am 12. Mai 2015
ungefähr 7 Minuten
Themen: Phänomenologie , Philosophie , Studierende

Über Bleistifte und Krankheit philosophieren – Teil 1

Maximilian Gregor Hepach studiert Philosopie an der Uni Wien. In seinem zweiteiligen Bericht von derTagung ‚Phenomenology and Health‘ an der University of Oxford erklärt er, was es heißt über Bleistifte und Krankheit zu philosopieren. (Bildquelle: Wikipedia)

In der öffentlichen Wahrnehmung krankt die Philosophie wohl vor allem daran, unzugänglich und lebensfern zu sein. In den folgenden zwei Beiträgen möchte ich hingegen zeigen, wie sich Philosophie nahezu von selbst aus unseren eigenen alltäglichen Erfahrungen entwickeln kann. Eine philosophische Schule, die sich dem Studium unserer (Alltags-)Erfahrungen verschrieben hat, ist die Phänomenologie. Ohne groß zu erklären, was Phänomenologie im Einzelnen genau bedeutet, wollen wir gleich damit beginnen, unsere alltäglichen Erfahrungen in einem neuen Licht nachzuvollziehen.

Im ersten Beitrag wollen wir uns dem äußerst alltäglichen Erlebnis zuwenden, einen Bleistift in der Hand zu halten, wobei sich hoffentlich zeigen wird, dass wir in einem solchen Moment eigentlich viel mehr ‘erleben’, als nur einen Bleistift zu halten. Im zweiten Teil wollen wir uns dann einem Erlebnisbereich zuwenden, der uns weit mehr in unserem Alltag beschäftigt: Das Erleben von Krankheiten. Statt uns aber ein Beispiel herauszusuchen, das wir dann untersuchen, möchte ich von meinem Besuch der Tagung ‘Phenomenology and Health’ berichten, auf der über unseren Umgang mit Krankheiten phänomenologisch reflektiert wurde.

Teil 1: Über einen Bleistift philosophieren

Phänomenologie, als philosophische Strömung und Denkweise, bedeutet im Wesentlichen nur, dass man sich an die eigenen Erfahrungen hält, wenn man die Welt, in der wir leben, verstehen möchte. Es geht also, wie es der Name schon andeutet, um die Phänomene, also wie uns etwas erscheint. Sich an die eigenen Erfahrungen zu halten klingt vielleicht erstmal nicht nach einer besonders großen bzw. neuartigen Leistung, bis wir uns mal überlegen, wie oft wir uns, in unserem Alltag, eigentlich n u r  an unseren eigenen Erfahrungen orientieren.

Nehmen wir zum Beispiel die alltägliche Erfahrung, einen Bleistift in der Hand zu halten. Was sagt uns diese einzelne Erfahrung über unsere Welt? Zunächst können wir feststellen, dass wir überhaupt e t  w a s bestimmtes in der Hand halten. Wenn wir auf den Bleistift schauen, sehen wir einen Bleistift, und nicht ‚ein farbiges Stück Holz‘, oder ‚ein Kunstwerk‘. Natürlich können wir uns vorstellen, dass unter gewissen Umständen dieser Stift uns auch bloß als ein Stück farbiges Holz erscheinen könnte, zum Beispiel, wenn er noch gar nicht angespitzt wäre und wir keine Mine sehen könnten. Wir können uns auch vorstellen, dass der Bleistift uns als ein Kunstwerk erscheint, zum Beispiel, wenn wir ihn in einem Museum wiederfinden sollten. Und doch ist er, so wie er in unserer Hand liegt, ein Bleistift. Selbst wenn wir ihn im Museum oder unangespitzt sehen würden, und nicht sofort erkennen könnten, würden wir bestimmt einen ‚Aha-Effekt‘ erleben, sobald wir erkennen, dass es e i g e n t l i c h  nur ein Bleistift ist.

