Medien, Migration und ethnische Zugehörigkeiten

Quelle: pixaybay (public domain)

Petra Herczeg ist Kommunikationswissenschafterin am Institut für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft. Im Rahmen der aktuellen SemesterfrageWie verändert Migration Europa“ schreibt sie über die Problematik der Berichterstattung über die ethnischen Hintergründe von StraftäterInnen:

Seit Silvester 2015/16 und den Ereignissen in Köln hat sich die Medienberichterstattung über Flüchtlinge sowohl in den deutschen als auch in den österreichischen Medien verändert. Die Vorwürfe an die JournalistInnen, dass in der Berichterstattung nach den Vorkommnissen in Köln die ethnische Herkunft der Täter nicht genannt bzw. verschwiegen wurde, führte zu einer Diskussion darüber, wann es in der Berichterstattung notwendig sei, die ethnische Zugehörigkeit zu erwähnen und wann nicht.

Zur Lage in Deutschland und Österreich

Quelle: pixaybay (public domain)

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Im deutschen Pressekodex – in der Richtlinie 12.1 – ist diese Frage geregelt: da heißt es, dass es dann angebracht sei, die ethnische, religiöse oder andere minderheitenbedingte Zugehörigkeit der Verdächtigen bzw. Täter zu erwähnen, „wenn für das Verständnis des berichteten Vorgangs ein begründbarer Sachbezug besteht“. Im österreichischen Pressekodex gibt es keine diesbezügliche Regelung.

Zu den Ereignissen in Köln hat der österreichische Presserat dahingehend Stellung bezogen, dass in diesem Fall die Nennung der Herkunft der Straftäter gerechtfertigt sei, da es von Bedeutung sei, zu wissen, dass sich die Täter verabredet hätten, um in Gruppen Frauen sexuell zu belästigen. Die Chefredaktion des ZDF hatte sich via Facebook-Eintrag entschuldigt, dass zu Beginn nicht die ethnische Herkunft der Täter in der Berichterstattung genannt worden ist.

Journalismus hat keine Erziehungsfunktion in der Gesellschaft

Die Frage, ob die ethnische Zugehörigkeit von Tätern genannt werden soll, ist eng mit der journalistischen Berufsethik verbunden. Dabei ist es hilfreich zu bestimmen, was die Aufgabe der JournalistInnen in demokratischen Gesellschaften ist:

JournalistInnen stellen für relevante Themen Öffentlichkeit her, sie sollen fair und ausgewogen berichten und das Publikum muss sich darauf verlassen können, dass die JournalistInnen nach bestem Wissen und Gewissen handeln. Journalismus hat keine Erziehungsfunktion in der Gesellschaft. JournalistInnen müssen von einem mündigen Publikum ausgehen, das sich selbst eine eigene Meinung bilden kann, und sind weder heimliche noch sonst wie zu benennende (Mit-)Erzieher. Dieser Vorstellung steht diametral entgegen, dass – vor allem in der Boulevardpresse – negative also geradezu antipädagogische Wirkungen festzumachen sind: es fehlen Differenzierungen, und Zuspitzungen und Ausgrenzungen führen dazu, dass negative Stereotypen verbreitet werden („Wir und die Anderen“) und Aspekte des Sensationellen und Außergewöhnlichen im Vordergrund stehen.

Die Boulevardmedien prägen durch ihre Berichterstattung die Vorstellungen der RezipientInnen von der Wirklichkeit mit und können dadurch die vorhandenen Vorurteile und Werturteile verstärken. Dazu kommt, dass – dem Thomas-Theorem folgend – wenn Menschen eine Situation als real definieren, die Konsequenzen real sind, ohne dass dabei Individuen auf Wirklichkeitserfahrungen zurückgreifen.

Ethnischer Hintergrund ja oder nein?

Wie lässt sich nun begründen, ob der ethnische Hintergrund eines Straftäters berichtenswert ist oder nicht? Ist es auch wesentlich zu wissen, welche ethnische Zugehörigkeit die Opfer haben? Im „biber“ – dem transkulturellen Gratismagazin „für neue Österreicher (Wiener mit und ohne Migrationshintergrund)“ wurde in einem Blogbeitrag diese Frage diskutiert.

Wie hilfreich sind diese Nennungen? Wird dadurch das in der Bevölkerung vorhandene Unsicherheitsgefühl gestärkt und bestätigt? Oder ist es ganz einfach wichtig, zu wissen, welcher Herkunft Straftäter sind? Gilt das auch für inländische Täter?

Inhaltsanalysen der Medienberichterstattung zeigen, dass vor allem dann die Herkunft der Täter genannt wird, wenn es sich um Täter mit Migrationshintergrund handelt. In den letzten Monaten – ohne dass jetzt empirisch geprüfte Ergebnisse vorliegen – kann in vielen Medien eine Ethnisierung der Berichterstattung beobachtet werden. Die Nennung ethnischer Zugehörigkeiten scheint zu einem signifikanten Bestandteil der Berichterstattung geworden zu sein. Uneinigkeit besteht in der wissenschaftlichen und journalistischen Community, ob und wann die Nennung ethnische Zugehörigkeit gerechtfertigt sei. Es geht dabei sowohl um die journalistische Verantwortung, als auch darum, dass die RezipientInnen die nötige Medienkompetenz besitzen, um die Berichterstattung einordnen und bewerten zu können.

