Politische Bildung als Werkzeug für eine funktionierende Demokratie von Lara Möller
am 7. Dezember 2017
ungefähr 7 Minuten
Themen: Ausbildung , Bildung , Demokratie , Politik , Semesterfrage

Politische Bildung als Werkzeug für eine funktionierende Demokratie

Lara Möller arbeitet am Zentrum für LehrerInnenbildung im Arbeitsbereich Didaktik der Politischen Bildung. Anlässlich der aktuellen Semesterfrage „Was ist uns Demokratie wert?“ bloggt sie über die Rolle von Bürger_innen in der Demokratie und den damit verbunden Herausforderungen für die Politische Bildung.

Für mich als Bürgerin und gleichzeitig auch als Wissenschaftlerin die sich mit Politischer Bildung beschäftigt, ist die Auseinandersetzung mit den vielfältigen immanenten Möglichkeiten einer Demokratie sehr wichtig. In diesem Sinne sehe ich eine funktionierende Demokratie als ein Rahmen, in dem gesellschaftliches Zusammenleben, Diversität, ein breites Spektrum an Partizipations- und Teilhabemöglichkeiten und die Wahrung der Menschenrechte prinzipiell möglich ist. In diesem Zusammenhang ist mir Demokratie viel wert und unser Alltag funktioniert nur, wenn wir innerhalb der Demokratie einerseits kritisieren können aber sie auch aktiv zu nutzen und zu beleben lernen!

Bürger_innen als „Motor“ dieser Demokratie

Politisch bin ich persönlich schon lange und Politische Bildung hat mich schon als Schülerin geprägt und mir Lust auf mehr gemacht. Mittlerweile gehört Demokratiedidaktik und in diesem Sinne auch Demokratie und zivilgesellschaftliche Partizipation mitunter zu meinen Forschungsschwerpunkten.

(c) Privat

Politische Bildung fungiert als Vermittlerin zwischen der Politik und den Bürger_innen und ist somit insbesondere in Zeiten von politischen und gesellschaftlichen Herausforderungen für unsere Demokratie wichtig. Aus diesem Grund benötigt eine funktionierende Demokratie für mich auch ein Mindestmaß an Politischer Bildung und deren stetige Weiterentwicklung, denn wiederum die Mitwirkung von uns Bürger_innen ist die Basis für die Demokratie. Für mich erfordert dies eine subjektorientierte Politische Bildungsarbeit „von unten“, also mit einem Interesse an den Bürger_innen als ein wichtiges Herzstück einer Demokratie. Die „innere“ demokratische Qualität basiert auf dem Zusammenleben in der demokratischen Gesellschaft, deshalb muss sich das Interesse subjektorientiert auf die Bürger_innen richten. Schließlich wächst eine funktionierende Demokratie nach Benjamin Barber und dessen demokratietheoretischen Konzept einer Starken Demokratie eben zum einen von unten nach oben und zum anderen von innen nach außen.

Wenn es um Politische Partizipation geht, denken viele zunächst an konventionelle Formen wie zB Wahlbeteiligung, Ausübung von politischen Ämtern oder Mitwirkung in Parteien, dies bezieht sich jedoch eher auf ein „enges“ institutionelles Politikverständnis und ist für einige Bürger_innen nicht zugänglich. Meiner Meinung nach sollte deshalb mitunter auch das insgesamt sehr breite Spektrum an unkonventionellen (hier ergeben sich vielfältige Formen wie zB Protest, Mitwirkung in Vereinen, ehrenamtliches Engagement, Bürger_inneninitativen und soziale Bewegungen) und nicht-formalen (diese werden zB in Form von Mediationen zur Lösung von Konflikten angewendet) Partizipationsformen vermittelt werden, denn somit können Bürger_innen unabhängig von Staatsbürger_innenschaft und sozialem Status sich vielseitig und stetig beteiligen. Hierbei wird politische Partizipation ausgeweitet und die Aktivitäten der Bürger_innen stehen im Vordergrund. Das ist wichtig für die Zielsetzung von Partizipation, politische Entscheidungen beeinflussen zu können und sich der eigenen Wirkungsmacht auch bewusst zu werden. Dadurch gelingt es, einen Zusammenhang zwischen dem Politischen und dem Alltag, den Erfahrungen, den Interessen und den Bedürfnisse der Zivilgesellschaft herzustellen. Für mich ist es also wichtig zu betonen: Demokratie muss bespielt werden, sie muss ausprobiert und erlebt werden, denn sie soll Mut machen und letztlich ihre Bürger_innen dazu befähigen, gemeinsam in ihr zu wirken und bestehen zu können. Auch für meine Entwicklung war das wichtig, denn ich habe unterschiedliche Teilhalbemöglichkeiten ausprobiert, in denen sich meine persönlichen Interessen und Erwartungen an Demokratie wiederspiegeln.

Herausforderungen einer sich wandelnden Demokratie

(c) Privat

Ich sehe unter anderem die Abwertung und Ausgrenzung von bestimmten sozialen Gruppen und eine Entpolitisierung von Bürger_innen als Herausforderungen für unsere heutige Demokratie. In diesem Sinne müssen wir Demokratiequalität kontinuierlich kritisch beleuchten, entsprechende Gefahren für das gesellschaftliche Zusammenleben müssen im Sinne ihrer (gesamt-)gesellschaftlichen Ausprägung selbstreflexiv vermittelt, hinterfragt und somit dekonstruiert werden. Herausforderungen im Kontext der sogenannten „Postdemokratie“ wie reduzierte Wahlbeteiligung, Politikverdrossenheit und politischer Vertrauensverlust sind ebenfalls wichtige Themen für die Gestaltung von politischer Bildungsarbeit. Auch nimmt die Skepsis gegenüber der Wissenschaft zu. Ich halte es daher für notwendig, didaktische Konzepte in Richtung eines weit gefassten Politikverständnisses zu entwickeln, das wie zuvor beschrieben über das institutionelle Spektrum reicht und allen Gesellschaftsteilen ein stärker lebensweltlich orientiertes Verständnis von Demokratie vermittelt. In diesem Zusammenhang ist die kritische Auseinandersetzung mit politischen und gesellschaftlichen (Macht – und Herrschafts-) Verhältnissen und das Hinterfragen möglicher Kontroversen notwendig. Wichtig ist mir auch, dass unsere Wissenschaft „greifbar“ und zugänglich für den gesellschaftlichen Alltag ist, damit wir auch junge Menschen erreichen und motivieren können.

