von Vicky Reiter
am 28. November 2017
ungefähr 7 Minuten
Themen: Auslandserfahrung , Austausch , Moskau , Studierende

„Liegst du denn nicht gerne am Strand?“ – Studieren in Moskau

Vicky Reiter studiert Slawistik und Interdisziplinäre Osteuropastudien an der Universität Wien. Im Rahmen ihres MA-Studiums absolvierte sie über das Non-EU Exchange Program ein Auslandssemester an der Russischen Staatlichen Geisteswissenschaftlichen Universität (RGGU) in Moskau.

Ein Auslandssemester erweitert den Horizont, ändert die Perspektive und kann darüber hinaus sehr viel Spaß machen. Bei der Auswahl der Lehrveranstaltungen sollte man sich aber nicht allein mit Sprachkursen zufriedengeben, denn ein Aufenthalt im Ausland hat auch akademisch einiges zu bieten – allein, auf die richtige Organisation kommt es an.

Vorbereitungen

Bereits vor dem Antritt des Auslandsaufenthaltes lohnt sich ein Blick in den eigenen Studienplan: Was ist vorgesehen, was fehlt mir noch, was davon könnte ich an der Partneruniversität absolvieren? Umgekehrt habe ich versucht herauszufinden, was an der RGGU angeboten wird, wobei ich auf erste Schwierigkeiten stieß: Ein Vorlesungsverzeichnis gibt es zwar, allerdings hat es ein bisschen gedauert, bis ich mich damit zurechtgefunden habe. Dazu kommt, dass die Kurse nicht langfristig vorher, sondern erst zu Semesterbeginn eingetragen werden – oder überhaupt nicht. So verwendet das russische Pendant zu den Ostasienwissenschaften zur Ankündigung der Lehrveranstaltungen nach wie vor ausschließlich Zettel, die am kafedra aushängen.

Dennoch gelang es mir, nach einigem Herumsuchen eine ungefähre Vorstellung davon zu bekommen, was mich interessieren könnte. In einem nächsten Schritt war es wichtig, mit der SPL abzuklären, ob das Programm so auch passt, vorbehaltlich eventueller Änderungen vor Ort.

Am Roten Platz

Nach der Ankunft

In Moskau angekommen verbrachte ich die Zeit zunächst vor allem damit, mich in meiner neuen Umgebung zurechtzufinden und mich um die Verlängerung meines Visums zu kümmern. In den ersten Tagen ist dabei vor allem das Pendant zum International Office (meždunarodnyj otdel) ein wichtiger Anlaufpunkt für Fragen aller Art.

Finde die Lehrveranstaltung

In der ersten Woche zog ich los, um mir die LVs in natura anzusehen. Hier erwartete mich die nächste Challenge: Mit den Lehrveranstaltungsterminen, -orten und -zeiten nimmt man es dort bei weitem nicht immer so genau wie in Wien, mal wird ein Kurs verlegt, mal fällt er aus oder wird überhaupt gecancelt, manchmal hält ihn jemand anderer.

Kalt war’s!

Hatte ich eine LV gefunden, folgte ich einem einfachen Prozedere: Ich stellte mich kurz beim Lehrenden als Austauschstudentin aus Österreich vor und fragte höflich, ob ich am Kurs teilnehmen dürfte, da er mich interessierte. Die russischen Studierenden staunten nicht schlecht, als ich zum ersten Mal auftauchte. Dazu will erklärt sein, dass in Russland das Universitätsstudium wesentlich stärker verschult ist als in Österreich und eher an das einer FH erinnert: Jeder Jahrgang bleibt über weite Strecken des Studiums zusammen und unter sich. Sich dann in so einer Gruppe zurechtzufinden ist nicht immer ganz einfach. Einen guten Draht zu den Mitstudierenden aufzubauen, ist aus meiner Sicht ein unverzichtbarer Schritt, zunächst einmal, um am Laufenden zu bleiben, wann und wo die nächste Einheit stattfindet und was als Hausübung zu erledigen ist, des Weiteren aber natürlich, um Kontakte zu knüpfen, die man auch außerhalb des Unterrichts nutzen kann. In den meisten Fällen stieß mein Auftauchen, nach der ersten Verwunderung, auf große Neugierde: „Wer bist du“, „Woher kommst du“, und „Warum um Gottes Willen studierst du bitte so was Schweres wie Russisch und nicht irgendwas, wo’s warm ist und du am Strand liegen kannst?“

„Bitte, ich brauche am Ende unbedingt eine Note…“

Nach ein paar Wochen kristallisierte sich heraus, welche Lehrveranstaltungen ich weiterhin besuchen wollte und welche ich auch tatsächlich abzuschließen gedachte. An diesem Punkt nahm ich nochmals Kontakt mit der SPL und dem Internationale Office auf, um meine endgültige Entscheidung absegnen zu lassen. Mit den ProfessorInnen hatte ich danach die Prüfungsmodalitäten zu klären, denn um die ECTS fürs Stipendium zu liefern, muss am Ende eine Note auf dem Zeugnis stehen. In Russland weit verbreitet sind aber so genannte začёty, die einem „teilgenommen“ entsprechen. Im Gegensatz zu Österreich werden die Prüfungen wesentlich häufiger mündlich abgelegt, oft gibt es zur Vorbereitung bereits einen Fragenkatalog, aus dem man bei der Prüfung dann seine Aufgaben zieht, ich hatte allerdings auch schriftliche Klausuren.

