Kontaminierte Bücher – Staatssymbole und Besitznachweise in den Büchern der Universitätsbibliothek Wien

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Immer wieder bekommen wir Hinweise von Studierenden und BenutzerInnen der Universitätsbibliothek, dass sich in diversen Büchern noch Stempel mit Hakenkreuzen finden. Markus Stumpf, Leiter der Fachbereichsbibliothek Zeitgeschichte, hat sich bereit erklärt, uns einen Einblick in dieses komplexe Thema zu geben.

 

Dass siebzig Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs Spuren des NS-Regimes in den Büchern der Universitätsbibliothek (UB) Wien in Form von Stempeln zu finden sind, löst bei BenutzerInnen Unbehagen aus. Dabei fragt sich jede Generation von Studierenden aufs Neue, was es damit auf sich hat und warum solche direkten Zeichen des Unrechtsregimes weiterhin sichtbar sind. Zuletzt erfolgte eine Thematisierung in den sozialen Medien. Grund genug sich mit dem Thema auseinanderzusetzen, bei dem mehrere Ebenen und Funktionalitäten aufeinandertreffen: Verwaltung – Bibliothekskunde – staatliche Symbolik – Benutzung – Bücher als historische Dokumente – Forschung.

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Abb. 1: NS-Stempel der Universitätsbibliothek Wien

Für die LeserInnen sind diese Kontexte im Normalfall relativ uninteressant. Inhalt/Text/Information von Kant, Goethe oder des Forschungsartikels usw. wird benötigt. Die NS-Symbole in Form von Stempeln sind dabei oftmals unerwartete Störfaktoren, sie kontaminieren sozusagen den Inhalt. Daher kommt es auch immer wieder zu Forderungen, diese „Kontamination“ zu beseitigen.

Dabei wird übersehen, dass diese Bücher mit ihrem Inhalt, ihrer Ausstattung und ihrer Bearbeitung als historische Dokumente zu verstehen sind. Das darf und muss man auch am Buch selbst erkennen. Und bei der Suche und Aufarbeitung von Büchern dieser Zeit sind die historischen Stempel sehr wichtige Hinweise.

 

Eigentumsnachweis und bibliothekarische Notwendigkeit

Zunächst stellt das Anbringen des Bibliotheksstempels aus bibliothekarischer Sicht einen Arbeitsschritt der Medienbearbeitung dar, bevor ein neuerworbenes Medium (Buch, DVD, Karte, Einzelblätter, Beilagen …) für die Benutzung bereitgestellt wird. Damit erhält jedes Medium einer Bibliothek einen deutlichen Eigentumsvermerk dieser Institution.

Wo der Stempel in den Medien angebracht wird, ist einerseits eine ästhetische Frage, andererseits sollte der Aufwand für das Anbringen möglichst minimiert und gleichzeitig der Stempel ohne größeren Aufwand wieder gefunden werden können, um etwaigen Besitzfragen nachgehen zu können. So gab es an der Universitätsbibliothek (UB) Wien – wie an vielen anderen Bibliotheken – lange Zeit Stempelrichtlinien:

  • Rückseite des Titelblattes,
  • eine immer gleich bleibende Seite im Innern des Buches und
  • ein Stempel am Ende der letzten Textseite.

Heute wird hingegen nach Möglichkeit der erste Stempel im unteren Drittel der Haupttitelseite gesetzt.

Ob dies bereits bei oder nach der Erwerbung, der Katalogisierung (Formalerschließung) oder erst bei der Endbearbeitung erfolgt, ist in verschiedenen Teilbibliotheken der UB Wien unterschiedlich geregelt. An der Hauptbibliothek erfolgt das Anbringen der Stempel jedenfalls in der Erwerbung und in der Einbandstelle – im Jahr 2014 immerhin bei weit über 20.000 Bänden.

D.h. für eine Bibliothek stellt der Stempel zunächst einen Eigentumsvermerk dar – angemerkt sei, dass dies heute bei elektronischen Medien/digitalen Objekten in Analogie dazu z.B. durch Eintragen der Eigner- und Verwertungsrechte in den Metadaten erfolgt. Auch muss in Büchern, die ausgeschieden werden, die Besitzerkennung ungültig gemacht werden. Dies kann durch einen weiteren Stempel bzw. Streichung der Kennung und entsprechende Authentifizierung erfolgen.

