Shake it, baby! Sport-BHs im Fokus von Michaela Haßmann MSc
am 30. April 2018
ungefähr 6 Minuten
Themen: Forschende , Forschung , Sportbekleidung , Sportwissenschaft

Shake it, baby! Sport-BHs im Fokus

Michaela Haßmann forscht interdisziplinär und praxisnah zu Sport-BHs und Compression Garments. In ihrem Blogbeitrag beschreibt sie ihre bisherigen Erfahrungen und Ergebnisse – und erklärt, was wissenschaftlich gesehen perfekte Sportkleidung ausmacht.

Zwei Jahre lang durfte ich die wissenschaftliche Leitung für ein Forschungsprojekt zur Optimierung von Sport-BHs übernehmen – in dessen Rahmen ich auch derzeit meine kumulative Dissertation verfasse. Es scheint offensichtlich, wer die Idee zu diesem Projekt gehabt haben muss – tatsächlich ist aber ein männlicher Kollege vom Institut für Sportwissenschaft auf mich zugekommen!

Jede/r hat schon einmal beim Joggen oder anderen Sportarten eine Frau gesehen, die dringend einen besser stützenden Sport-BH gebraucht hätte. Oder sogar einen Mann, dem ein solches Kleidungsstück auch gute Dienste leisten würde. Doch erstmal musste mich mein Kollege davon überzeugen, mich mit einem Thema auseinanderzusetzen, das zwar mehr als die Hälfte der Bevölkerung betrifft, über das aber meist eher spöttisch oder belustigend diskutiert wird.

Innerhalb einer Stunde Recherche stieß ich auf mindestens 100 Publikationen zu diesem Thema – woraufhin ich bereits wieder aufgeben wollte. Aber unter den Suchergebnissen befand sich auch eine Veröffentlichung, wo einem menschlichen Körper virtuell ein Kleidungsstück „angezogen“ wurde.

Das funktioniert mit Hilfe eines ingenieurwissenschaftlichen Berechnungsverfahrens,  einer Finite Elemente (FE)-Simulation. Sofort war mir klar, dass ich hier meine bisherige technisch geprägte Studien- und Berufslaufbahn ideal einbringen könnte. Daher suchte ich die Kooperation mit der Wiener Firma CAE Simulation & Solutions GmbH, ein Team aus ebenso sportaffinen wie wissbegierigen BerechnungsingenieurInnen.  Dann wurde in einem monatelangen Prozess des Brainstormings, Tüftelns und Schreibens ein Förderantrag verfasst, eingereicht – und abgelehnt.

Aber anstatt den Kopf in den Sand und den Antrag in die Rundablage zu stecken, haben wir ihn gemeinsam gründlich überarbeitet, und mit Anita GmbH und ODLO AG zwei Bekleidungshersteller gefunden, die uns die benötigten Sport-BHs zur Verfügung stellten. So gelang es uns im zweiten Versuch, dem FemPower Call 2015 der Wirtschaftsagentur Wien, bis zum Hearing zu kommen und dort zu überzeugen. Danach wurde dieses Thema zur Dissertation angenommen, und die Projektarbeit konnte beginnen.

Mehr als nur Laufband-Tests

Die Finite Elemente (FE)-Modelle des weiblichen Oberkörpers entstanden aus den 3D-Scans der Teilnehmerinnen im Stehen auf einem Drehteller

Die Planung der Laboruntersuchungen gestaltete sich nicht minder aufwändig. Dass wir die Sport-BHs auf dem Laufband testen würden, um deren objektive Stützwirkung anhand der Brustbewegung zu ermitteln, war nur ein kleiner Teil des großen Ganzen. Von den Teilnehmerinnen wurden ohne und mit Sport-BH 3D-Scans angefertigt, um daraus FE-Volumenmodelle zu erstellen.

Um die Materialeigenschaften der weiblichen Brust zu ermitteln, wurde u.a. ein Ausschwingversuch durchgeführt, woraus Eigenfrequenz und Dämpfung der Brust berechnet wurden. Dadurch konnten wir den Teilnehmerinnen das Laufen auf dem Laufband ohne BH ersparen!

Die gesamte Testsituation wurde von allen 59 Teilnehmerinnen zwischen 19 und 67 Jahren als sehr angenehm empfunden, auch weil ausschließlich weibliches Untersuchungspersonal anwesend war. Das überwältigende Interesse an dieser Studie – wir hätten mindestens doppelt so viele Frauen testen können – zeigte uns, wie dringend derartige Untersuchungen benötigt werden.

Für das FE-Modell der Sport-BHs mussten ebenfalls Geometrie und Materialeigenschaften ermittelt werden. Die verwendeten Stoffe und elastischen Bänder wurden einer Zugprüfung und einem Biegetest unterzogen. Zusammen konnte somit ein Computersmodell erstellt werden, um das Anziehen des Sport-BHs und den Kontaktdruck zwischen Oberkörper und Sport-BH zu simulieren.

