Mein Erfahrungsbericht: Lehren an einer amerikanischen Uni am 8. April 2014
ungefähr 5 Minuten
Themen: Davis Chair , Forschende , Forschung , Ruth Wodak

Mein Erfahrungsbericht: Lehren an einer amerikanischen Uni

Ruth Wodak ist Spachwissenschafterin an der Universität Wien und an der Lancester University. Sie wurde für den Davis Chair for Interdisciplinary Studies an der Georgetown University, Washington DC, berufen.Sie schickte uns aus Washington diesen Bericht und schildert uns, wie es ihr dort geht:

Seit 2. Jänner 2014 sind wir in Washington, wo uns eisige Kälte erwartete. Der Frühling ist auch bisher nicht eingetroffen (es ist gerade Halbzeit). Gestern, am 30. März, hat es noch geschneit, während es heute 18 Grad Celsius warm ist. Der Klimawandel ist in diesen Breitengraden, so wird uns versichert, evident!

Der Davis Chair wird jährlich vergeben, man wird dafür von einem Department nominiert. Für das zweite (Frühjahr)Semester wurde ich berufen.
Meine Aufgaben sind genau definiert: Ich unterrichte wöchentlich eine dreistündige Vorlesung, eine sogenannte „upper-under-class“ (d.h., es sind Studierende aus dem letzten Jahr des vier Jahre dauernden BA, MA Studierende und PhDs versammelt). Außerdem kommen die 24 Studierenden (das ist die Höchstzahl für eine solche Vorlesung) aus allen Fächern der Geistes- und Sozialwissenschaften, da der Davis Chair „Interdisciplinary Studies“ gewidmet ist. Weiters hielt ich eine Departmental Lecture am 31. Jänner 2014 und den sogenannten Davis Chair Lecture am 27. März, eine public Lecture.

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Lehre und Studium

Anzumerken ist, dass das PhD Studium meistens 5-6 Jahre dauert und voll finanziert wird. Man muss sich dafür beim jeweiligen Department bewerben und wird interviewt. Dann wird ausgesuchten Studierenden ein PhD Platz angeboten. Daher gibt es auch nur wenige PhD Studierende. Da diese eben vollfinanziert sind, müssen die PhD Studierenden auch Pflichten als Tas (Teaching Assistants) wahrnehmen. Das heißt, sie werden jeweils einem/einer Lehrenden für 15 Wochenstunden zugeordnet und sind für die Verwaltung der Lehrveranstaltungen zuständig, was die Gesamtorganisation sehr erleichtert.

Die Bürokratie für GastprofessorInnen ist enorm: Viele Formulare müssen ausgefüllt werden, bis man die sogenannte „GO-Card“ erhält, einen Ausweis, der alle Türen öffnet, auch die Schranken des Parkplatzes (der einem aufgrund weiterer Ansuchen und gegen Bezahlung eventuell zugestanden wird). Es dauert, wie bei jedem Auslandsaufenthalt, einige Zeit, bis man sich zurecht findet, auf dem Campus wie auch im Department.

Unterrichten ist in den besonders guten amerikanischen Universitäten eine angenehme, aber dennoch große Herausforderung: Die Studierenden erhalten zu Beginn des Semesters eine genaue Stundenaufteilung und – definition (Course Syllabus), mit allen Themen der einzelnen Vorlesungen und allen dafür obligatorisch zu lesenden Artikeln und Buchkapiteln (diese sind in einem Online Forum zu finden). Die Studierenden lesen pro Woche ca. 80-100 Seiten und geben dazu zu Beginn jeder Vorlesung einen ein-bis zweiseitigen „reading report“ ab; diese lese und benote ich jede Woche. Die Reading Reports zählen zur Endnote dazu, abgesehen von einer Seminararbeit und einer Präsentation in der Klasse. Die Studierenden sind sehr gut vorbereitet, fragen und diskutieren viel, und arbeiten im zweiten Teil der dreistündigen Lehrveranstaltung in Kleingruppen, wobei sie in diesem Fall Textanalysen machen. Pünktlichkeit wird erwartet, die Benutzung von Smartphones, iPads und PCs während der Vorlesung ist verboten.

 

wodak_blog2Meine Aufgaben an der Georgetown University

Meine Vorlesung ist dem Themenbereich Discourse, Politics, Identity gewidmet. Ein Themenbereich, der hier auf großes Interesse stößt: Wir besprechen nicht nur politische Reden und Zeitungsberichte, sondern auch Social Media, wie Blogs, Twitter und Facebook. Beispiele kommen aus vielen Ländern und Sprachen, da – abgesehen von amerikanischen Studierenden – auch arabische, mexikanische, süd-koreanische und chinesische TeilnehmerInnen mit dabei sind. Wöchentlich halte ich auch eine Sprechstunde. Außerdem treffe ich wöchentlich die KollegInnen der Sprachwissenschaft bei den departmental lectures (jeden Freitag), wo sich immer interessante Diskussionen ergeben. Georgetown ist in den USA wahrscheinlich das berühmteste und beste Zentrum für Diskursforschung; insofern für mich und meine Forschungsinteressen ein echtes Paradies.

Diese Woche findet auch ein dreitägiger Workshop statt, mit dem Namen Discourse, Politics, Identity, an dem die Studierenden und auch einige Lehrende teilnehmen. Dies habe ich mit Hilfe meiner teaching assistants organisiert. Außerdem kommen auch vier Dissertanten aus Lancaster, sowie auch ein Lecturer aus Lancaster. Dr. Karin Stögner aus Wien, die hier zwei Monate mit ihrem Schrödinger Stipendium verbringt, nimmt ebenfalls teil.

Das universitäre Leben in Georgetown ist sehr anregend und aufregend. Wöchentlich finden interessante Veranstaltungen statt, da diese Universität auch zentral mit der Washington Administration in Verbindung steht. So konnte ich bisher einem sehr spannenden Panel zur Erinnerung an Martin Luther King beiwohnen, einem Vortrag von Steven Pinker und einer Diskussion mit Professor Elisabeth Warren, einer Senatsabgeordneten der Demokraten. Natürlich könnte man täglich etwas Interessantes hören, aber dazu fehlt die Zeit, da ich in Washington die Zeit nütze, um an einer Monographie zu arbeiten (The Politics of Fear. Analyzing Rightwing Populist Rhetoric, Sage), die ich im Juni abgeben soll.

Das Leben in Washington

Abgesehen von der Universität bietet Washington natürlich tolle Sehenswürdigkeiten und viel Kultur: Tolles, modernes Theater und Konzertaufführungen und auch viel Alternativprogramm. Besonders interessant war es, Mutter Courage auf Englisch zu sehen, mit Catherine Turner als Mother Courage. Und natürlich bieten Museen wunderbare Ausstellungen, die Library of Congress ist unbedingt einen Besuch wert und das Holocaust Museum ist pädagogisch großartig angelegt.

Insgesamt kann ich daher resümieren, dass sich der Forschungsaufenthalt für mich aufjedenfall lohnt und dass es wichtig ist, ein differenziertes Bild zu den amerikanischen Universitäten und von der amerikanischen Politik mitzubekommen.


Professor Dr Dr h.c. Ruth Wodak, AcSS
Distinguished Professor
Chair in Discourse Studies
Department of Linguistics and English Language
Lancaster University



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