 

Gestempelte Staatssymbole und Universitätssiegel

Die Vereinfachung und Vereinheitlichung der Schreibarbeit führte seit dem 18. Jahrhundert dazu, dass auch Behördenstempel zur Beglaubigung von Schriftstücken eingeführt wurden. Erst im 19. Jahrhundert wurde schließlich der schwer zu fälschende Rundstempel (Stampiglie), meist mit Behördenbezeichnung und einem Wappen oder Staatssymbol, für den alltäglichen Betrieb eingesetzt. Diese für die Aktenkunde gültige, wenn auch vereinfachte Darstellung, spiegelt sich auch in den Stempeln der UB Wien wider, denn die UB Wien unterstand durch eine Bestimmung aus dem Jahr 1775 direkt dem Staat (und nicht etwa der Universität) und der Bibliotheksleiter direkt der Studien-Hofkommission. Auch nach Gründung des Unterrichtsministeriums 1848 wurde die UB Wien unter dessen Verantwortung gestellt, so dass die UB Wien als „Staatsbibliothek“ in weiterer Folge auch immer die Staatssymbole (Doppeladler, Adler) in ihren Stempeln verwendete.

Erst mit der Implementierung des Universitäts-Organisationsgesetzes 1993 wurde die UB Wien wieder direkt in die Organisation der Universität eingegliedert. Als Folge des Universitätsgesetzes 2002 und dessen Implementierung im Jahr 2004 – Schlagwort „Universitätsautonomie“ – wurde auch der Adler als Staatssymbol durch das Siegel der Universität Wien in den Stempeln der UB Wien ersetzt.

 

Periodisierung anhand der Stempel der UB Wien

Die Stempel der UB Wien (der heutigen Hauptbibliothek) geben also nicht nur Auskunft über die Geschichte der Bibliothek und ihr Verhältnis zum Staat, sondern spiegeln auch die Verfassungsgeschichte Österreichs wider: Monarchie – Deutschösterreich – Republik Österreich – „Anschluss“ Österreichs an das Deutsche Reich – Zweite Republik. Nur für die hier ausgelassene Periode des austrofaschistischen Ständestaates ist keine Änderung der Stempel in der UB Wien nachweisbar.

Alle hier (in Auswahl) abgebildeten Stempel sind gültig in dem Sinn, dass die UB Wien jedenfalls auf alle Materialien, die mit ihren (historischen) Stempeln versehen sind, Eigentumsanspruch erhebt.

Abb. 2-5: Monarchie – Doppeladler mit und ohne Rand bis 1918

Abb. 6-8: Deutschösterreich (1918-1919) – Der Stempel mit dem Doppeladler wurde zunächst weiterverwendet, lediglich der „K. K.“-Teil war daraus entfernt worden und begleitend wurde ein zweiter Rundstempel mit dem Adler-Symbol eingestempelt.

Abb. 9-12: Republik Österreich (1919-1938)

„Anschluss“ Österreichs an das Deutsche Reich (1938-1945)

Abb. 13: „Anschluss“ Österreichs an das Deutsche Reich (1938-1945)

Abb. 14-15: Zweite Republik (ab 1945)

Universitätssiegel (ab 2004)

Abb. 16: Universitätssiegel (ab 2004)

 

Bücher als historische Dokumente

Auch die Verwendung des nationalsozialistischen Hakenkreuzstempels ist in diesem Kontext zu sehen, wiewohl angemerkt werden muss, dass nicht für alle Bibliotheken des Deutschen Reiches die Verwendung des Hakenkreuz-Stempels dokumentiert ist.

Für die Nachkriegszeit hat es jedenfalls keinen umfassenden Versuch gegeben, diese Stempel zu „entfernen“. Allein die Hauptbibliothek der UB Wien „erwarb“ in den Jahren 1938 bis 1945 etwa 65.000 Bücher. Dabei ist zu beachten, dass das Erscheinungsjahr nicht ident sein muss mit dem Zeitpunkt, an dem das Buch an die Bibliothek kommt, und dies auch nicht unbedingt mit dem Inventarisierungs- und Einarbeitungszeitpunkt einhergeht. So erfolgten noch später Übernahmen von „kontaminierten“ Beständen, wie etwa die sogenannte „Sammlung Tanzenberg“ mit über 150.000 Bänden, die 1951 von der Büchersortierungsstelle an die UB Wien kam. Diese Büchersortierungsstelle war von 1949 bis 1952 in Räumen der Österreichischen Nationalbibliothek tätig und führte die Rückgabe sogenannter „herrenloser“ geraubter Bücher durch. Viele davon trugen ebenfalls nationalsozialistische Stempel, wobei nur Teile dieser Büchermasse schließlich in den Bestand der UB Wien aufgenommen wurden.

