Student*innen: Ihr wisst doch was ich meine, oder?

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Wie auch letztes Jahr haben wir auch heuer wieder drei sehr intensive Tage in Berlin auf der re:publica Konferenz verbracht. Media, Research&Education, Science&Technology, Culture und noch einige weitere Punkte standen dieses Jahr auf dem Plan. Der eigene Themenschwerpunkt Science&Technology war 2014 neu und bot einige spannende Vorträge zu wissenschaftlichen Themen. Sie waren für ein breites Publikum, das aus den unterschiedlichsten Bereichen kam, so aufbereitet, das es für alle zugänglich und verständlich war. Die Science&Technology Beiträge findet ihr hier, einige davon wurden auch aufgezeichnet und können nachgesehen werden.

Das Social Media Team beschäftigt sich naturgemäß auch sehr viel mit Kommunikation, Sprache und Verständnis. Wir wollten also auch hier wissen, welche neuen Erkentnisse es gibt und worauf wir in Zukunft achten sollten. Einige interessante und durchaus neue Überlegungen bot der Vortrag von Anatol Stefanowitsch (Professor für die Struktur des heutigen Englisch an der Freien Universität Berlin). Er erzählte uns etwas über „Sprachpolizeiliche Ermittlungen„. Es ging darum, dass gerade im Internet die unterschiedlichsten Menschen aufeinandertreffen, die oft mit kommunikativen Missverständnissen zu kämpfen haben. Bei bestimmten sprachlichen Probleme versuchen wir, für uns selbst Lösungen zu finden. Diese Lösungen müssen aber nicht zwangsläufig in der breiten Community Anklang finden. Seien es gendergerechte Begriffsvarianten (StudentInnen, Student*innen, Student_Innen) , Ausdrücke, die aus verschiedenen Gründen aus dem Sprachgebrauch genommen werden sollten und auch der sensible Umgang miteinander, wenn es um neue Entwicklungen in der Sprache geht.

Der Grund für die umkämpften Sprachregelungen liegt darin, dass wir falsche Annahmen bezüglich der Funktionsweisen von Sprache haben.

Einige seiner Thesen haben zum Nachdenken angeregt, deshalb wollen wir sie gerne für euch noch einmal zusammenfassen:

– Schon in der Einleitung geht es darum, dass wir nur unbewusst die Form von Kommunikation wahrnehmen. Das heißt, wir erinnern den Inhalt meist sehr gut, die Grammatik und die genauen Wörter nehmen wir nur am Rande auf. Sie entscheiden aber ebenso darüber, wie wir Inhalte aufnehmen und darauf reagieren.

– Eine These, die sich übrigens durch sehr viele Vorträge der Konferenz zog: Oft bewertet man Aussagen, Ausdrücke, Wörter und Formulierungen danach, ob man sie selbst in Ordnung und passend findet. Wichtig wäre jedoch auch, sich zu überlegen, ob sie für die Personen und Personengruppen passend sind, die angesprochen werden. Nur weil man selbst einen Ausdruck „ja nicht so schlimm“ findet, muss das nicht heißen, dass er für die Person in Ordnung ist, die gemeint ist. Sprachliche Ausdrücke bedeuten das, was die Mehrheit damit verbindet. Wenn man hierbei unsicher ist, muss man auch nicht spekulieren, sondern einfach nur nachsehen, womit ein bestimmter Ausdruck mehrheitlich assoziiert wird und dann kann man überlegen, ob dieser Ausdruck noch dem entspricht, was man sagen möchte.

– Man kann nicht davon ausgehen, dass sich alle bezüglich eines Ausdrucks oder einer Sprachregelung einig sind, beziehungsweise ein allgemeiner Konsens darüber herrscht

Beispiel: Student*in (als Variante der gendergerechten Sprache)

Es gibt unterschiedliche Bedeutungen des Sternchens, die da wären:

Kleene: Zeigt das mögliche Wiederholen einer Kategorie an (in dem Fall des Buchstabens vor dem *)
Fußnote: In Texten werden Wörter mit Fußnoten auch mit einem Sternchen markiert
Auslassung: Siehe Foren, wo Beschimpfungen mit Sternchen ersetzt werden
Ungrammatikalisch: In der Sprachwissenschaft wird ein Sternchen eingesetzt um anzuzeigen, dass bestimmte Wortkombinationen nicht funktionieren

All diese Bedeutungen des Sternchens gab und gibt es zusätzlich zur gendergerechten Variante. Insofern muss man auch mit einer Verwirrung rechnen, in dem Moment, in dem eine weitere Bedeutung hinzukommt.

– Die Wortherkunft ist oft ein beliebtes Argument, um die richtige Verwendung eines Wortes zu rechtfertigen („Das kommt aus dem Lateinischen und bedeutet XY“). In der geschichtlichen Entwicklung können Wörter aber ihre Bedeutung verändern, zum Beispiel durch mehrheitlich negative Konotation, wodurch ein Ausdruck früher legitim war, er es aber deshalb heute nicht mehr sein muss.

– Zu guter Letzt ein Apell an die Harmonie: Vielleicht können wir viele Konflikte und Missverständnisse vermeiden, indem wir nicht automatisch von böser Absicht ausgehen, sondern davon, dass es die Person ehrlich nicht besser wusste und bei entsprechender Erklärung in Zukunft einen anderen Ausdruck verwenden wird. Etwas Rücksichtnahme und Entspannung kann uns auch bei neu aufgestellten Sprachregeln helfen, indem wir die Entwicklung abwarten, die eine neue Variante nimmt und damit leben lernen, dass sich die persönliche Lieblingsvariante für ein sprachliches Problem möglicherweise nicht großflächig durchsetzen wird.

Der gesamte Vortrag zum nachsehen:

Wie seht ihr Anatol Stefanwitsch’s Thesen? Könnt ihr Aspekte davon aufnehmen oder seht ihr die Sache ganz anders? Wir freuen uns auf eure Meinungen!

 

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Kommentare

  1. | Unterguggenberger Samuel

    Ich bin der Meinung, dass das Wort „Student“ keinesfalls diskriminierend ist.

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