Über Bleistifte und Krankheit philosopieren – Teil 2

Im ersten Teil  hat uns Philosophiestudent Maximilian Gregor Hepach die Denkweise der Phänomenologie erklärt, im zweiten Teil widmet er sich der Frage, wie Phänomenologie auf das Erleben von Krankheiten angewendet werden kann. Dazu begab er sich auf den Kongress „Phenomenology and Health“ an der University of Oxford. (Titelbild): Teyvan Pettinger/wikimedia).

Im Folgenden möchte ich nun anhand von drei Vorträgen, die im Rahmen der Tagung gehalten worden, verdeutlichen, wie Phänomenologie auf das Erleben von Krankheiten angewendet werden kann.

Vortrag Kirkengen: Biologische und phänomenologische Körper

In dem Vortrag The Biomedical and the Phenomenological Body – Any Difference? der Ärztin Prof. Kirkengen traf die Methode der Phänomenologie eindrucksvoll auf ihre eigene ärztliche Praxis. Sie beschrieb anhand eines Fallbeispiels wie schädlich der starre Ausgang von Krankheitsbildern sein kann:

Eine von ihr beschriebene Patientin zeigte im Laufe ihres Lebens viele verschiedene Symptome. Da die Medizin meist von ‚durchschnittlichen‘ Krankheitsbildern ausgeht, wurden ihre Symptome, die oft zeitlich versetzt auftraten, einzeln diagnostiziert, oder in Zusammenhang mit ein oder zwei anderen Symptomen gebracht, die gemeinsam wiederum ein Krankheitsbild ergaben. Die vermeintlich festgestellten Krankheiten wie Asthma, oder unbestimmte Krankheitsbilder wie Unterleibsschmerzen, wurden dann mit bestimmten Medikamenten und Therapien behandelt.

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Anhand der Grafik lässt sich die so entstandene Struktur nachvollziehen: Jeder Kreis ist ein Symptom, und die Linien, die die jeweilige Symptome verbinden, sind die Diagnosen/Krankheiten/Krankheitsbilder, welche sich aus den Symptomen ablesen lassen. Dabei werden schon einige Probleme deutlich:

  • Ein Symptom kann einem, mehreren oder keinem Krankheitsbild zugeordnet werden.
  • Hinzu kommt, dass die verschiedenen Medikamente, durch ihre Neben- und Wechselwirkungen, neue Symptome hervorrufen können.
  • Laut Kirkengen führen medizinische Behandlungen, in vielen Fällen notwendig, zu solch verwirrenden Strukturen, bei denen kaum deutlich wird, woran der/die PatientIn überhaupt erkrankt ist. Grund hierfür ist mitunter, dass sich die Behandlungen immer an ‚durchschnittlichen PatientInnen‘ und normierten Krankheitsbildern orientieren, sodass der Blick auf bestimmte Symptome durch die Brille verschiedener Krankheitsbilder bestimmt wird.
    • Oft werden PatientInnen zudem von verschiedenen FachärztInnen behandelt, die teils unabhängig voneinander diagnostizieren und Medikamente verschreiben.

Im Fall der beschriebenen Patientin führte das letztlich dazu, dass sie bis weit über das sechzigste Lebensjahr hinaus an verschieden unbestimmten bzw. wechselnden ‘Krankheiten’ litt.

Kirkengen zufolge ließe sich dieser Leidensweg umgehen, wenn man nicht bloß von dem biologischen Körper ausginge, sondern auch vom phänomenologischen. Man sollte also, statt die Symptome als biologische Tatsachen zu bewerten, das Erleben der Krankheit nachzuvollziehen. Durch den Blick auf alle Symptome, und die Rückfrage auf die möglichen Bedingungen ihrer Entstehung vor jeder Diagnose, gelingt es möglicherweise, den Blick frei zu machen auf ursprüngliche Ursachen, von denen sich alle Symptome herleiten lassen. Dabei werden Vorannahmen über Krankheitsbilder abgebaut, die eine maßgebliche Rolle bei der Konstitution von Krankheiten spielen. Im Fall der beschriebenen Patientin wurde so ein Trauma als Ursache aufgedeckt.