Tanzenberg-Stempel

Abb. 17: Tanzenberg-Stempel

Abdruck des Tanzenberg-Stempels

Abb. 18: Abdruck des Tanzenberg-Stempels

Auch inhaltlich wäre eine „Dekontamination“ fragwürdig. Zwar sind v.a. an verschiedenen Fachbereichsbibliotheken – die erst ab dem UOG 1975 sukzessive an die UB Wien angegliedert wurden (bis dahin verstand man unter der UB Wien nur die heutige Hauptbibliothek) – einzelne Überstempelungen, Ausschneidungen, Durchstreichungen etc. vorhanden, aber neben konservatorischen Bedenken (Bestandserhaltung) ist dadurch irgendeine Form der „Wiedergutmachung“ nicht zu erreichen – es würde nur eine zweite, sozusagen überlagernde Schicht darüber gelegt oder die erste entfernt werden; allesamt Versuche, die NS-Zeit auszuklammern.

Überstempelung (1942)

Abb. 19: Überklebung eines NS-Stempels aus 1942 (Fachbereichsbibliothek Judaistik)

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Abb. 20: Kommentierung eines NS-Stempels in einem Deutsch-Englischen Wörterbuch an der Fachbereichsbibliothek Kunstgeschichte (Anm.: Die UB Wien ersucht keine Annotationen, Unterstreichungen etc. in ihren Büchern einzufügen!)

Die Forschungsrelevanz der Stempel wurde durch die Periodisierung bereits angedeutet. Dass die Stempel nicht nur für die Bibliotheksgeschichte, die Buchforschung oder die Provenienzforschung wichtige Hinweise geben, sondern etwa auch bei der Frage der Verbreitung von Wissen, also der Frage, welches Wissen stand wann wo wem zur Verfügung, von Bedeutung sind, ist evident. Buchbestand als Ergebnis einer Erwerbungs- und Ausscheidungspolitik, Beschlagwortung, Bibliotheksstempel u.a. bilden die Interessen und Ideologien ab; daher dokumentieren sie auch vergangene, großteils überwundene Wissenschaftskulturen und erinnern damit an die besondere Verantwortung der Bibliotheken in der Gegenwart.

In einer Bibliothek sind die Exemplarspezifika Ausdruck der Herkunft und Geschichte eines bestimmten Buches. Sie bilden die Basis für die Provenienzforschung, die diese Evidenzen deutet, dokumentiert und in Ergänzung mit anderen Informationsquellen aus Archiven, Internetblogs usw. nutzbar macht.

VorbesitzerInnen historischer Buchbestände können Spuren unterschiedlichster Art in ihren Büchern hinterlassen haben: Namen, Erwerbungsangaben (Kauf- und Geschenkeinträge, Preise usw.), Orts- und Datumsangaben, Exlibris, Titel- und Funktionsbezeichnungen, Motti, Merkverse, Alltagsnotizen, Widmungen, Zensurvermerke usw. Im Rahmen der exemplarspezifischen Erschließung von Drucken des 15.-19. Jahrhunderts beschäftigen sich Bibliothekare schon lange mit diesen Gebrauchsspuren. Eine besondere Form, die neu hinzugekommen ist, sind die Gebrauchs- und Raub- sowie Verwertungsspuren der NS-Zeit und deren späteren Überlagerungen.

 

NS-Provenienzforschung

Die Auseinandersetzung mit den „kontaminierten“, zum Teil geraubten Büchern begann an der UB Wien im Wesentlichen 2004. Als erste Universitätsbibliothek in Österreich wurde ein Projekt zur systematischen Suche und Rückgabe von in der NS-Zeit geraubten Büchern eingerichtet. In den folgenden Jahren wurden in der Hauptbibliothek und den über 40 Fachbereichsbibliotheken hunderttausende Bücher händisch auf Hinweise nach VorbesitzerInnen (wie etwa Eintragungen, Stempeln oder Exlibris) untersucht und etwa 60.000 Hinweise für weitere Recherchen dokumentiert. Der in den Büchern enthaltene NS-Stempel lieferte gegen die Intentionen der Nazis nun ein wertvolles Indiz für die Bestimmung der Zugangsperiode.

Die Geschichte der Bibliothek spiegelt sich eben auch in dem vielfältigen Stempelmaterial wider, dessen Abdruck den Bestand der Bibliothek kennzeichnet. Als sichtbare Quellen der Provenienzforschung helfen sie etwa auch, Bestandsverlagerungen und Besitzveränderungen historisch nachzuzeichnen.

