Über Geld und Wissenschaft. Crowdfunding, why not?

Als ich unseren Vizedekan bei der Sponsionsfeier sagen hörte, „dass es Zeit wird für die Wissenschaft aus ihrem Elfenbeinturm zu kommen“ und „internationale Zusammenarbeit wichtig ist“ habe ich lächeln müssen. Sogar stolz lächeln müssen.

Es war nicht meine Sponsionsfeier (ich habe sowohl die Bachelor- als auch die Masterfeier versäumt) aber es war einmal mein Vizedekan und als Professor in Anatomie der Tiere einer von denjenigen, bei denen ich viel gelernt habe. Nachher, beim Essen mit der Familie der frisch gebackenen Fr. Mag. rer. nat., musste ich noch einmal darüber nachdenken, was gesagt wurde. Ich habe während meines Studiums in Biologie und Verhaltensbiologie an der Uni Wien tatsächlich viel Internationalität erfahren und habe selbst (nach anfänglichen bürokratischen Schwierigkeiten was die Anrechenbarkeit des österreichischen Bachelor-Abschlusses betrifft) in England meinen Master gemacht. Die Menschen mit den ich zusammengearbeitet und –geforscht habe, kamen von überall her und ich habe viele FreundInnen und Kontakte gewonnen.

Jetzt wieder in Österreich, am Anfang meines PhD-Studiums, kamen mir die Erfahrungen, die ich im Laufe dieser Zeit machen konnte, zu Gute. Ich bin die Thematik meiner Dissertation mit FreundInnen durchgegangen und habe auch Bekannte und neue Gesichter im Biologenumkreis gefragt, was sie davon halten und ob sie Verbesserungsvorschläge hätten. Mit dieser Herangehensweise hatte ich bis jetzt ganz gute Erfahrungen gemacht. Allerdings war ich erstmals erstaunt, was für Rückmeldungen ich bekam. Die KollegInnen, die ich um ihre Meinung bat, witterten Schwäche und Inkompetenz und fingen an, mich in Dingen Forschung von oben herab zu belehren. Andere, die ich lobte und denen ich Kontakte vermittelte, sahen mich nur groß an. Soviel zum Elfenbeinturm.

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Foto: Ich mit zwei der Field Guides in der Forschungsstation in Madagaskar. Die beiden haben sich sehr für mein Projekt letztes Jahr dort interessiert und werden nächstes Jahr wieder dabei sein.

Hier in Österreich sitzt immer noch jeder eifersüchtig auf seiner Forschung, gibt kaum etwas Preis vor Angst es könnte ihm gestohlen werden und teilt seine Erfolge und Kontakte selten. Ich war enttäuscht und kurz davor in die gleiche Haltung zu verfallen mit der ich (fast) überall konfrontiert wurde. Der Konkurrenzdruck zwischen den StudentInnen führte dazu, dass ich ungefragt kaum noch erzählte, dass ich letztes Jahr in Madagaskar auf Forschungsreise war. Es war wieder wie in den „Bachelortagen“ wo sich eine Kollegin zu mir setzte, nachdem meine erste wissenschaftliche Arbeit veröffentlicht worden war und mir ins Gesicht sagte, ich hätte ihr Leben ruiniert, sie fühle sich so unter Druck gesetzt durch meinen Erfolg.

Leute, wirklich? Warum misst man sich in einem Feld, in dem es noch so Vieles zu entdecken gibt, am Erfolg der anderen? Der Kern des Problems ist allerdings nicht die hierarchische Struktur der Universitäten in Österreich. Der Kern ist, dass man einen wissenschaftlichen Ruf haben muss, den man nur durch wissenschaftliche Publikationen bekommt, die man nur durch wissenschaftliche Förderungen bekommt, die man nur durch wissenschaftlichen Ruf bekommt. Also wenn man einmal in diesem Kreis hineingerutscht ist (oh du Glückliche) dann möchte man auch so wenig Konkurrenz wie möglich haben. Simple as that.
Allerdings bin ich nicht so geschaltet. Ich bin fest davon überzeugt, dass Wissenschaft Teamarbeit ist. Ich habe sie als solche kennengelernt und werde sie als solche weiterführen. Nur wie bekommt man dann Finanzierung für seine Vorhaben, wenn man möglichst außerhalb des oben erwähnten Kreislaufes agieren möchte? Wie macht man Wissenschaft so zugänglich, dass Menschen sich denken: „Das ist förderungswürdig“?

Die Antwort war einfach, aber kühn: Crowdfunding. Die Öffentlichkeit um Geld bitten, vorausgesetzt sie finden das Projekt interessant und wichtig genug. Während crowdfunding im deutschsprachigem Raum noch nicht verbreitet ist, finanzieren sich Entrepreneure in den USA und in England schon länger ihre Geschäftsideen oder Musikvideos mit den Mitteln der Massen. Aber Wissenschaft?