Was macht also einen perfekten Sport-BH aus?

An kaum ein anderes sportliches Kleidungsstück werden so viele unterschiedliche Anforderungen gestellt wie an einen Sport-BH. Entsprechend dem Zeitgeist spiegeln sich feminines, attraktives Aussehen und sportive Attitüde in Form, Farbe und Design von Sport-BHs wider. Sportbekleidung muss zweckmäßig, haltbar, leicht zu reinigen und dabei formstabil sein, den Schweißabtransport ermöglichen – und natürlich gut stützen.

Präsentation des Projektes bei der Langen Nacht der Forschung 2018

Die hohe Individualität zeigt sich nicht nur in unterschiedlichen Präferenzen beim Design, sondern auch in Form und Eigenschaften des Brustgewebes. Alter, Schwangerschaften, Gewichts- und Zyklusschwankungen haben hier einen großen Einfluss. Keine Brust gleicht der anderen – nicht einmal die linke der rechten. Die benötigte Trägerform hängt zwar u.a. auch von der Schulterform ab und beeinflusst den Tragekomfort, nicht aber die Stützwirkung. All diese Aspekte wurden mit einem Fragebogen bei der Laboruntersuchung erhoben.

Ein wörtlich großes Problem stellt die Größen-Problematik dar: die vom Hersteller angegebene BH-Größe aus einer Zahl für den Unterbrustumfang und einem Buchstaben für die Körbchengröße (z.B. 75B) ist keine zuverlässige Information für die Passform! Dies führt v.a. bei Online-Käufen zu großen Schwierigkeiten bei der Auswahl der richtigen Größe. Ein Test der Stützwirkung am Laufband, ähnlich der bereits häufig angebotenen Laufschuhtests, wäre also dringend empfehlenswert.

Compression Garments: Nur Show oder tatsächliche Wirkung?

Die weibliche Brust sollte beim Sport gestützt werden, da sie selbst keine Muskulatur besitzt. Ein ähnliches Prinzip verfolgt die immer beliebter werdende sportliche Kompressionskleidung, nur dass dabei Muskeln unterstützt werden sollen. Zur physiologischer Wirkung von Compression Garments sind sowohl die subjektive Einschätzung der SportlerInnen als auch die wissenschaftliche Studienlage nicht eindeutig. Problematisch sind die fehlende Normierung von Kompressionskleidung im Sportbereich und – wie bei den Sport-BHs – die nicht idealen Größenbezeichnungen. Daher befindet sich das nächste Forschungsprojekt zu diesem spannenden Thema derzeit in der Planungsphase.

Beide Projekte wurden bei der Langen Nacht der Forschung 2018 der Öffentlichkeit vorgestellt. Der enorme Andrang und die durchaus kritischen Fragen waren für uns zusätzliche Motivation, uns weiterhin mit dem Thema der schwingungsreduzierenden Sportkleidung auseinanderzusetzen. Hoffentlich gelingt es uns damit, einen weiteren Beitrag zur Klärung wichtiger Fragestellungen rund um diesen aktuellen Trend zu leisten.

Literatur:

  • Bowles, K.-A., Steele, J. R., & Munro, B. J. (2012). Features of sports bras that deter their use by Australian women. Journal of science and medicine in sport, 15 (3), 195–200.
  • Hassmann, M., Stöger, S., Mentel, N., & Krach, W. (2017). Bending behaviour of sports bra fabrics: Experimental and Finite Element simulation of ASTM D1388 Cantilever test. Vlákna a Textil / Fibres and Textiles, 24 (1), 73–77.
  • Haßmann, M. (2017). Das Schwingungsverhalten der weiblichen Brust. 23. Sportwissenschaftlicher Hochschultag der Deutschen Vereinigung für Sportwissenschaft.
  • Lin, Y., Choi, K.-F., Luximon, A., Lei Yao, Hu, J., & Li, Y. (2011). Finite element modeling of male leg and sportswear: Contact pressure and clothing deformation. Textile Research Journal, 81 (14), 1470–1476.
  • Lötzerich, H. (2016). Effects of compression on performance and regeneration. Veins and Lymphatics, 5 (1), 5993.
  • Scurr, J. C., White, J. L., & Hedger, W. (2011). Supported and unsupported breast displacement in three dimensions across treadmill activity levels. Journal of Sports Sciences, 29 (1), 55–61.

Michaela Haßmann MSc

Michaela Haßmann MSc, geb. am 18.06.1985 in Wien, hat den Bachelor Mechatronik (FH Wiener Neustadt) und den Master Sportgerätetechnik (FH Technikum Wien) absolviert. Sie arbeitete als Fitnesstrainerin, technische Angestellte und wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Sportwissenschaft der Universität Wien. Ihre Begeisterung für Sport und ihre technische Ausbildung kann sie in interdisziplinären sportwissenschaftlichen Forschungsprojekten ideal kombinieren.
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