Die NS-Provenienzforschung der Universitätsbibliothek beschränkt sich dabei nicht auf die Abwicklung der Fälle (Restitutionen) – für 2.300 Bücher, ein Nachlassfragment und fünf Gipsabgüsse liegen mittlerweile Rückgabeentscheidungen vor, wobei bisher in 18 Fällen eine Restitution durchgeführt werden konnte und in 18 weiteren Fällen werden dzt. ErbInnen gesucht – und die Dokumentation der Ergebnisse, sondern ist aktiv in nationale und internationale Forschungsnetzwerke eingebunden. Die Ergebnisse werden im Online-Katalog, auf der Website, in Publikationen und Vorträgen dokumentiert.

Die UB Wien leistet mit der NS-Provenienzforschung einen aktiven Beitrag zur Erinnerung an die Opfer des Nationalsozialismus und reiht sich mit diesem höchst aktuellen internationalen Thema in die vielfältigen Forschungs- und Gedenkprojekte zur Geschichte der Universität Wien im Nationalsozialismus ein.

Abb. 21-23: Sammlungen alter Stempel der UB Wien

Update 22. Juni 2015: Auch wien.orf.at berichtet über unseren Blogbeitrag!

 

Links zu relevanten Quellen / Literatur:

 

Kurzbiographie Markus Stumpf

Markus Stumpf

Jahrgang 1969, Studium der Völkerkunde sowie der Publizistik- und Kommunikationswissenschaft an der Universität Wien (1999), Lehrgang Bibliotheks-, Informations- und Dokumentationsdienst (BID) (2004), ULG Library and Information Studies (MSc) an der Universität Wien (2010); Lateinamerika-Institut Wien (1999–2000), seit 2000 in diversen Funktionen an der UB Wien, seit 2005 Leiter der NS-Provenienzforschung an der UB Wien und seit 2006 Leiter der Fachbereichsbibliothek Zeitgeschichte der Universität Wien; Mitglied der Österreichischen Gesellschaft für Zeitgeschichte; Vorstandsmitglied der Vereinigung Österreichischer Bibliothekarinnen und Bibliothekare (VÖB); Mitbegründer und 2009–2014 Vorsitzender der Arbeitsgruppe NS-Provenienzforschung der VÖB; Zahlreiche Publikationen, u.a. zur NS-Provenienzforschung und zur Bibliotheksgeschichte, zuletzt etwa zur Anthropos-Bibliothek von St. Gabriel bei Mödling und der Bibliothek des Instituts für (germanisch-deutsche) Volkskunde der Universität Wien in der Festschrift zu 50-jährigen Wiederbegründung des heutigen Instituts für Europäische Ethnologie der Universität Wien.

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Kommentare

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  1. | Juliane

    Danke für diesen interessanten Einblick!
    Ich verstehe einerseits die Argumente bezüglich Provenienzforschung, muss aber auch sagen, dass ich „unkommentierte“ NS-Stempel doch eher befremdlich finde (und z.B. gerade das Beispiel mit dem überklebten Stempel aus der Judaistik-Bibliothek nur zu gut verstehen kann) – jedenfalls in Büchern, die weiterhin wegen ihres Inhaltes von „x-beliebigen“ Nutzer_innen ausgeliehen werden. Etwas Anderes wäre es natürlich bei z.B. Propagandaschriften aus der NS-Zeit, die ohnehin nur unter bestimmten Bedingungen an einen eingeschränkten Personenkreis entlehnt werden.

    Was mir nicht ganz klar ist: Wenn es sich nicht um sonstige Vorbesitzervermerke handelt, sondern ausschließlich um den (offenbar immer gleichen?) NS-Stempel, dann könnte dieser doch – zumindest bei Bedarf oder Wunsch der jeweiligen Bibliotheksabteilung – genauso gut überklebt oder überstempelt werden, solange für Fachleute klar bleibt, dass dies einmal ein NS-Stempel war. Etwa mit einem (Zusatz-)Symbol, das von der UB zentral und bewusst für diesen Zweck ausgewählt würde, das die durchschnittliche Nutzerin aber vielleicht gar nicht als besonderes Symbol erkennen würde. Somit wüssten die Bibliothekar_innen und Provenienzforscher_innen trotzdem, dass dies ein NS-Stempel war, ohne dass Nutzer_innen plötzlich mit einem (aus ihrer Sicht unkommentierten) Adler mit Hakenkreuz konfrontiert sind.