Die Berichterstattung über Flüchtlinge ist einerseits wiederum stark geprägt von Zuschreibungen wie „Flüchtlingsströme“, „das Boot ist voll“ und andererseits von Flüchtlingen, die als Opfer von Kriegen, Vertreibungen, Terror und Schleppern gezeigt werden. Die JournalistInnen versuchen im zweiten Fall durch empathische Berichterstattung auf die Lage der Flüchtlinge aufmerksam zu machen, um damit einen öffentlichen Diskurs zu initiieren.

Offen bleibt, ob damit sowohl die politischen Akteure als auch die Bevölkerung zu erreichen sind, oder ob es nicht eher darum geht, dass Hintergründe und Handlungsalternativen aufgezeigt werden sollten. JournalistInnen befinden sich dabei in einem Dilemma – einerseits ihren Aufgaben gerecht zu werden und andererseits Haltung im Engagement für die Anderen zu bewahren. Joseph Roth – Journalist und Schriftsteller – stellte einmal fest, dass der „gute Beobachter“ auch der „traurigste Berichterstatter“ sei – dies kann in dem Sinn gedeutet werden, dass JournalistInnen die Aufgabe zukommt, unangenehme Wahrheiten aufzuzeigen, vor denen viele gerne Augen und Ohren verschließen, weil gewohnte Denkmechanismen und vorgestellte Lösungsmöglichkeiten von berichteten Realitäten in Frage gestellt werden.

 

Ausblick und Handlungsempfehlungen

Der Umgang mit Diversität in der Gesellschaft muss erst gelernt werden – und dies auf unterschiedlichen Ebenen.

Studien, die sich mit der Zusammensetzung von Printmedien-Redaktionen in Deutschland und Österreich befassen, kommen zu dem Schluss, dass die Printmedien vor allem monoethnisch – von VertreterInnen der Mehrheitsgesellschaft – besetzt sind. Dabei ist die Einbeziehung von JournalistInnen mit unterschiedlichen ethnischen Zugehörigkeiten in den Redaktionen wesentlich, um Themen aus verschiedenen Perspektiven zu beleuchten und einzuordnen.

Der Umgang mit den „Anderen“ ist in erster Linie nicht von einer ethnischen Sichtweise aus zu betrachten, sondern danach zu beurteilen, welche Aspekte berichtenswert sind und welche eben nicht. Es ist Ermessenssache der JournalistInnen, ob sie es für notwendig erachten, dass eine ethnische Zugehörigkeit genannt wird. Und der ethnische Hintergrund ist nur dann für die Berichterstattung relevant, wenn dies für die Erklärung des Sachverhalts unabdingbar notwendig erscheint. Die Gleichheit aller Menschen ist nicht nur vor dem Gesetz sicherzustellen, sondern es ist ein demokratisches Grundprinzip, dass Personen vor Diskriminierung geschützt werden.

Die Reduktion von Personen auf ihre ethnische Herkunft bedient u.a. vor allem Vorurteile, die gegenüber bestimmten Gruppen bereits bestehen, und die durch die Medienberichterstattung verstärkt werden können. Es ist nicht Aufgabe der Medien diffuse kollektive Bedrohungsgefühle zu erhöhen, sondern über Ereignisse und deren Hintergründe zu berichten.

Kurzbiographie Petra Herczeg

Dr. Petra Herczeg

Dr. Petra Herczeg

Senior Lecturer und stellvertretende Studienprogrammleiterin am Institut für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft.

Forschungsschwerpunkte: Migration und Medien, Journalismusforschung und Interkulturelle Kommunikation. Chefredakteurin „Medien Journal“, Mitglied des Betriebsrats für das wissenschaftliche Personal und Mitglied der Fakultätskonferenz der Sozialwissenschaftlichen Fakultät.

 

 

 

 Ihr findet die Thematik interessant? Weitere Artikel zu unserer Semesterfrage „Wie verändert Migration Europa?“ könnt ihr hier nachlesen.

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Kommentare

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  1. | Sylwia Lorek-Holzinger

    Liebe Petra,
    Dein Blog betrifft ein gegenwärtig äußerst wichtiges Thema.
    Sehr interessant, von der erwähnten Richtlinie in deutschem Pressekodex habe ich gar nichts gewusst.
    Eine Betrachtung und Haltung, die Respekt und Bewunderung verdient, gerade weil viele Printmedien (nicht nur die des Boulevards) fast regelmäßig gegen den „Kodex“ verstoßen und ethno-rassistisches Kapital (auch reales natürlich) aus ihrer Berichterstattung ziehen möchten.
    Es wäre von Vorteil für unser Europa, wenn soviele Menschen wie möglich Deinen Blog lesen und darüber nachdenken würden.

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