von Regina Maria Hirsch
am 12. Oktober 2017
ungefähr 8 Minuten
Themen: Auslandserfahrung , Erasmus , Jerusalem , Studierende

Shabbat Shalom und Ramadan Karim – Mit Erasmus+ International ein Semester in Jerusalem

Regina Maria Hirsch studiert Politikwissenschaft im Master und Orientalistik im Bachelor an der Universität Wien. Im Sommersemester 2017 absolvierte sie im Rahmen ihres Masterstudiums einen Forschungs- und Studienaufenthalt an der Hebrew University in Jerusalem mit dem Programm Erasmus+ International und bloggt für euch über ihre Erfahrungen.

Als Masterstudentin der Universität Wien habe ich mich im September 2016 für das Erasmus+ International Programm an der Hebrew University beworben und wurde zu meiner großen Freude nach dem Auswahlverfahren für den Studienplatz in Israel nominiert.

Mein Ziele

Jerusalemer Altstadt

Hauptziel meines Aufenthalts in Israel war Forschung für meine Masterarbeit zu betreiben. Diese Möglichkeit bietet das Erasmus+ International Programm für Master- und PhD-Studierende an, eine Teilnahme an Kursen an der Gastuniversität ist nicht verpflichtend. Thema und Methodik meiner Masterarbeit hatte ich vorher mit meinem Betreuer in Österreich besprochen. Und so führte ich in Israel dann eine Literaturrecherche und Experteninterviews durch, die meine Masterarbeit inhaltlich bereicherten. Neben der Forschungsarbeit belegte ich außerdem aus eigenem Interesse zwei Kurse aus dem Bereich Middle Eastern Studies und zwei Arabischkurse, um meine Sprachkompetenzen zu verbessern.

Nach meiner Ankunft im Februar 2017 begann ich in der ersten Woche bereits mit den zwei Arabischkursen, versuchte mich am Har Hatzofim-Campus (Mount Scopus), auf dem alles außer der naturwissenschaftlichen Fakultät der Uni untergebracht ist, zurechtzufinden und erkundete die Jerusalemer Altstadt, Tel Aviv und die beeindruckende Landschaft am Toten Meer.

Zu dieser Zeit wohnte ich noch in einer Air BnB-Unterkunft und später in einem Hostel, da ich mich dafür entschieden hatte, mir in der Stadt mit Israelis und nicht am Campus mit Internationals ein Zimmer zu suchen. In der zweiten Woche begab ich mich deshalb auf eine nervenzerreisende, aber glücklicherweise mit Erfolg gekrönte Wohnungssuche und landete schließlich in einer tollen Wohnung in der Nähe der Central Bus Station. Die Wohnung teilte ich mir mit einem liebenswürdigen Israeli mit jüdisch-orthodoxer Erziehung, der bei der Informatikfirma Intel arbeitete. Beispielhafter kann es kaum noch werden! :) Das viermonatige Zusammenleben und die unzähligen Gespräche mit ihm zählen zu den besten Erfahrungen, die ich in Israel machen durfte. In der zweiten Woche erstand ich außerdem das rentable Semesterticket für die Öffis in Jerusalem, eine israelische Handy-SIM und erkannte die Vorteile der App „Move It“ im Bezug auf Busverbindungen in Israel. In der dritten Woche begannen endlich auch die Graduate Kurse. Nach der Drop On-Drop Off Phase entschied ich mich, das Seminar „Spatial Planning in Contested Spaces: The Case of Israel and Palestine“ und die Ringvorlesung „ Global Jihad: Ideology and Politics“ zu belegen.

Mein akademisches Programm

Exkursion mit dem Kurs Spatial Planning in die Zone E1 an der Green Line

Spatial Planning in Contested Spaces: The Case of Israel and Palestine”: Nach einer kurzen historischen und geographischen Einführung fokussierte das Seminar auf Raumplanung in Israel, die vor den ethnischen und religiösen Zerwürfnissen im Land eine große Herausforderung für Geographen ebenso wie für die Politik darstellt und sehr oft als Instrument verwendet wird, um politische Ziele zu erreichen.

Global Jihad: Ideology and Politics”: Diese Ringvorlesung bestand aus Vorträgen über die wissenschaftlichen Projekte von Wissenschaftlern unterschiedlicher Departments der Hebrew University. Dieses Seminar vermittelte mir wertvolles Wissen über den Islam und die Möglichkeit kritisch über politische und soziale Entwicklungen im Nahen Osten und Europa zu reflektieren.

“Arabic Immersion Program – Advanced Fusha” und “Arabic Immersion Program – Advanced Amia”: Vier Mal pro Woche drei Stunden Arabisch waren sehr hilfreich und ich werde die Lehrveranstaltungen wie geplant für mein Arabischstudium in Wien anrechnen lassen können.

Die Hebrew University of Jerusalem bietet viele Möglichkeiten um interessante Aktivitäten und Konferenzen außerhalb der offiziellen Lehrveranstaltungen zu besuchen. In besonderer Erinnerung blieben mir eine Diskussionsveranstaltung mit dem deutschen Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier, die Besichtigung des israelischen Nuklearforschungszentrum Soreq und der Besuch der Holocaust-Gedenkveranstaltung im Mahnmal Yad Vashem an dem auch der israelische Präsident Reuven Rivlin, der israelische Premierminister Benjamin Netanyahu sowie mit Christian Kern zum ersten Mal ein österreichischer Bundeskanzler teilnahmen.