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    1. | Robert

      Verehrte Juliane, Ihre Bedenken sind aus meiner Sicht als Nicht-Historiker nicht nachvollziehbar. Gerade Studierende und Wissenschafter der Geschichte sollten doch interessiert sein, bei aller berechtigten Verurteilung und Verachtung des verbrecherischen Nazi-Regimes die Erkennbarkeit des historischen Bezugs dieser Bücher zur NS-Zeit beizubehalten. Es gibt noch eine Menge anderer Symbole anderer verbrecherischer Regime der letzten Jahrhunderte oder mehr, nicht zu reden von der Gegenwart. Würden Sie sich auf das Hakenkreuz beschränken, um damit in Verdacht zu kommen, dass Sie andere verbrecherische und grausame Regime als weniger verachtenswert empfinden ? Hoffentlich nicht ! Übrigens, ich wurde 1942 geboren, und meine Geburtsurkunde trägt den standesamtlichen Stempel mit Hakenkreuz. Meine Eltern hätte ich nicht verstanden, wenn sie den Stempel überklebt hätten um damit vielleicht zu verdecken, dass ich zur Zeit der NS-Verbrechen auf die Welt kam. Dafür war ich genauso schuldlos wie jedes der ca. 65.000 Bücher, die in jener Zeit die Universität Wien erreichten. Und wenn irgendein Amt verlangt hat, meine Geburtsurkunde vorzuweisen, hat damit bis heute nie jemand ein Problem gehabt – trotz des unkommentierten Hakenkreuzes.

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  2. | Stefan

    Geschichte auszuradieren, ist das Letzte, was wir anstreben sollten. Wir leben leider in einer vollkommen ahistorischen Zeit, wo sich Studenten, denen man gewöhnlich die kognitive Leistungsfähigkeit attestiert, für ein Universitätsstudium geeignet zu sein, über NS-Stempel echauffieren oder irgendwie „irritiert“ seien. Auch sind diese Bücher nicht „kontaminiert“.

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  3. | Christina Pernsteiner

    Aus meiner Sicht wäre eine Lösung zumindest neben dem Stempel einen Hinweis zu kleben, so dass dieses Symbol nicht alleine steht. Mir ist schon klar, dass es sich um eine große Menge von Büchern handelt, aber ich hoffe, dass sich hier auch genug Freiwillige finden würden, die unterstützen. Wenn ich in Wien in der Lehre tätig wäre, würde ich so eine Aktion auch dort einbeziehen, im Sinne einer kritischen Auseinandersetzung mit Wissenschafts(quellen)geschichte.

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  4. | dorit smolka

    Selbstverständlich sind Bücher historische Zeugen und Stempeln Indizien für politische Epochen. Ausradieren, überkleben oder wegschneiden ist sicherlich keine dokumentarische Arbeitsweise und hat keinen Platz in einer historisch kritischen Demokratie. Allerdings, denke ich, ist die Öffentlichkeit aufgrund verschiedener Restitutionsverfahren sensibilisiert und hinterfragt reflexartig, wie nun eben dieses Buch, das man mit solch einem Stempel gerade in Händen hält, in den Besitz der Bibliothek gekommen ist. Handelt es sich vielleicht um Raubgut von vertriebenen, verfolgten, ermordeten Mitbürgern? Mache ich mich nun mitschuldig, weil ich nun davon profitiere? Fühle ich mich schuldig, eventuell ein Buch zu benützen, das unter anderen Umständen vielleicht nicht in die Bibliothek gekommen wäre? Oder fühle ich mich nur unwohl, weil ich an eine Epoche der österreichischen Geschichte erinnert werde, mit der ich nicht direkt in Verbindung treten will?
    Ich erinnere mich mit Schaudern und Ekel daran, als ich 2011 bei der Räumung einer Wohnung ein großes, zusammengerolltes Hitlerbild fand. Ich hatte das Gefühl, als würde ich durch dieses Artefakt mit all den Grauen dieses Regimes besudelt. Auch fragte ich mich, was denn die Besitzer veranlasst haben konnte, es immer noch versteckt im Kasten aufbewahrt zu haben…
    Und so verstehe ich auch, dass ein unkommentierter Stempel dieses Unrechtsregimes Verwirrung und Unbehagen hervorrufen kann.
    Vielleicht könnte ein kurzer erklärender Text gestempelt oder eingeklebt werden, der Leser von Büchern, die unter dem NS-Regime in den Bestand der UB kamen, folgendermaßen informiert:
    „Dieses Buch gelangte in der Zeit des NS-Regimes (1939-1945) in den Besitz der Bibliothek. Die Bibliothek distanziert sich in allen Belangen von diesem menschenverachtenden Unrechtsregime. Die Bibliothek betreibt Provinienzforschung und versucht zu Unrecht in Besitz der Bibliothek gekommene Bücher an die Erben zurück zu geben.“
    Dass die UB Provinienzforschung betreibt und versucht Bücher an die Erben zurück zu erstatten ist richtig und wichtig. Vielen Dank Herr Stumpf, für Ihre ausführlichen Erläuterungen zu diesem wichtigen Thema.

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