dank, Frau Prof. Klemun!

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  4. | Martina

    Ein großes Dankeschön an Marianne Kelmun für die vielfältigen Düfte des Universitätsgartens und das kenntnisreiche Flanieren durch die Welt der Wissenschaften an der Uni Wien vor 240 Jahren!

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