Vortrag Carel: Krank-sein als Philosophieren

Im ersten der zwei Hauptvorträge der Tagung fasste die Philosophin Prof. Havi Carel die Rolle der Phänomenologie im Umgang mit Krankheiten zusammen. Wichtig dabei war ihr eine positive Deutung der Krankheitserfahrung:

Eine Erkrankung wäre demnach eine unfreiwillige Einladung zum Philosophieren. Was die Phänomenologie als Methode versucht – die eigenen Vorannahmen auszuklammern und auf unsere Erfahrung zu reflektieren – dazu lädt eine Erkrankung von selbst ein: Nachdem man erkrankt ist, bleibt nichts mehr, wie es war, was zugleich in Frage stellt, warum die Dinge überhaupt so sind, wie sie sind. Ein zeitgenössisches Beispiel wäre, dass in der Erfahrung einer ‚Burn-out‘-Erkrankung ein kritisches Bewusstsein für allzu hohe Leistungsanforderungen erwachsen kann.

Zugleich lädt eine Erkrankung dazu ein, sich mit den ‚größeren‘ Fragen des Lebens zu beschäftigen: Demnach sei man in der Philosophie zwar auf der Suche nach der ‚Wahrheit‘, aber im Krankheitserleben auf der Suche nach dem guten Leben. Nicht selten gelten für Erkrankte nach der Erkrankung andere Wertvorstellungen als zuvor.

Doch die Krankheit eröffnet nicht nur neue Erfahrungshorizonte für diejenigen, die tatsächlich erkranken. Laut Carel sollten auch PhilosophInnen jene Einladung ernst nehmen, da die Erfahrung von Krankheit auch diejenigen zum Philosophieren ’nötigt‘, die sonst wenig Interesse am Stellen philosophischer Fragen haben. Somit stiftet die Krankheit einen gemeinsamen Boden zwischen allen Menschen, von dem aus philosophische Fragestellungen untersucht werden können.

Vortrag Sparrow: Was ‘behindert’ uns?

Im letzten Vortrag, über den ich hier berichten möchte, ging Dr. Tom Sparrow darauf ein, was es heißt eine Behinderung zu haben. Zunächst machte er darauf aufmerksam, wie schwierig es ist zu definieren, was eine Behinderung eigentlich ist. Zwar gibt es Versuche, anhand von vermeintlich objektiven Maßstäben zu bestimmten, welche Menschen in ihrem alltäglichen Leben daran gehindert werden, sich entfalten zu können. Aber es gibt dagegen viele Beispiele von Menschen, die, obwohl ihnen eine Behinderung attestiert wird, sich dadurch nicht in ihrer eigenen Entfaltung gehindert fühlen.

Demnach scheint es kaum möglich aus einer Dritten-Person-Perspektive darüber zu urteilen, was eine Behinderung ist, und was nicht, da im Fällen dieses allgemeinen Urteils die individuelle Erfahrung außen vor gelassen wird.

Die gängige Kritik an den Versuchen einer Definition von Behinderung aus individuellen Erfahrungen heraus ist jedoch, dass sich die Erfahrung von Einzelnen nicht verallgemeinern lässt. An genau dieser Stelle bietet jedoch die Phänomenologie eine mögliche Lösung an, da man zwar von einzelnen Erfahrungen ausgeht, aber durch die Reflexion auf die Bedingungen der Möglichkeit jener Erfahrungen auf allgemeinere Strukturen schließen kann. Eine solche Struktur hatten wir im ersten Teil anhand des Bleistiftes aufgedeckt.

Genau dieses Projekt verfolgt nun Sparrow in seiner phänomenologischen Analyse von Behinderungen. Er begann mit der phänomenologischen Grundeinsicht, dass wir zwar einen Körper haben, aber ein Leib sind, d.h. dass die Erfahrung unseres Körpers nicht gänzlich an den physischen Körper gebunden bleibt, was zum Beispiel die Erfahrung von Phantomgliedern, und wie unser Körperbewusstsein kulturell variieren kann, erklärt. Unsere Umwelt und unser Körper bedingen sich, so Sparrow, gegenseitig.

Dieses Sich-bedingen wird besonders deutlich wenn man zu untersuchen beginnt, wie sich biologisches Geschlecht, soziales Geschlecht und sexuelles Begehren gegenseitig bedingen. Hier bezog sich Sparrow auf Sara Ahmed, die darauf hinweist, dass wir uns an unserem Geschlecht in der Welt orientieren, und so unsere Möglichkeitsspielräume – wer wir sind und was wir tun können – vorentworfen werden. Erinnern wir uns an unsere Überlegungen zum Bleistift, dann wissen wir schon, dass diese Möglichkeitsspielräume und unser Verständnis jener Spielräume überhaupt erst Erfahrung ermöglichen. Die wichtige phänomenologische Einsicht wäre hier, dass die patriarchalen Strukturen, die dem folgend in der Welt erscheinen, nichts Natürliches sind, und schon gar nicht auf biologische Tatsachen zurückgeführt werden können, da es gar nicht den Körper gibt, sondern eine ständiges Sich-gegenseitig-bedingen von Umwelt und Körper im Leib.

