Ursula, bewegte Studentin der Klassischen Archäologie und Alten Geschichte

Winter 1984

Das Zelt, in dem Ursula mit gleichgesinnten Freunden die letzte Nacht verbrachte, ist kalt und der Boden hart. Sie hat Rückenschmerzen und ist vor Kälte so durchgefroren, dass Zehen und Finger ganz steif sind. So müssen sich Studenten in früheren Jahrhunderten oft gefühlt haben, denkt sie sich – nur mit dem kleinen Unterschied, dass diese damals in ihren einfachen Unterkünften in Wien bibberten, sie im Dezember 1984 allerdings gut 50 km von Wien entfernt in der Stopfenreuther Au. Trotz der Kälte ist Ursula enthusiastisch, denn sie fühlt sich als Teil einer Bewegung, die für die Erhaltung der Auwälder und gegen den Bau des Kraftwerkes Hainburg auf die Barrikaden steigt.

Abb. 1_Pressekonferenz_Hainburg 2_Mittelblatt

Abb. 1:
Pressekonferenz der Tiere, 7. Mai 1984 (nach: Bernd LÖTSCH, Der österreichische Naturschutzpreis 1975–1985. Wien 1985; Archiv der Österreichischen Gesellschaft für Zeitgeschichte [ÖGZ], DO 744, M 51)

Aufmerksam gemacht durch eine spektakuläre  Pressekonferenz der Tiere, Pressekonferenz der Tiere Günther NENNING, Andreas HUBER (Hgg.), Die Schlacht der Bäume – Hainburg 1984. Wien 1985, S. 23-25; vgl. dazu http://orf.at/stories/2256539/. wie viele andere Studenten auch, hat sie sich den von der Hochschülerschaft mitorganisierten Protesten in der Hainburger Au angeschlossen; ausgerüstet mit ihrem Schlafsack, mit dem sie sonst während des Sommers Griechenland bereist, und einer halbwegs warmen Nato-Jacke. Diese war zwar von der letzten Demo der Friedensbewegung schon etwas mitgenommen, aber das Wärmste, das sie zum Anziehen hatte. Hier in Hainburg nahm Ursula nun in Kauf, in die Räumungsaktionen der Gendarmerie und der Polizei mit ihren Gummiknüppeln und Wasserwerfern involviert zu werden. Dass sie in der Au die Geburtsstunde des zivilen Ungehorsams in der Zweiten Republik, die inoffizielle Gründung einer neuen Partei und die Initialzündung für ein Umdenken in der österreichischen Energie- und Umweltpolitik miterlebt hat, wird Ursula erst ein paar Jahre später bewusst werden. Jetzt jedoch, nach diesen Eskapaden, wollte sie ihr Studentenleben wieder in normale Bahnen bringen.

Abb. 2_Hainburg

Abb. 2:
Demonstranten und Gendarmen in Hainburg, Dezember 1984 (Foto: Reinhard Golebiowski & Gerald Navara; nach: Bernd LÖTSCH, Der österreichische Naturschutzpreis 1975–1985. Wien 1985; Archiv der Österreichischen Gesellschaft für Zeitgeschichte [ÖGZ], DO 744, M 51)

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Kommentare

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  1. | Giulia

    Witzig, das alles hier so zu lesen, als sei es historisch. Da waren wir doch alle noch dabei – und auch in Göttingen hieß es, wenn man mal inskribiert sei, sei der schwierigste Teil des Studiums geschafft …
    Danke, hat Spaß gemacht, sich zu erinnern.

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