Auch auf Schnee kann man Fußball spielen!

Und wie komm’ ich jetzt an mein Zeugnis?

Elektronisches Prüfungssystem? Njet. Vor meinen Abschlussprüfungen organisierte ich mir am Institut für Linguistik und für Philologie, wo ich meine LVs absolvierte, jeweils eine so genannte vedomost’, ein Formular, in das der Lehrende nach der Prüfung Details zum Kurs, Stunden- und Punkteanzahl sowie die Note einträgt. Diese Formulare werden in einem Extra-Büro gesammelt und zu einem englischsprachigen Abschlusszeugnis verarbeitet, in denen die Noten im ECTS-System sowie die Gesamtstundenanzahl eingetragen wird.

„Du hockst aber nicht ständig nur auf der Uni, oder?“

 Nein. Ganz wichtig ist, dass der Spaß am Auslandssemester nicht zu kurz kommt. Egal, ob das Reisen, Theaterbesuche oder Sport ist – Freude soll es bereiten. Ich spiele für mein Leben gern Fußball und hatte das große Glück, über eine frühere Studienkollegin einen Verein zu finden, bei dem ich das ganze Semester spielen konnte. Die integrative Wirkung, die man dem Sport nachsagt, kam voll zur Geltung: Ich lernte neue Leute kennen und kam über das gemeinsame Interesse gleich ins Gespräch.

Fazit

Ein Studium im Ausland bedeutet nicht nur, in einem fremdsprachigen Umfeld bestehen zu müssen, sondern auch, sich in einem anderen Bildungs- und Wissenschaftssystem mit anderen Organisationsformen und -wegen zurechtzufinden. Mitunter bin ich dabei auf Schwierigkeiten gestoßen, die mich gefordert haben und manchmal zunächst durchaus verzweifeln haben lassen, ich habe aber mit der Zeit gelernt, dass sich alle Probleme mit der nötigen Ruhe, der richtigen Unterstützung (und einer Packung Mannerschnitten in der Tasche) am Ende lösen lassen. Am Ende kann ich auf ein sehr erfolgreiches Auslandssemester zurückblicken, dass mich sprachlich wie fachlich extrem weitergebracht hat, ohne, dass meine eigenen Interessen zu kurz gekommen sind. So konnte ich sowohl für mein Studium, als auch für mein Leben generell wertvolle Erfahrungen mitnehmen.

Zusammenfassend habe ich folgende Tipps für alle, die mit dem Gedanken spielen, ein Auslandssemester zu machen:

  1. Trau dich! Die Möglichkeit, längere Zeit in Russland zu verbringen und zu studieren kommt so schnell nicht wieder – leider werden viel zu wenige der vorhandenen Plätze ausgenutzt.
  2. Finde heraus, was du willst! Den organisatorischen Rahmen für dein Programm bilden zwar curriculare Vorgaben – in diesem Rahmen, überleg dir aber, was du möchtest, was dich interessiert und dich weiterbringt! Soll’s ein Sprachkurs sein? Oder vielleicht etwas, was es zu Hause in der Form gar nicht gibt?
  3. Informiere dich rechtzeitig, frag so viel nach, bis du dich auskennst und die Sicherheit hast, dass alles so läuft, dass du am Ende das bekommst, was du brauchst.
  4. Achte auf die Work-Life-Balance und mach in deiner Freizeit was, was dir Spaß macht! Sport ist nicht nur gesund, sondern bringt auch Menschen zusammen.

 

Am Strand von Lloret de Mar

Und was den Strand angeht…

An den habe ich es übrigens doch geschafft – an den von Barcelona und Lloret de Mar. Die Fußballerinnen nämlich haben sich fürs Futsal-Europacup-Finale in Spanien qualifiziert und mich vom Fleck weg mitgenommen. So bin ich doch noch in der Sonne gelandet, trotz oder gerade wegen meines Russisch-Studiums ;)

 

Erfahre mehr über Austauschprogramme, Stipendien und Sprachkurse am RUSSLAND TAG DER UNIVERSITÄT WIEN: am 30. November in der Aula am Campus, von 9-13 Uhr.

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Vicky Reiter

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