Anhand dieses einfachen Beispiels sehen wir schon, dass wir nie bloß ’nackte Sinnesdaten‘ wahrnehmen, sondern dass unsere Wahrnehmung schon immer b e d e u t u n g s v o l l  ist. Wir sehen nicht ein Stück Holz vor uns liegen, und addieren dann seine Merkmale solange zusammen, bis wir es endlich als einen Bleistift erkennen, sondern uns erscheint dieses Stück Holz u n m i t t e l b a r  als Bleistift. Im gleichen Moment sehen und verstehen wir jedoch nicht n u r  den Bleistift. Ein Bleistift ist schließlich erst dann sinnvoll, wenn man mit ihm auf etwas schreiben kann. Wir sehen also den Bleistift, und wissen sofort auch um das Papier, auf das wir schreiben möchten, auch wenn es gar nicht da ist. Gerade wenn wir kein Papier zur Hand haben, verweist der Bleistift am drängendsten darauf, dass wir etwas brauchen, worauf wir schreiben können. Wenn wir dann endlich ein Blatt Papier gefunden haben, fällt es uns aber auf einmal schwer, die richtigen Worte zu finden. Der Bleistift verweist so also nicht nur auf die Dinge, die in unserer Umgebung liegen, oder auch nicht, sondern auch auf uns selbst: Wir erscheinen uns als zu müde zum Schreiben.

Der Bleistift ist natürlich nur ein kleines Beispiel. Er ist schließlich nicht nur auf das Papier und uns selbst, bzw. unsere Sprache – also die Möglichkeit zu schreiben – bezogen, sondern auf alle Dinge, die auf einem Schreibtisch liegen, also auch auf den Schreibtisch selbst, und das Zimmer, indem der Schreibtisch mit dem Papier, Lineal, Zirkel, Computer und Bleistift steht, und auf die Aufgabe, die wir mit dem Bleistift erledigen müssen, also auf die Schule oder Universität. Rein materiell verweist der Bleistift natürlich auch auf das Graphit und Holz, aus dem es besteht, und den Ort, an dem sie abgebaut wurden; auf die ArbeiterInnen, die den Stift hergestellt haben, und letztlich auch auf die Transportwege, also auch auf das Schiff, das Flugzeug oder den LKW, in denen der Bleistift oder seine Bestandteile transportiert wurden.

Bleistift
Bildquelle: Wikipedia

Wir haben uns jetzt ein ganz schönes Stückchen von dem Bleistift in unserer Hand entfernt, aber es sollte eines deutlich geworden sein: Wenn wir einen Bleistift in der Hand halten, und ihn als Bleistift erfassen, verstehen wir zugleich unendlich viel mehr als bloß, dass wir einen Bleistift in der Hand halten, auch wenn uns das meist nicht wirklich bewusst ist. Genauso wie das Papier uns erst dann durch den Bleistift bewusst wird, wenn wir keines mehr haben, wird uns erst die Person, die den Bleistift hergestellt hat, bewusst, wenn wir keinen Bleistift mehr kaufen können, weil sie gerade in der Bleistiftfabrik streiken. Sowohl das Papier, als auch die BleistiftherstellerInnen, haben wir zuvor schon immer verstanden, wenn wir mit einem Bleistift geschrieben haben, auch wenn uns das nicht bewusst war. Dieser Gedanke lässt sich natürlich nicht nur vom Bleistift her aufziehen, sondern letztlich von jedem beliebigen Gegenstand. Die Erfahrung des Bleistiftes in unserer Hand verweist uns also zu guter Letzt darauf, dass alle Dinge in unserer Welt uns schon immer in einem großen Verweisungszusammenhang erschlossen sind, in dem alles auf alles bezogen ist, und auf vielerlei Weise entdeckt oder erschlossen werden kann, zum Beispiel, wenn uns das Papier fehlt. Somit haben wir eine phänomenologische Grundfigur nachvollzogen: Von einer einzelnen subjektiven Erfahrung aus haben wir auf eine allgemeine Struktur geschlossen.

Für die weitreichenden philosophischen Konsequenzen dieser Überlegungen ist hier leider kein Platz, aber ich hoffe deutlich gemacht zu haben, wie viel wir schon entdecken können, wenn wir uns nur an unsere Wahrnehmung halten.

In diesem ersten Teil meines Beitrags haben wir uns mit dem recht belanglosen Beispiel eines Bleistiftes beschäftigt. Eine solche Rekonstruktion unserer Erlebniswelt kann jedoch für unser Leben weit folgenreicher sein, wenn wir uns das Phänomen der Krankheit anschauen. Im zweiten Teil meines Beitrages möchte ich darauf anhand der Tagung ‚Phenomenology and Health‘ näher eingehen.

Literatur

Haugeland, John: „Heidegger on Being a Person.“ In: Noûs 16, 1, 1982, S. 15-26.

Heidegger, Martin: Sein und Zeit. 19. Auflage. Tübingen: Niemeyer, 2006



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