Umso spannender empfand ich diese Überlegungen, als Sparrow auf die phenomenology of race einging. Hier bezog er sich auf George Yancy, der beschreibt, wie die Bedingungen der Möglichkeit in der Welt zu sein von ‚weißen Männern‘ bestimmt werden. Das zwingt alle, die in der durch ‚Weiße‘ bestimmten Welt leben dazu, sich nach ‚weißen‘ Normen in der Welt zu orientieren und sich selbst in ‚weißen‘ Strukturen zu begegnen. Die Schwere dieser Einsicht wird deutlich, wenn man sich vor Augen führt, dass alle sich unter diesen Bedingungen selbst – und alles andere – entdecken, bevor sie sich überhaupt dessen selbst bewusst werden können. Die Identität aller wird maßgeblich durch ‚weiße‘ Normen bestimmt. So zitierte Sparrow, wie Yancy über seine eigenen alltäglichen Erfahrungen schreibt:

Ich fühle mich ‚draußen‘, ausgeschlossen von meinem Körper, ausgeliefert und verschlossen in weißen Lügen. In Wirklichkeit finde ich mich selbst in einem normativen Raum vor, ein historisch strukturierter und strukturierender Raum, durch den ich ‚gesehen‘ und a priori für schuldig gesprochen werde. (Yancy 2008, 2-3, 21, aus dem Englischen von mir)

Laut Yancy ist der ’schwarze‘ Körper von Anfang an so als undurchsichtig bedingt. Das unsichtbare Privileg ‚weißer‘ Körper, dass sie durchsichtig und unauffällig sind, wird ihm nicht zuteil. Er ist sich seinem Körper immer bewusst, weil sein Leib durch die ‚weiße Umwelt‘ mitbedingt ist.

Fazit

Dies schien mir ein besonders eindrucksvolles Beispiel für Phänomenologie zu sein: Wie sie bei der eigenen Erfahrung beginnt und zu allgemeineren Strukturen führt. Die Räume und Bedingungen, auf die hier verwiesen wurde, wirken sich auf alle aus, egal in welchem Kontext sie entdeckt wurden. Die Erfahrung von Krankheit bedeutet schließlich auch, dass der eigene Körper einem augenfällig wird – man nicht mehr so kann, wie man will – und das Privileg der Durchsichtigkeit nicht mehr genossen werden kann. Die Pointe ist, dass jene Erfahrung von Durchsichtigkeit oder Undurchsichtigkeit nie hätte aus einer objektiven Perspektive erschlossen werden können: Man musste von der einzelnen Erfahrung ausgehen.

Demnach mag die eigene Durchsichtigkeit ein wichtiges Merkmal für die Selbstentfaltung, für die Bestimmung von Behinderungen sein, das sich nur phänomenologisch erschloss.

Für Interessierte und KritikerInen stehe ich natürlich gerne zur Diskussion bereit und empfehle auch einen Blick auf die unten angeführte Literaturliste.

Literatur

Ahmed, Sara: Queer Phenomenology. Orientations, Objects, Others. Durham, NC [u.a.]: Duke Univ. Press, 2006.

Carel, Havi: „The Philosophical Role of Illness.“ In: Metaphilosophy, 45, 1, 2014, S. 20-40.

Ratcliffe, M., Broome, M., Smith, B. & Bowden, H.: „A Bad Case of the Flu? The Comparative Phenomenology of Depression and Somatic Illness.“ In: Journal of Consciousness Studies, 20, 2013, S. 198-218.

Waldenfels, Bernhard: Einführung in die Phänomenologie. München: Fink, 1992.

Yancy, George: Black Bodies, White Gazes: The Continuing Significance of Race. Lanham, Md: Rowman & Littlefield Pub, 2008.

Zahavi, Dan: Phänomenologie für Einsteiger. Paderborn: Fink, 2007.

Zahavi, Dan: Husserls Phänomenologie. Tübingen: Mohr Siebeck, 2009.

Vielen Dank an:

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The Oxford Research Centre in Humanities

Sowie:

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Wellcome Trust

Von:

Maximilian Gregor Hepach

Student der Philosophie an der Universität Wien

hepach@posteo.de

https://univie.academia.edu/MaximilianGregorHepach



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