Religiöse Minderheiten in arabischen Staaten – Historie und aktuelle Situation

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Jesidische Pilger am Eingang zum größten jesidischen Heiligtum Lalish nördlich von Mossul, Irak. (Fotos: Stephan Procházka)

Die Ereignisse der letzten Wochen rund um die Schaffung eines „Kalifats“ unter dem Namen „Islamischer Staat“ (IS) brachten Syrien und den Irak wieder einmal in die täglichen Schlagzeilen. Abgesehen von den politischen Implikationen wird nun auch das Schicksal vieler kleiner Volksgruppen diskutiert, deren Existenz bisher im Schatten der großen Ethnien wie Kurden, Schiiten und Sunniten kaum wahrgenommen wurde.

Trotz einer eher minderheitenfeindlichen Politik der betroffenen Staaten findet sich in der Region des „Fruchtbaren Halbmonds“ bis heute eine Vielfalt an sprachlichen und religiösen Ethnien, deren Wurzeln oft bis in die Spätantike oder die Frühzeit des Islams zurückreichen. Neben den Kurden, die in vielen Regionen eigentlich die Mehrheitsbevölkerung darstellen und daher nur in gesamtstaatlicher Perspektive eine Minderheit sind, finden sich Dutzende andere Ethnien: Ohne Anspruch auf Vollständigkeit seien hier Araber in der Türkei, Türken und Turkmenen in Syrien und dem Irak, aramäische und arabische Christen in allen Ländern, die Armenier in Syrien sowie die religiösen Gemeinschaften der arabischen Alawiten und Drusen und die kurdischen Jesiden genannt.

Die historischen Gründe für diese sprachliche und religiöse Diversität sind vielfältig: Geographische Faktoren wie die Unzugänglichkeit der Bergregionen spielen dabei genauso eine Rolle wie die jahrhundertelange Herrschaft des osmanischen Vielvölkerstaates, in dem ethnische Zugehörigkeit von geringer Wichtigkeit war. Ein ganz wichtiger Faktor war aber natürlich die religiöse Toleranz, welche islamische Reiche ihren nicht-muslimischen Untertanen gewährten, soweit sie einer Buchreligion wie dem Judentum oder Christentum angehörten. Als sogenannte Schutzbefohlene konnten und können diese Gemeinden bei einem hohen Maß an innerer Selbstverwaltung unbehelligt ihre Religionen ausüben. Diese Toleranz war aber niemals eine Gleichberechtigung, und über die Jahrhunderte führten daher juristische und wirtschaftliche Diskriminierung zu Konversion und Abwanderung.

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Ein mit religiösen Symbolen geschmücktes Haus in dem hauptsächlich von Christen bewohnten Ort al-Qosh im Nordirak (Foto: Stephan Procházka)

Mit dem zunehmenden Einfluss der europäischen Großmächte im 19. Jahrhundert kamen die lokalen Christen häufig in den Verruf, illoyal zu sein, wodurch es nicht selten zu Übergriffen kam. Schon 1860 gab es ein Massaker an Christen in Damaskus, trauriger Höhepunkt dieser Entwicklung war die Verfolgung der Armenier im 1. Weltkrieg, bei der auch zehntausende aramäische Christen im Südosten der Türkei den Tod fanden. Mit dem Aufkommen des Zionismus und der Gründung des Staates Israel 1948 verschlechterte sich auch die Lage der jüdischen Minderheiten, deren viele 100.000 Menschen zählende Gemeinden bis auf wenige Reste ihre Siedlungsgebiete im Irak oder in Syrien verlassen mussten. Wie man sieht, fallen christen- und judenfeindliche Epochen historisch gesehen meistens in Zeiten überregionaler Auseinandersetzungen. Sonst war es für religiöse Gruppen essentiell, als eine der Buchreligionen anerkannt zu sein. Manchen gelang dies auch durch Geschick. So überlebte ein paganer Astralkult im heute türkischen Harran bis ins 13. Jahrhundert, weil man behauptete, der im Koran genannten Buchreligion der Sabier anzugehören, von der niemand so recht wusste, was sie eigentlich bezeichnet (wahrscheinlich war damit eine Täufersekte gemeint, die zur Zeit Muhammads in Arabien lebte).

