Rückblick Ringvorlesung: Strategien gegen Vorurteile von Oliver Rathkolb
am 19. März 2018
ungefähr 3 Minuten
Themen: Erfahrungen , Forschende , Ringvorlesung , Studienangebot , Vorlesungsverzeichnis , Vorurteile , Zeitgeschichte

Rückblick Ringvorlesung: Strategien gegen Vorurteile

Univ.-Prof. Oliver Rathkolb ist Vorstand des Instituts für Zeitgeschichte und Leiter der beliebten Ringvorlesung „Abbau von Vorurteilen in unserer Gesellschaft“. In diesem Blogbeitrag beschreibt er seine Erfahrungen aus dem letzten Semester und die zentralen Ergebnisse des interdisziplinären Formats.

 

Diese Vorlesung zur Diskussion über den Abbau von Vorurteilen war in mehrfacher Hinsicht ein Experiment. Im regulären Unterrichtsbetrieb sind interdisziplinäre Ringvorlesungen für HörerInnen aller Fakultäten nicht besonders beliebt und bieten auch kaum Gelegenheit zur Diskussion und Vertiefung. Auf Vorschlag des Rektorats habe ich im Sommer dieses Projekt kurzfristig als Vorlesung mit Übung entwickelt. Eine hochkarätige Vortragenden-Gruppe folgte spontan meiner Einladung zur Mitwirkung. Da wir jedoch mehrfach überbucht waren, mussten wir letztlich aus studienrechtlichen Gründen auf Anwesenheitspflicht bestehen – konnten aber via Video Streaming die spannenden Vorträge überdies allen Interessierten anbieten.

Nach kleinen Anlaufschwierigkeiten – viele Studierende hatten vorher noch nie an Diskussionsgruppen zu Fragen aus Vorlesungen teilgenommen. Diese „discussion groups“ waren auch Teil der Benotung – gemeinsam mit Multiple Choice Test und einem Prüfungsessay.

Argumente zum Abbau gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit

Die Ergebnisse waren sehr kreativ und spannend, daher möchte ich sie kurz zusammenfassen: Zentrales Argument für den Abbau von gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit (z.B. Antisemitismus, Rassismus, Frauenfeindlichkeit, Behindertenfeindlichkeit, Autoritarismus), die sich in Vorurteilen manifestieren, ist die Bildung und der breite Zugang zu dieser.  Wichtig ist dabei die aktive Einbindung bildungspsychologischer Erkenntnisse. Umfassende politische Bildung kann hier ebenso wirksam werden wie die Kenntnis der rechtlichen Möglichkeiten, um gegen Exzesse wie Hate Speech und Diskriminierung vorzugehen – das ist gerade in Hinblick auf die Sozialen Medien relevant.

Wichtig ist es auch, immer wieder von Seiten engagierter MentorInnen (z.B. Lehrerenden und MitschülerInnen) konkrete Verhaltensweisen zu kommunizieren, um beispielsweise im Schulalltag gegen Diskriminierung vorgehen zu können. Spannend sind Ideen in Richtung Schulklassenaustausch aus dem urbanen und ländlichen Bereich, gerade vor dem Hintergrund der unterschiedlichen Migrationsanteile.

Überhaupt sind Vereine und andere zivilgesellschaftliche Akteure gefordert eine neue Form von Bildung zu entwickeln und auch im Alltag zu leben – auch um andere Lebensrealitäten kennen zu lernen und zu diskutieren. Konkrete Projekte zwischen unterschiedlichen Gruppen – nicht nur im urbanen Raum – wie Straßenfeste, Schulprojekte etc. können durch konkrete Kontakte Vorurteile abbauen. Auch hier ist die Interaktion mit den Bundesländern und dem ländlichen Raum anzustreben.

Klar ist die Ansage an PolitikerInnen:

Gerade in diesem Bereich ist es wichtig, mit einer sensiblen Sprache auf Probleme und Interessen aller Menschen einzugehen und Vorurteilen entgegenzuwirken und nicht zu reproduzieren. Sozialpolitik soll für soziale Gerechtigkeit sorgen, um aggressiven Vorurteilen die Basis zu nehmen – mit Hilfe einer faktenorientierten Kommunikation.

„Welch triste Epoche, in der es leichter ist, ein Atom zu zertrümmern als ein Vorurteil!“(Zitat wird Albert Einstein zugeschrieben)

Besondere Bedeutung kommt der Dekonstruktion von Kampfbegriffen in der aktuellen Vorurteilsdebatte zu – wie die verdeckte Rückkehr des „Rasse“- Begriffs, Asyl, Migration, Integration bis hin zur Debatte über positive Eugenik in modernen Reproduktionstechnologien beweisen. Immer wieder ist hier nicht nur die Bildung, sondern auch der Gesetzgeber gefordert, negativen Auswüchsen in der öffentlichen und auch der privaten Debatte Einhalt zu gebieten. Dabei muss aber gleichzeitig die Meinungsfreiheit und die Freiheit von Wissenschaft und Kunst gewahrt bleiben.

Essentiell ist auch ein bewusstes Agieren im Mediensektor durch mehr Qualitätsjournalismus, durchaus übersetzt im Boulevard und in den Sozialen Netzwerken.

Insgesamt gesehen lieferten die „Discussion Groups“ dieser Ringvorlesung eine Art Handbuch für Gesellschaft, Politik und Medien, um menschenverachtende Vorurteile abzubauen. Dabei wurde aber auch deutlich, dass diese Initiative nur durch eine breite Palette an Maßnahmen möglich ist. Der Anfang muss mit entsprechenden Bildungs- und Ausbildungsinitiativen gesetzt werden.


Mehr Interdisziplinarität und Vielfalt mit Ringvorlesungen

Lust auf mehr Interdisziplinarität? Eine Zusammenfassung der aktuellen Ringvorlesungen findet ihr im uni:view Magazin


Oliver Rathkolb

Oliver Rathkolb ist Professor am Institut für Zeitgeschichte der Universität Wien und Vorsitzender des internationalen Beirats zur Etablierung eines Hauses der Geschichte Österreich. Er forscht u.a. zur Europäischen Geschichte im 20. Jahrhundert, Österreichischen und internationalen Zeit- und Gegenwartsgeschichte im Bereich der politischen Geschichte und österreichischen Republikgeschichte im europäischen Kontext.
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