Liebeserklärung einer deutschen Erasmus Studentin an die Hauptstadt Österreichs am 15. Januar 2014
ungefähr 5 Minuten
Themen: Auslandserfahrung , Erasmus , Studierende , Wien

Liebeserklärung einer deutschen Erasmus Studentin an die Hauptstadt Österreichs

Es gibt hundert verschiedene Arten, zu fragen: „Du kommst aus Deutschland? Und warum machst du dann Erasmus hier in Wien?“. Glaubt es mir – denn mir selbst wurde diese Frage in den nunmehr fast drei Monaten, die ich in Wien verbracht habe, oft genug gestellt.  Häufig verständnislos und mit einer großen Portion Skepsis, manchmal verwundert, seltener belustigt und ab und zu sogar herablassend. Nachdem ich mich brav erklärt habe, kann die Konversation zwei Richtungen einschlagen: Entweder ist die Person überzeugt, setzt ein einsichtiges Gesicht auf und zeigt Interesse an weiteren Aspekten meines Lebens, oder aber mein/e GesprächspartnerIn hat das Gefühl, mich missionieren zu müssen und konfrontiert mich mit Argumenten dafür, dass das, was ich mache, ja vollkommen sinnlos sei.

Was denn meine Erklärung ist? Im Moment ist meine Lieblingsantwort „Warum nicht?“ – zwar gilt eine Gegenfrage als Antwort eher unhöflich, kommt meist aber auch ziemlich unerwartet und bringt das Gegenüber aus dem Konzept. Meine weiteren Erläuterungen sind dann weniger prägnant: „ … weil ich Wien toll finde, weil die Uni traditionsreich ist und ein riesengroßes Angebot hat, weil ich hier genau das studieren kann, was ich immer studieren wollte …“ (usw.). Für mich sind das völlig plausible Gründe – trotzdem gibt es immer noch genug Menschen, die nicht verstehen, warum ich nicht nach Spanien oder Australien gegangen bin. Ist es so ungewöhnlich, bei der Wahl des Ortes für ein Auslandssemester das Studium in den Vordergrund zu stellen anstatt die Anzahl der durchschnittlichen Sonnenstunden? Ich studiere Sprache. Und Menschen. Kultur. Medien. Mein Job wird es sein, Texte zu schreiben, die überzeugen. Die informieren und gleichzeitig berühren. Die im Gedächtnis bleiben. Auf Deutsch. Das ist meine Leidenschaft und ich beherrsche sie noch lange nicht perfekt. Ich möchte weiter lernen, besser werden und dabei jedes Semester voll ausschöpfen. Natürlich kann ich auch in Spanien viel lernen (eigentlich ein schlechtes Beispiel, da ich nicht ein Wort spanisch spreche … sei’s drum) – aber eben mehr für’s Leben als für meine(n) Beruf(ung) – denn in einer anderen Sprache müsste ich, was meine Fähigkeiten im Texten angeht, bei Null anfangen.

Die Skepsis der anderen lässt mich über die Frage nachdenken: Ist die Erasmus-Erfahrung erst vollkommen, wenn sie mit dem Erlernen einer neuen Sprache einhergeht? Einerseits ja, denn das Zurechtkommen im Alltag und das Studieren in einer anderen Sprache ist eine große Herausforderung, bei deren Bezwingung der/die Erasmus-StudentIn enorm viel Lebenserfahrung sammelt. Andererseits nein, denn was genau macht dieses Konzept „Erasmus-Erfahrung“ aus? In erster Linie etwas Neues, nicht wahr? Neue Stadt, neues Umfeld, neue Uni. Alleine ins kalte Wasser springen. Bürokratische Hürden überwinden. Internationale Kontakte knüpfen. Den Horizont erweitern. Und all das ist auch in der eigenen Muttersprache möglich. Nicht zuletzt ist es zweifelhaft, davon auszugehen, dass man Erasmus nur so machen kann und nicht anders. Die Erasmus-Erfahrung gibt es nicht – jeder macht es eben auf seine eigene Weise. Ich persönlich empfinde meine Erasmus-Erfahrung jedenfalls als vollkommen.

Lange Rede, kurzer Sinn: Wien ist für mich der perfekter Kompromiss: Auslandserfahrung bei nicht völliger Missachtung der beruflichen Ziele. Ich vermisse hier nichts. Und das ist nicht zuletzt deshalb so, weil ich durchaus meine sprachlichen Erfahrungen ausbaue: Wenn ich mich mit anderen Erasmus-Studenten auf Englisch unterhalte. Wenn ich lerne, was „Gesundheit!“ auf Finnisch heißt. Wenn ich mich mit ÖsterreicherInnen und TürkInnen darüber austausche, dass ein und dasselbe Obst einmal „Marille“ und einmal „Aprikose“ heißen kann. Ich lerne dabei viel über andere Sprachen und noch viel mehr über meine eigene: Wenn ich mit Erasmus-Studierenden Deutsch spreche, muss ich darüber reflektieren, was ich wie sagen kann, damit sie mich verstehen. Muss mir darüber klar sein, welche Redewendungen ich verwende, die  ursprünglich metaphorisch sind und MuttersprachlerInnen deswegen nicht bekannt sein könnten. Muss mir klar machen, ob ich selbst eigentlich hochdeutsch spreche oder, wenn nicht, worin mein Dialekt besteht. Außerdem bin ich, obwohl ich aus Deutschland komme, in Österreich genauso fremd wie die FinnInnen, die AustralierInnen und die SpanierInnen, obwohl ich die Sprache spreche. Ich weiß nicht, was Powidl ist, kenne mich mit dem politischen System nur mäßig aus und bin noch nie Ski gefahren. Jeden Tag in Wien lerne ich dazu und erkenne die feinen Unterschiede zu meiner Heimat.

