Sommer 1883: József, Kunstgeschichtestudent und Flaneur im Universitätsviertel

Es war ein heißer Nachmittag im Frühsommer 1883, und der trockene Wind wirbelte den Staub auf, der die Wiener Ringstraße bedeckte. József hatte gerade den schattigen Weg im Volksgarten verlassen und bog nach rechts in Richtung Universitätsgebäude.

Abb_1_B10308522T10308528

Abb. 1:
Raoul Korti, Ringstraße, um 1883: Aufnahme vom Palais Epstein mit Blick auf Parlament (eingeplankt), Rathaus und Burgtheater (beide noch im Bau) sowie Universität (Bildarchiv Austria der Österreichischen Nationalbibliothek Wien, Inv.Nr. KO 2013C – http://www.bildarchivaustria.at/Pages/ImageDetail.aspx?p_iBildID=10308522)

Er wollte seinen Freund Sándor treffen, dessen Vorlesung im  Josephinum Josephinum Das Josephinum in der Währingerstraße wurde im Jahr 1784 von Kaiser Joseph II. als k. k. medizinisch-chirurgische Josephs-Academie gegründet. Im Sinne der durch den Leibchirurgen Giovanni Alessandro Brambilla durchgeführten Reformen des Militärsanitätswesens diente das Josephinum der Ausbildung von Militärchirurgen sowie Wundärzten, die hierbei – im Gegensatz zum universitären Medizinstudium – sehr viel praxisnäher und spezialisierter an ihre Aufgaben herangeführt wurden. Vgl. Markus SWITTALEK, Das Josephinum. Aufklärung, Klassizismus, Zentrum der Medizin. Wien techn. Diss. 2011. in der Währingerstraße stattfand. Vor etwa zwei Jahren war er gemeinsam mit Sándor aus Györ nach Wien gekommen, um hier an der bedeutenden Universität zu studieren. Von ihrer Heimatstadt war es exakt gleich weit zur Universitätsstadt Budapest wie nach Wien. Von einer Ausbildung an der ersten Universität des Habsburgerreichs und den Kontakten in der expandierenden Residenzstadt erhofften sich besonders ihre Eltern viel für die Zukunft ihrer Söhne. Sándor, der sich nun in Wien konsequent Alexander nennen ließ, folgte dem Wunsch seines Vaters und hatte sich für das Medizinstudium entschieden. József hingegen hatte sich schon immer für Geschichte interessiert, und auch für Architektur. Als wäre es gestern gewesen, erinnerte er sich an die Baustelle der großen Synagoge in Györ Synagoge in Györ Die Synagoge in Györ wurde 1868–1870 durch Károly Benkó errichtet. , an den Geruch des Mörtels und der frisch gesägten Holzbalken. Zum Zeitpunkt der Einweihung war József noch ein Kind, aber seitdem war er fasziniert von den zahlreichen Möglichkeiten, Räume zu erschaffen und zu gestalten. Jetzt strömte ihm aus dem fast fertigen Bau der Wiener Universität am Ring ebenfalls der Geruch von frischem Putz, Farbe und Holz entgegen, und er sehnte sich danach, dass der Neubau endlich eröffnet würde. Dies natürlich nicht nur wegen seiner fast kindlichen Freude auf das Eröffnungsspektakel, sondern vor allem, weil das neue Gebäude das Studieren so viel leichter machen würde, so hoffte er zumindest.

Abb. 2_Bilder-503722-390572-1600

Abb. 2:
Heinrich von Ferstel, Reinzeichnung der Hauptfassade der Universität Wien, wie sie zum Zeitpunkt ihrer Fertigstellung aussehen sollte, 1872/73 (Archiv der Universität Wien, Inv.Nr. 109.1.12.12).

Seite 1 | 2 | 3 | 4

Kommentare

Hinterlasse deinen Kommentar

*