UniClub-Workshop „Recht sprechen – fair verhandeln.“ von Robert Kert
am 13. Januar 2014
ungefähr 4 Minuten
Themen: diversity , Forschende , Jugendliche , Jus , Uni kennenlernen , UniClub , Workshop

UniClub-Workshop „Recht sprechen – fair verhandeln.“

Universität sollte etwas Offenes sein. Als WissenschafterInnen ist es nicht nur unsere Aufgabe, unser Wissen den FachkollegInnen und Studierenden weiterzugeben, sondern weit darüber hinaus. Es ist daher immer spannend und bereichernd, unser Fachwissen weiterzugeben an Menschen von außerhalb der Universität, insbesondere auch an Kinder und Jugendliche. Es ist zum einen eine Freude, mit welchem Engagement und Interesse diese sich mit wissenschaftlichen Fragestellungen auseinandersetzen. Zum anderen fordern uns die Fragen und Bemerkungen der Kinder und Jugendlichen heraus, unsere Positionen klar darzulegen und zu überdenken.

Im November 2013 gestaltete ich gemeinsam mit meiner Kollegin Andrea Lehner im Rahmen des UniClubs einen Nachmittag zum Thema „Recht sprechen – fair verhandeln. Wie durch ein faires Verfahren angemessene Strafen gefunden werden“. Zugegeben, das Gefühl vor einer Veranstaltung mit (fremden) Jugendlichen ist ein anderes als jenes  vor einer Lehrveranstaltung mit Jus-Studierenden. Wird das Vorbereitete die Jugendlichen interessieren? Welche Sprache verwende ich, damit sie für Jugendliche verständlich und trotzdem fachlich richtig ist? Wie kann ich sie mit den Fragestellungen in ihrem Lebensalltag abholen? Wird dieses Thema überhaupt eine/n 13-15jährigen am Samstag Nachmittag auf die Uni locken? Solche Fragen beschäftigten mich davor, obwohl ich einen ähnlichen Workshop schon einmal abgehalten hatte.

Kert1Die letzte Frage war schnell geklärt: 15 Jugendliche verschiedener geographischer Herkunft, mit unterschiedlichen kulturellen Hintergründen, aus verschiedenen Schulen und mit ganz unterschiedlichem Vorwissen kamen auf die Universität. Schnell waren wir mitten im Thema: Was empfinden wir als fair oder unfair? Nach anfänglicher Schüchternheit kann jeder von seinen Erfahrungen berichten.

Ziel eines Gerichtsverfahrens ist ein „gerechtes“ Urteil. Wann aber ist ein Urteil oder eine Strafe „gerecht“? Gibt es eine gerechte Strafe? Lässt sich dies allgemein sagen oder hat jeder Mensch eigene Vorstellungen von Gerechtigkeit? Muss Recht immer gerecht sein oder hat das nichts miteinander zu tun? Wie muss ein Gerichtsverfahren gestaltet werden, damit es als „fair“ angesehen wird? Ist es gerecht, jemanden, der für ein früheres Verbrechen Rache übt und jemanden verprügelt, ebenso zu bestrafen wie jenen, der ohne ein solches Motiv einen anderen verletzt? Was ist überhaupt Gerechtigkeit und wo erleben Jugendliche Gerechtigkeit oder Ungerechtigkeit? Die jungen Menschen erzählten spontan von ihren vielfältigen Erfahrungen von Gerechtigkeit und Ungerechtigkeit in ihrem Alltag – sei es durch LehrerInnen, Eltern oder andere Menschen. Schnell waren die Jugendlichen bei der Frage angelangt, ob es ungerechte Gesetze gibt und ob Gesetze überhaupt immer gerecht vollzogen werden.

Kert3So diskutierten wir, ob es eine gerechte Strafe überhaupt gibt und wie diese festgestellt wird. Würden wir alle in jedem Fall die gleiche Strafe verhängen? Schnell wurde klar, dass der Gesetzgeber weite Strafrahmen vorsieht, innerhalb derer Richter ein recht weites Ermessen haben. Die Jugendlichen erkannten, dass es schon in ihrem Lebensalltag schwer ist, Entscheidungen zu treffen, die von allen als gerecht empfunden werden. Umso schwerer ist es auch, Strafen zu verhängen, die von allen als „gerecht“ angesehen werden. Am Beispiel von Edward Snowden zeigten die Jugendlichen auf, dass jemand in einem Land streng bestraft werden soll, während er in anderen Ländern als Held gesehen wird. Schließlich beschäftigte uns unter anderem auch die Frage, ob die Todesstrafe jemals „gerecht“ sein könnte. Im Zuge dieses Gesprächs wurde uns auch klar, dass Zweck von Strafen nicht Vergeltung oder Rache, sondern die Prävention von weiteren Straftaten ist.

Kert4So gelangten wir zu der Erkenntnis, dass es schwierig ist, von einer „gerechten Strafe“ zu sprechen, dass aber Urteile so sein sollten, dass sie vom Beschuldigten und allen anderen akzeptiert werden können. Eine wesentliche Voraussetzung dafür ist, dass das Verfahren, in dem über die Schuld und die Strafe für den Täter entschieden wird, fair abläuft (Grundsatz des fairen Verfahrens). Es ist also ein faires Verfahren erforderlich. Um uns das zu veranschaulichen, machten wir ein Rollenspiel, in dem die Jugendlichen ein fair und ein unfair geführtes Strafverfahren spielten. Sie schlüpften in die Rollen von RichterInnen, Staatsanwälten, VerteidigerInnen, Beschuldigten und ZeugInnen. Schnell nahmen die jungen Schauspieler jenes Rollenverhalten an, das man in „echten“ Gerichtsverfahren auch sehen kann. Mit vollem Einsatz zeigten sie nicht nur ihr Gespür dafür, wann ein Verfahren fair oder unfair ist, sondern auch ihr schauspielerisches Talent. Nach einer Reflexion über das gespielte Strafverfahren ging ein spannender Nachmittag auch schon wieder zu Ende.

Weitere Fotos: http://www.univie.ac.at/diversity/598.html


Robert Kert

Assoz. Prof. für Strafrecht und Strafprozessrecht, Institut für Strafrecht und Kriminologie
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