Meine Gedanken führen mich zu Themenbereichen, die hochkomplex sind:  zum Verhältnis zwischen ÖsterreicherInnen und Deutschen zum Beispiel und  zum Wesen und zur Bedeutung von Nationalbewusstsein – was ich hier weder ausführlich erörtern kann, noch will. Nur eins dazu: Aus meiner Perspektive sehen viel zu viele dort eine Grenze, wo ich keine empfinde. Wenn ich neben einer Französin im Waschraum eines Hostels stehe und wir uns einträchtig die Zähne putzen, wo ist dann die Grenze? Wenn ich mit einer bunt zusammengewürfelten Gruppe ausgelassen zu Partymusik tanze und wir alle „Call me maybe“ mitgrölen – wo ist dann die Grenze?

Manchmal wünsche ich mir, die ÖsterreicherInnen würden das Kompliment erkennen, das sich hinter der Tatsache, dass ich jetzt hier glücklich in meiner Wiener Altbau-Wohnung sitze, mich staunend immer wieder in den Gassen des ersten Bezirks verlaufe und interessiert der Vorlesung zu „Österreichischer Kulturgeschichte“ lausche, verbirgt. Ich bin hier, weil mich Österreich interessiert, weil mich Wien reizt. Es wäre schön, wenn meine GesprächspartnerInnen das sehen würden, bevor die Frage: „Du kommst aus Deutschland? Und warum machst du dann hier in Wien Erasmus?“ zu nah an einen verletzenden Ton gerät.



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6 Kommentare

  1. Gut geschriebener Artikel, ich hätte es nicht besser beschreiben können!
    Ich komme zwar aus Belgien, meine Muttersprache ist aber auch Deutsch (konne aus der Nähe von Aachen) und werde auch ständig gefragt wieso ich denn nicht genutz habe weiter ins Ausland zu reisen.
    Jetzt ist das Semester schon fast um und ich bereue es nicht. Reisen kann ich immer noch in andere Länder, aber wenn hier nunmal die perfekten Kurse angeboten werden nach meinem Geschmack … Und als mich andere Erasmusstudenten fragten ob ich ihnen sagen kann was in der Menukarte im Restaurant geschrieben steht wusste ich auch erst nicht was Melanzanen oder Paradeiser sind. „Wie aber du kannst doch deutsch???“ war dann die Reaktion. Da fangen die Unterschiede an und enden bei der Politik, wie du es angesprochen hast. ALs ich in der Wahlphase die Plakate der FPÖ gesehen habe bin ich fast vom Stuhl gefallen. Obwohl es ein Nachbarland ist, würde man in Deutschland wohl eher weniger offensichtlich zugeben dass man die NPD gewählt hat …
    Könnte ewig weitermachen.
    Also genieße noch die letzten WOchen hier in Wien. Hat mich gefreut zu lesen, dass sich auch wer anders schon Gedanken dazu gemacht hat :-)

    Gruß,
    Ellen

    1. Liebe Ellen,

      Vielen Dank für deine Reaktion auf meinen Blogeintrag! Es freut mich, zu hören, dass es auch anderen so geht wie mir – dass ich nicht die Einzige bin, die keinen großen Kulturschock braucht, sondern sich auch an weniger offensichtlichen Unterschieden erfreuen kann.
      Danke dafür! Ich wünsche dir auch noch eine schöne Zeit in Wien!

      Britta

  2. Liebe Britta,
    dein Artikel ist echt wunderschön.
    Ich war als Österreicherin in Deutschland auf Erasmus und kenne diese Fragen nur zu gut. Irgendwie bin ich ganz selbstverständlich zur Rechtfertigung übergegangen, um mich danach zu fragen, warum ich das denn immer wieder mache. Denn eigentlich müsste man doch wirklich sagen: „Findest du es denn nicht einfach schön, dass ich gerade hier bin?“
    Und für mich war es spannend, all die kleinen Unterschiede zu sehen, denn an zwei verschiedenen Orten kann es nie gleich sein. Die Schönheit liegt eben im Detail.
    LG Sarah

  3. Ein wunderbarer Artikel! Ich war als Wienerin in Deutschland auf Erasmus. Und auch ich habe die Frage nach dem Warum oft genug beantworten müssen. Zehn Jahre nach meinem Erasmusaufenthalt kann ich sagen…. Es war genau die richtige Entscheidung!! Erasmus war nicht nur eine tolle Zeit, sondern hat mich bis heute in meinen Interessen und meinem beruflichen Leben geprägt.

  4. Liebe Britta, ich kenne das umgekehrt sehr gut. Ich habe als Österreicherin ein Erasmus-Semester in Stuttgart gemacht – und da soll noch eine/r sagen, ich hätte keine neue Sprache gelernt! ;-)

    1. Danke für eure Antworten! Es ist wirklich interessant zu erfahren, dass umgekehrt (als Österreicherin Erasmus in Deutschland) ähnliche Erfahrungen gemacht worden sind :) Was örtlich nahe liegt, liegt für viele wohl gedanklich nicht nahe…

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