von Mathias Krams
am 8. Juni 2018
ungefähr 4 Minuten
Themen: Forschende , Forschung , Klimaforschung , Semesterfrage

Um das Klima zu retten, brauchen wir soziale Bewegungen

Mathias Krams erklärt in seinem Blogbeitrag, was soziale Bewegungen mit dem Klimawandel zu tun haben und wie seine Forschung einen Beitrag zur Rettung des Klimas leisten kann. Als Politikwissenschafter beschäftigt er sich mit der Rolle von Protestbewegungen in gesellschaftlichen Veränderungsprozessen.

Die Geschichte lehrt uns, dass soziale Veränderungen oft durch soziale Bewegungen erkämpft wurden – meist gegen heftigen Widerstand der etablierten Politik. Dazu zählen die Abschaffung der Sklaverei sowie die Einführung des Frauenwahlrechts oder des Achtstundentags. Ein jüngeres Beispiel der österreichischen Vergangenheit ist die Verhinderung des Atomkraftwerks Zwentendorf vor 40 Jahren. Diese Erfahrungen sind hochaktuell, wie die Ignoranz vieler Regierungen in Zeiten der Klimakrise und ihrer sozialen wie ökologischen Folgen deutlich macht.

Bereits im Laufe meines Masterstudiums der Friedens- und Konfliktforschung in Marburg beschäftigte ich mich mit der Bedeutung sozialer Bewegungen für gesellschaftliche Veränderungsprozesse. Die Forschung hierzu zeigt, dass soziale Bewegungen durch das Thematisieren von Ungerechtigkeiten und das Aufbauen von öffentlichem Druck Konflikte oft erst sichtbar und dadurch gesellschaftlich bearbeitbar machen.

 

Klimakrise als globale Gerechtigkeitskrise

Was hat das mit dem Klimawandel zu tun? Ist die Rettung des Klimas mittlerweile nicht (welt-)gesellschaftlicher Konsens? Offensichtlich nicht, denn es gibt große Differenzen hinsichtlich der Verantwortlichkeiten und der notwendigen Politiken. Die globale soziale Bewegung für Klimagerechtigkeit bringt mit ihren Aktionen zum Ausdruck, dass entscheidende Konfliktdimensionen derzeit ausgeblendet werden: nämlich, dass die Klimakrise in erster Linie eine globale Gerechtigkeitskrise darstellt.

Die „Pacific Climate Warriors“ kämpfen für die Zukunft ihrer Inseln: hier vor den Kohleminen im Rheinland (Deutschland), der größten CO2-Quelle Europas (Foto: 350.org)

Während die Industrienationen des Globalen Nordens maßgeblich für den menschengemachten Klimawandel verantwortlich sind, leiden insbesondere Menschen im Globalen Süden schon heute massiv unter den Folgen. Dürren zerstören Existenzgrundlagen und fördern gewaltsame Konflikte, der Anstieg des Meeresspiegels und Unwetter entreißen Menschen ihr zu Hause und oft auch das Leben.

Um diese Ungerechtigkeiten der Klimakrise einzudämmen – argumentieren sowohl die kritische Forschung wie auch viele soziale Akteure – bedarf es nicht allein des technischen Fortschritts, sondern eines grundlegenden Wandels unserer Art zu Wirtschaften und Politik zu gestalten. Das heißt zum einen, den kapitalistischen Wachstumszwang zu überwinden und ein Wirtschaften innerhalb der planetaren Grenzen zu ermöglichen. Zum anderen heißt das auf der Ebene des Politischen, auch das Wohl der Bevölkerung jenseits der eigenen Staatsgrenzen in Entscheidungen miteinzubeziehen und für die Folgen des eigenen Handelns und Wirtschaftens Verantwortung zu übernehmen.

 

Soziale Bewegungen als Motor der Veränderung

Um diesen Wandel gegen die Interessen der etablieren Politik voranzutreiben, braucht es den Druck starker soziale Bewegungen. Nur so lassen sich die verheerendsten Folgen der Krise noch abwenden und nachhaltige, solidarische Alternativen durchsetzen.

„System Change, not Climate Change!“ demonstrierte im November 2017 unter dem Motto „Klima schützen – Leben retten“ für Klimagerechtigkeit (Foto: Christian Bock)

Ein Beispiel für einen interessanten sozialen Akteur in Österreich, der sich dieser Herausforderung stellt, ist das Netzwerk „System Change, not Climate Change!“. Als Teil der globalen Klimagerechtigkeitsbewegung übt das Netzwerk zum einen Kritik an der sogenannten Klimaschutzpolitik der Bundesregierung: Im Vergleich zum Basisjahr 1990 resultierte diese in keinem einzigen Gramm an CO2–Einsparung und konnte selbst den Anstieg an Treibhausgasemissionen nicht verhindern. Nach einer aktuellen Studie des Umweltbundesamtes werden beim Verlassen auf derzeitige Maßnahmen sowohl alle zukünftigen Klimaschutzziele, zu denen sich die Regierung verpflichtet hat, als auch das 1,5° Ziel bei weitem verfehlt. Zum anderen zeigt „System Change, not Climate Change!“ praktische Alternativen auf, die beispielsweise im Rahmen von sogenannten Klimacamps diskutiert und erprobt werden.

 

Transformationsprozesse durch Forschung unterstützen

Als Wissenschaftler, der sich mit Konflikten um die sozial-ökologische Transformation beschäftigt, versuche auch ich zur Rettung des Klimas einen Beitrag zu leisten. Dazu analysiere ich den Kontext, in dem Politik gestaltet wird und lege dadurch offen, wodurch grundlegende Transformationsprozesse erschwert werden und wo Ansatzpunkte für Veränderung liegen.

Auch soziale Bewegungen können solche strategischen Kontextanalysen nutzen, um ihr Handeln zu reflektieren. Das kann sie darin unterstützen gesellschaftlichen Wandel voranzutreiben, in dem sie sozial-ökologische Konflikte so zuzuspitzen, dass die zugrundeliegenden Ungerechtigkeiten bearbeitet werden.

 

Dieser Blogbeitrag ist ein Beitrag zur aktuellen Semesterfrage „Wie retten wir unser Klima?”. Weitere Antworten, Interviews und Beiträge zum Thema Klima findet ihr im uni:view Magazin unter www.semesterfrage.univie.ac.at.

Semesterfrage 2018 (© Universität Wien)


Mathias Krams

Mathias Krams arbeitet im Arbeitsbereich Internationale Politik des Instituts für Politikwissenschaft. Als PraeDoc beschäftigt er sich mit Transformationsstrategien und Paradigmenwechseln im Mobilitätsektor - dem größten Treibhausgasemittenten in Österreich - und dessen internationaler Regulierung.
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