Nikos, Grete, Panos – Studieren während der griechischen Militärdiktatur in Wien

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Herbst 1967

Nikos’ möblierte Wohnung in Gürtelnähe ist hell und vor allem warm. Er wohnt gerne dort und hat, ohne viel darüber nachzudenken, den Vorschlag eines griechischen Freundes abgelehnt, nächstes Jahr gemeinsam in das sich gerade in Umbau befindliche Studentenheim der Akademikerhilfe in der Pfeilgasse zu ziehen. Der LKW-Verkehr in den frühen Morgenstunden und das Vibrieren der Fenster verursachen ihm allerdings immer wieder Alpträume. Darin wiederholen sich die Ereignisse des April 1967, die den 21-jährigen Griechen nach Wien geführt haben.
Am 21. April war Nikos von einem dumpfen Geräusch aus dem Schlaf gerissen worden und hatte aus dem Fenster seiner Wohnung im Athener Stadtzentrum eine Panzer-Kolonne in Richtung Parlament rollen gesehen. Das Kettengerassel war ebenso ungewohnt wie furchteinflößend. Im Minutentakt berichteten die plötzlich gleichgeschalteten Sender des Rundfunks, dass die griechischen Streitkräfte zur Abwehr eines angeblich bevorstehenden kommunistischen Aufstands und zur „Rettung der Heimat“ eingegriffen und den Notstand ausgerufen hätten. Zwei Feldwebel der Militärpolizei hatten bald danach Nikos festgenommen; er wurde mit weiteren „Kommunisten“ in einem LKW zusammengepfercht. Sie wurden zur Pferderennbahn in der Nähe des Piräus-Hafens gebracht; viele von den insgesamt 8.000 dorthin verschleppten „Staatsfeinden“ wurden in den nächsten Tagen auf abgelegene Felseninseln der Ägäis deportiert. Konzentrationslager, die sogenannten „politischen Umerziehungslager“ aus der Zeit des Griechischen Bürgerkriegs, Griechischen Bürgerkriegs Die Geschichte Griechenlands in den 1940er Jahren ist neben der Besatzung durch Deutschland, Italien und Bulgarien auch durch den Bürgerkrieg zwischen dem bürgerlichen Lager und der Kommunistischen Partei Griechenlands (KKE) geprägt. Nach der Befreiung des Landes im Oktober 1944 eskalierten die Auseinandersetzungen unter Partisanenformationen und Kollaborateurmilizen zu einer militärischen Auseinandersetzung größeren Ausmaßes zwischen der Nationalarmee und der von der KP gesteuerten Demokratischen Armee, die 1949 mit dem Sieg der Nationalarmee endete. S. Ioannis ZELEPOS, Kleine Geschichte Griechenlands. München 2014 (Beck’sche Reihe 6121), S. 153-180. nahmen wieder ihren Betrieb auf. Aus „Kommunisten“ sollten „nationalgesinnte“ Griechen werden.

Abb. 1_Panzer_1967-4-21_greece01

Abb. 1:
Griechischer Panzer auf einer Athener Straße, 21. April 1967

Hier in Wien schreckt Nikos immer dann hoch, wenn in seinen Alpträumen Marschlieder und in ständiger Wiederholung die Nationalhymne erklingen, und er dazwischen die Parolen des Regimes zu hören glaubt wie damals aus dem Athener Radio. Dass er hier studiert, verdankt er seinem Onkel, einem hochrangigen Polizeioffizier, der für ihn an höchster Stelle intervenierte. Statt auf einer Schiffsfähre nach Giaros, Makronisos oder Leros saß er somit schon Anfang Juni 1967 in einem Zug nach Wien. Die Reise dauerte etwa vierzig Stunden; Zeit genug für Nikos, die letzten Wochen noch einmal Revue passieren zu lassen, vor allem den Moment, als ihm klar wurde, dass er nun sein Studium an der Universität Athen nicht mehr fortsetzen konnte, da die „Revolution des 21. April“ die Inskription linker Aktivisten unmöglich machte. Am Südbahnhof erwartete ihn ein Freund der Familie, der bereits Ende der 1950er Jahre aus der bitterarmen Epirus-Region zuerst in die BRD und dann nach Österreich emigriert war.

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