Handlungs- und Interventionsmöglichkeiten durch Demokratiedidaktik

Didaktik der Demokratie soll grundsätzlich Vorstellungen und Verhaltensweisen vermitteln, anhand derer eine Persönlichkeitsentwicklung stattfinden kann, die ein gemeinschaftsverträgliches Zusammenleben innerhalb der Gesellschaft ermöglicht. Demokratie steht hier in einem Zusammenhang mit einem langfristigen Lernprozess. Meiner Einschätzung nach sollte dabei der Prozess eines lebenslangen Lernens stattfinden, dass Politische Bildungsarbeit sich also an alle Alters-, Bildungs- und Einkommensgruppen richtet. Sie sollte strukturell betrachtet bereits thematisch angepasst im Kindergarten ansetzen, in den unterschiedlichen Schulformen im Sinne eines „demokratischen Lernens“ fächer- und themenübergreifend ausgebaut und schließlich als eigenes Unterrichtsfach institutionalisiert werden. Ich selbst unterrichte angehende Kinder- und Jugendarbeiter_innen und weiß, dass Politische Bildung auch in der Erwachsenenbildung und der Jugend- und Sozialarbeit ein konstanter Bestandteil sein sollte.

Ein demokratisches Lernen muss neben einem Verständnis über die Strukturen und Prozesse innerhalb des politischen Systems also auch ein weites Politikverständnis vermitteln und dabei jene Themen fokussieren, die im Kontext von politischen und gesellschaftlichen Veränderungen und Herausforderungen eine gesamtgesellschaftliche Relevanz haben. Diese thematischen Bereiche bieten somit auch die Möglichkeit, didaktisch mit den Herausforderungen für die demokratische Gesellschaft umzugehen. In diesem Zusammenhang beschäftige ich mich in meiner Forschung einerseits mit dem sogenannten „Bürgerbewusstsein“ sowie mit Inklusionsmöglichkeiten im Kontext von gesellschaftlicher Diversität innerhalb einer Demokratie. Meiner Meinung nach sollte das Bürgerbewusstsein in einem möglichst breitenwirksamen Rahmen in sämtliche Lern- und Sozialisationsprozesse für die Bürger_innen als lebenslang lernende Subjekte integriert werden. Das Bürgerbewusstsein resultiert aus der Auseinandersetzung mit der politisch-sozialen Wirklichkeit und muss durch gezielte Lehr- sowie Lernprozessen entsprechend vermittelt und stetig gefördert werden.

Im Rahmen meiner Forschung interessiert mich, welche spezifischen Voraussetzungen Lernende für ein bestimmtes Thema mitbringen und wie sie mit diesem Thema entsprechend umgehen. Wichtig ist außerdem, was sich die Lernenden über gesellschaftliche Probleme jeweils vorstellen und was ihre entsprechenden „Denkwerkzeuge“ sind. Politische Bildung kann also an diesen spezifischen Werkzeugen arbeiten und dadurch die Reflexionsebene der Lernenden optimieren sowie die subjektive Urteils- und Kritikfähigkeit stärken.

Literatur

  • Hellmuth, Thomas (Hrsg.) (2009). Das „selbstreflexive Ich“. Beiträge zur Theorie und Praxis politischer Bildung. Innsbruck/ Wien/ Bozen: StudienVerlag.
  • Himmelmann, Gerhard (2007): Durch Demokratie-Lernen zum Demokratiebewusstsein. In: Lange, Dirk/ Himmelmann, Gerhard (Hrsg.): Demokratiebewusstsein. Interdisziplinäre Annäherungen an ein zentrales Thema der Politischen Bildung. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften. S. 26-40.
  • Kleinschmidt, Malte/ Lange, Dirk (2016): Demokratie, Identität und Bürgerschaft jenseits des Nationalstaats. Inclusive Citizenship Education als neuer Ansatz der Politischen Bildung. In: Forum Politische Bildung (Hrsg.): Informationen zur Politischen Bildung. Nr. 40. S. 13-19.
  • Lange, Dirk (2008): Bürgerbewusstsein. Sinnbilder und Sinnbildungen in der Politischen Bildung. In: Gesellschaft-Wirtschaft-Politik (GWP) Jg 57, Heft 3/ 2008. S. 431-439.

Links

Wenn ihr euch nach diesem interessanten Blogbeitrag für weitere Antworten zu unserer derzeitigen Semesterfrage interessiert, lest im uni:view Magazin weiter: www.semesterfrage.univie.ac.at.

 

 

 

 


Lara Möller

Lara Möller studierte Politikwissenschaft an der Universität Wien und arbeitet jetzt am Zentrum für LehrerInnenbildung im Arbeitsbereich Didaktik der Politischen Bildung. Sie forscht im Rahmen ihrer Dissertation zu Vorstellungen über Rassismus sowie zum Bürgerbewusstsein.



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