Rothberg International School

Zur Rothberg International School (RIS) sollte gesagt werden, dass sie ausschließlich von Austauschstudierenden und Mechina-Studierenden besucht wird. Mechina ist ein einjähriges Geschichts- und Sprachprogramm für Studierende, die auf einer Universität in Israel studieren möchten. Mechina-Studierende sind vor allem Palästinenser, was natürlich eine tolle Möglichkeit bietet, um auch sie kennen zu lernen. Ich würde empfehlen, nicht nur Lehrveranstaltungen der RIS zu besuchen, sondern auch das Angebot der Hebrew University selbst zu nutzen. Dort gibt es ebenfalls viele Kurse auf Englisch, und man lernt auch mehr Israelis kennen. In Jerusalem wollte ich auch unbedingt meine Arabischkenntnisse verbessern. Dieses Vorhaben war wegen der hingebungsvollen Arabischlehrer am RIS mit Erfolg gekrönt.

Der Har Hatzofim-Campus  ist räumlich vom Zentrum der Stadt getrennt (er liegt im palästinensischen Ostteil Jerusalems) und so etwas wie eine „International Bubble“. Darum würde ich zukünftigen Austauschstudenten raten, off-campus zu leben, die Wochenenden und die unendlichen Feiertage zu nutzen und viel zu reisen sowie das Gespräch mit Israelis zu suchen.

Allerdings hat die RIS natürlich auch positive Seiten, wie zum Beispiel die hingebungsvolle Studentenvertretung (die Madrichim), die immer wieder Ausflüge und Events veranstaltet. Das große Pessach-Abendessen „Seder“, das ich mit Hilfe der Madrichim bei einer israelischen Großfamilie (die ursprünglich aus der ehemaligen Sowjetunion eingewandert war) verbringen durfte, war eine tolle Erfahrung! Auch das administrative Personal an der RIS war immer sehr hilfreich und man konnte gut mit den Professoren in Kontakt kommen.

Meine Freizeit

Beim Ausflug zum Toten Meer

In meiner Freizeit besuchte ich regelmäßig eine nette Boulderhalle im Zentrum Jerusalems oder machte mit anderen Austauschstudenten, sowie israelischen und palästinensischen Freunden Tagestrips nach Bethlehem, Ramallah, Nablus, Hebron, Tel Aviv, Masada oder zum Toten Meer. Außerdem reiste ich mit meiner Familie und Freunden in den Norden an die Küstenstädte Akko und Haifa, sowie auf die Golanhöhen.

Besonders Camping auf den vielen dafür vorgesehenen Plätzen ist in dieser Region und überhaupt in ganz Israel sehr empfehlenswert. Das schönste Erlebnis war eine Wanderung in der Wüste Negev rund um den Krater Ramon: Vier Tage in der Wüste, bepackt mit 15 Kilo inklusive Zelt und Essen gemeinsam mit zwei Freunden und 12 naturbegeisterten Israelis.

Essen beim Shabbat Dinner

Mein Mitbewohner und ich veranstalteten auch ein paar tolle „Shabbat Dinner“ mit Freunden aus Israel und der ganzen Welt, genauso wie es in Israel üblich ist, denn Freitagabend wird dort mit einem großen Festessen gemeinsam mit Freunden oder Familie begangen.

Finanziell gesehen, präsentierte sich Israel teurer als erwartet. Vor allem Nahrungsmittel und Miete (monatlich in WG- oder Studentenheimzimmer ab 500€) sind um einiges teurer als in Österreich. Darum bin ich froh, zusätzlich Stipendien erhalten zu haben.

Mein Fazit zu meinem Auslandssemester

An der Klagemauer

Abschließend möchte ich sagen, dass 4½  Monate eigentlich zu kurz sind, um ein Land richtig kennen und verstehen zu lernen. Allein Jerusalem ist so vielfältig und es ist kulturell so viel los, dass man vom Staunen nicht mehr herauskommt. Man muss allerdings vorsichtig sein, von Jerusalem auf das ganze Land zu schließen. Vor allem wegen des strengen Einhaltens des „Shabbat“ in der (West-) Jerusalemer Öffentlichkeit kam es mir anfänglich oft vor, in Israel gäbe es nur religiöse oder sogar nur orthodoxe Juden. Dies ist natürlich ein Trugschluss. Tatsächlich identifizieren sich nur etwa 10% der israelischen Gesamtbevölkerung als „ultra-orthodox“ und weitere 40-50% als religiös oder traditionell. Israel hat also insgesamt eine große Vielfalt an interessanten Charakteren und Erlebnissen zu bieten! Mein Studien- und Forschungsaufenthalt in Jerusalem zählt daher zu den wertvollsten Erfahrungen die ich jemals machen durfte.


Regina Maria Hirsch

Regina Maria Hirsch studiert Politikwissenschaft im Master und Orientalistik im Bachelor an der Universität Wien. Im Sommersemester 2017 absolvierte sie im Rahmen ihres Masterstudiums einen Forschungs- und Studienaufenthalt an der Hebrew University in Jerusalem mit dem Programm Erasmus+ International.
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