Das erste Bedenken ist, ob nicht die Qualität der Forschung darunter leidet, von jedem/jeder 0815-BürgerIn unterstützt zu werden. Ich sage darauf nur, dass ich fest davon überzeugt bin, dass die Qualität viel eher darunter leidet, wenn gar keine Forschung zustande kommt, weil die finanziellen Mittel fehlen. Was soll darunter leiden, wenn du den Leuten die Möglichkeit gibst, dich zu unterstützen? Das zweite Bedenken wäre, dann ob denn das, was man machen möchte, überhaupt interessant genug ist. Die Antwort darauf ist einfach: Lerne, es zu verkaufen. Mach deine Forschungsthemen der Öffentlichkeit zugänglich. Erkläre, was du machst und wieso. Du wirst das in der Zukunft brauchen, wenn die Geldmittel noch knapper, die Konkurrenz noch größer wird. Dann werden du (und dein Team) gut wegkommen, wenn du den GeldgeberInnen oder die 0815-BürgerInnen für dein Projekt interessieren kannst. Zu guter Letzt gibt es genügend Bereiche der Wissenschaft in denen man öffentliches Interesse braucht: Medizin und Artenschutz zum Beispiel.

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Foto: Ein Sahamalaza Wieselmaki, eine vom Aussterben bedrohte Lemurenart, die ich erforschen möchte. Die Forschung soll mit Hilfe von crowdfunding unterstützt werden.

So habe ich mich dann auch dazu entschlossen, mein PhD Forschungsprojekt über eine crowdfunding Seite teilweise zu finanzieren. Dass es kaum Webseiten aus Europa gibt war ein Dämpfer, aber nach einer Recherche und ein paar Erklärungen hat das Team der in den USA basierten Webseite http://experiment.com/ sich bereit erklärt, mein Projekt online zu stellen. Es geht nämlich um internationalen Artenschutz, um Primatenforschung an einer noch unbekannten aber vom Aussterben bedrohten Lemurenart in Madagaskar. Experiment.com sind hier einzigartig unter den Forschungs-Fundraisern, da sie nicht wie die meisten anderen, kleine Goodies oder Preise anbieten, wenn man für ein Projekt spendet. Hier steht die Forschung im Vordergrund und jeder und jede soll sich frei entscheiden können, unbeeinflusst von den Lockmitteln, welche Forschung er/sie unterstützen möchte.
Außer experiment.com gibt es noch viele andere Webseiten, die zeitweise recht kurzlebig sind. Ein paar erwähnenswerte Beispiele wären:

http://www.petridish.org/
Super schönes und übersichtliches Layout, einige Projekte (z.B. über den Gebrauch von DNA aus Museumsstücken zur Rekonstruktion ausgestorbener Arten) sind besonders spannend. Leider nehmen sie nur alle paar Monate neue Projekte auf.

http://sciflies.org/ und http://www.fundageek.com/ sind mittlerweile Klassiker und bei vielen bekannt. Wobei fundageek.com nicht nur für wissenschaftliche Projekte offen ist.

http://eurekafund.org/
Hat hauptsächlich technische Projekte, einige davon allerding mit weltweiten Auswirkungen.

Wie die meisten anderen hat aber auch experiment.com ein Alles-oder-Nichts Prinzip, bei dem das Fundingziel in einem vorher gesetzten Zeitlimit erreicht werden muss, ansonsten bekommt das Projekt kein Geld. Dies hat zu Folge, dass man entweder sein Projekt durchführen kann, oder eben nicht. Halbe Sachen werden nicht gemacht, sagt Andrew Wong vom Team. Ich habe dementsprechend nur noch ca. zwei Monate Zeit um mein Ziel zu erreichen, sonst wird den Lemuren dieses Jahr nicht geholfen und ich muss den altbewährten Weg der Grantanträge einschlagen. Immerhin habe ich es dann geschafft, meine Forschung öffentlich zugänglicher zu machen. Und vielleicht ein paar Menschen unbewusst etwas über Lemuren beigebracht.

Wer mein Projekt unterstützen möchte, findet es hier: https://experiment.com/projects/nightly-encounters-how-social-are-endangered-sportive-lemurs

Crowdfunding really puts the FUN into fundraising.

Isabella Mandl

Bachelor of Science in Biologie an der Uni Wien
Master of Science (by Research) an der University of Lincoln, UK
PhD bin ich an der University of Bristol, ebenfalls UK (von Wien aus, als Art Fernstudium)

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