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Kuppeln über dem Grab des jesidischen Heiligen Scheich Adi in Lalish, Irak (Foto: Stephan Procházka)

Wesentlich problematischer – und auch bei den aktuellen Ereignissen virulent – ist die Beziehung zu innerislamischen Abspaltungen wie den Alawiten oder Drusen, sowie zu nicht akzeptierten Religionen wie den Jesiden im Irak. All diese gelten den meisten Sunniten als Häretiker, die es zu bekämpfen gilt. Das Überleben dieser Gruppen war daher nur in entlegenen Gebirgsregionen und durch ein hohes Potential an Selbstverteidigung möglich. Brutale Konvertierungsversuche und Tötungen, wie sie jetzt von der IS gegenüber Jesiden und Alawiten berichtet werden, waren auch in der Vergangenheit keine Seltenheit, wenn die Staatsmacht stark genug war, um die Gebiete jener Gemeinschaften anzugreifen.

Mit der Unabhängigkeit der arabischen Staaten nach dem 2. Weltkrieg erlangten meist nationalistische Parteien die Macht, wodurch religiöse Fragen in den Hintergrund gerieten. Die Konfliktlinien verliefen entlang ethnischer Grenzen, in der gesamten Region insbesondere zwischen Kurden und Arabern beziehungsweise Türken. Der Umstand, dass die autonome Region Kurdistan im aktuellen Konflikt als sicherer Hafen für religiöse Minderheiten gilt, ist vor allem darauf zurückzuführen, dass derzeit – im Gegensatz zu Syrien oder dem restlichen Irak – die kurdische Identität durch nationalistische und nicht religiöse Diskurse geprägt wird.
Die säkular geprägten Ideologien der in Syrien und dem Irak jahrzehntelang herrschenden Baath-Parteien waren für die religiösen Minderheiten attraktiv, sodass sich etwa die Christen oft mit den Regimen arrangierten, da dies relative Sicherheit oder Wohlstand versprach. Den syrischen Alawiten gelang es ab 1970 überhaupt, die wichtigsten Posten im Staat inklusive des Präsidenten selbst zu besetzen. Diese „Herrschaft der Häretiker“ war nicht Wenigen in der sunnitischen Mehrheitsbevölkerung schon lange ein Dorn im Auge, was auch die schnelle Konfessionalisierung des Konflikts in Syrien erklärt.

Vom Zusammenbruch der politischen Ordnung – im Irak seit 2003, in Syrien ab 2011 – profitieren vor allem radikale sunnitische Gruppierungen, was die religiösen Minderheiten zunehmend ins Schussfeld beziehungsweise zwischen die Fronten geraten lässt. Festzuhalten ist hier allerdings auch, dass die für die Vergangenheit immer wieder postulierte Harmonie zwischen den Religionsgruppen auch eine romantisierende Sichtweise ist. Denn das Zusammenleben war auch vorher nur ein mehr oder weniger friedliches Nebeneinander, denn die Ablehnung der Alawiten, das Misstrauen gegenüber den Christen oder die Verachtung der Jesiden sind bestimmt keine Phänomene der letzten Jahre. Strukturelle und wirtschaftliche Diskriminierung führten etwa dazu, dass auch ohne direkte Gewalt 90 Prozent der türkischen Jesiden heute in Deutschland leben.

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Das alawitische Heiligtum von Scheich Ahmad al-Qirfis bei Baniyas in Westsyrien (Foto: Stephan Procházka)

Die Gruppe „Islamischer Staat“ setzt dagegen offen auf die Verbreitung von Angst und Schrecken, um ihre Auffassung eines reinen Islams durchzusetzen. Da haben natürlich die als „Teufelsanbeter“ gesehenen Jesiden keinen Platz, und man greift hier sogar auf Passagen im islamischen Recht zurück, welche die Versklavung von Nichtmuslimen erlauben. Genauso hart wird gegen andere „Häretiker“ wie Alawiten oder Schiiten vorgegangen. Deren Heiligengräber – für die IS nichts anderes als Götzentempel – werden geschändet und gesprengt, nicht einmal das auch von vielen Sunniten als heilig angesehene Grab des Propheten Jonas in Mossul blieb verschont. Natürlich geht es hier nur vordergründig um theologische Fragen, denn vor allem sind die Heiligtümer Symbole, deren Zerstörung für alle sichtbar die neue Ordnung manifestieren soll.

Der Umstand, dass dieses Vorgehen innerhalb breiter Bevölkerungsschichten keine Akzeptanz findet, ist nur ein schwacher Trost. Denn wenn die Minderheiten einmal vertrieben oder gar getötet sind, werden damit jahrhundertealte Kulturen und Traditionen aus der Region verschwunden sein.

Stephan Procházka
Institut für Orientalistik

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Kommentare

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  1. | Wolfgang Schuster

    hallo und kompliment für die zusammenfassung! ich selbst kenne diese gebiete von vielen reisen sehr gut und es ist einfach schrecklich zu sehen, was sich dort jetzt abspielt und wir das alles nie mehr so antreffen werden, wie wir es kennenlernen durften. lg w. schuster

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