Vom Schicksal des Tastsinns in den Medien oder „Warum das Smartphone vibriert?“ am 14. November 2016
ungefähr 8 Minuten
Themen: Digitalisierung , Forschende , Medienwissenschaft , Semsterfrage

Vom Schicksal des Tastsinns in den Medien oder „Warum das Smartphone vibriert?“

Jana Herwig ist Universitätsassistentin am Institut für Theater-, Film- und Medienwissenschaft, sie erforscht den Zusammenhang von Haptik und Medialität. Im Uni Wien Blog setzt sie sich im Rahmen der aktuellen Semesterfrage mit der Frage auseinander, wie sich Sinneserfahrungen in die digitale Welt transportieren lassen.

Ein paar Fragen zur Semesterfrage…

Wie leben wir in der digitalen Zukunft? Was widerfährt dem Körper, wenn wir nicht nur unsere Gedanken, sondern auch unsere körperlichen Interaktionen und Begegnungen unter den Bedingungen digitaler Medientechnologien gestalten? Und wird es irgendwann möglich sein, sein Gegenüber dank medientechnischer Apparaturen nicht nur zu sehen und zu hören, sondern auch zu fühlen?

Bevor dieser Beitrag zur Semesterfrage konkret auf die Möglichkeit, den Tastsinn durch Medientechnik nachzubilden eingeht, möchte ich den Hintergrund der Frage, wie Medien und Sinne sich überhaupt zueinander verhalten, näher betrachten.

Technische Medien seit der industriellen Revolution sind immer wieder als Erweiterungen und Nachbauten der menschlichen Sinne und des Körpers gedeutet worden, am explizitesten womöglich im Konzept der ‚Organprojection‘, das Ernst Kapp 1877 in seinen Grundlinien einer Philosophie der Technik darstellte:

„Zunächst wird durch unbestreitbare Thatsachen nachgewiesen, dass der Mensch unbewusst Form, Functionsbeziehung und Normalverhältniss seiner leiblichen Gliederung auf die Werke seiner Hand überträgt und dass er dieser ihrer analogen Beziehungen zu ihm selbst erst hinterher sich bewusst wird.“ [1]

Fig. 20: Die eiserne Hand des Ritter Götz v. Berlichingen" in: Ernst Kapp, Grundlinien einer Philosophie der Technik. Zur Entstehungsgeschichte der Cultur aus neuen Gesichtspunkten, George Westermann: Braunschweig 1877, S. 102.
Fig. 20: Die eiserne Hand des Ritter Götz v. Berlichingen“ in: Ernst Kapp, Grundlinien einer Philosophie der Technik. Zur Entstehungsgeschichte der Cultur aus neuen Gesichtspunkten, George Westermann: Braunschweig 1877, S. 102.

Wo Kapp ein „Zustandekommen von Mechanismen nach organischem Vorbilde“[2] postulierte, sah Sigmund Freud den Menschen als „eine Art Prothesengott […], recht großartig, wenn er alle seine Hilfsorgane anlegt“[3] und erst durch diese überhaupt komplettiert: „Mit all seinen Werkzeugen vervollkommnet der Mensch seine Organe — die motorischen wie die sensorischen — oder räumt die Schranken für ihre Leistung weg.“[4]

Der für die geisteswissenschaftliche Medienwissenschaft so wichtige Philosoph und Querdenker Marshall McLuhan machte seinen Ansatz überhaupt am Verhältnis von Sinnen und Medien fest: Alle Medien seien Erweiterungen der Sinne, und nicht die explizierbaren Inhalte etwa von Zeitung, Radio, Fernsehen machten deren Wesen aus, sondern die Art und Weise, wie sie unsere Sinnesökonomie neu gestalten:

„Media, by altering the environment, evoke in us unique ratios of sense perceptions. The extension of any one sense alters the way we think and act – the way we perceive the world. When these ratios change, men change.“[5]

Somit ergänzen sich die Annahmen, dass Medien grundsätzlich in Sinnesrelationen eingreifen mit solchen, die Medien als Erweiterung, Verstärkung oder Ersatz eines Einzelsinnes sehen. Im Fall von Sehsinn und Hörsinn konnte das Projekt des medientechnischen Nachbaus im Spezifischen auf eine umfangreiche, philosophische und naturwissenschaftliche Wissenstradition zurückgreifen:

Perspektivische Zeichenhilfen der Renaissance wie Fadengitter oder Guckkasten, die Darlegung der Lichtbrechungslehre und der geometrischen Optik, sowie populäre Optikspektakel wie die Camera Obscura oder Laterna Magica trugen bei zur theoretischen Durchdringung der physikalischen Grundlagen des Sehsinns.

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Abbildung: Beschreibung der Funktionsweise von Brillen,  René Descartes, Discours de la méthode pour bien conduire sa raison et chercher la vérité dans les sciences. Plus la Dioptrique. Les Meteores. Et la Geometrie qui sont des essais de cete sic methode par Descartes, Ian Maire: Leiden 1637, S. 123.

Die Regeln der Physik der Akustik wurden evident gemacht durch experimentelle Instrumente wie das einseitige Monochord, dessen Tonhöhen metrisch bestimmt wurden, die sandbestreuten Metallplatten, mit denen Chladni im 18. Jahrhundert die Schallwellen visualisierte, sowie durch die kommerziellen Aufzeichnung- und Wiedergabe geräte des 19. Jahrhunderts wie den Phonographen und das Grammophon, von deren Funktionsweise man sich im Alltag überzeugen konnte.

Die Schwierigkeit den Tastsinn physikalisch zu beschreiben

Im Vergleich zu Augen und Ohr stellte der Tastsinn den Versuch der Rekonstruktion schon vor ein organisches Problem: Während Seh- und Hörsinn körperlich auf den Umfang von jeweils gut lokalisierbaren Doppelorganen beschränkt sind – zwei Augen und zwei Ohren für räumliches Sehen und Hören – durchzieht der Tastsinn den ganzen Körper. Zudem sind die Tasteindrücke vielfältig in einer Weise, die schon Aristoteles bekannt war:

„Mit ‚eigentümlich‘ meine ich, was man nicht mit einem anderen Sinne wahrnehmen kann und worüber man sich nicht täuschen kann, wie etwa das Sehen der Farbe, das Hören des Schalls und das Schmecken des Saftes; der Tastsinn aber ist differenzierter.“[6]

Zu den Aspekten der Tastwahrnehmung, die heute dem haptischen System zugeordnet werden, gehören etwa  Druck-, Berührungs- und Vibrationsempfindung, aber ebenso Selbstwahrnehmung des Körpers im Raum (Propriozeption) sowie Temperatur-  und Schmerzempfinden.[7]

Anstelle eines an einer Stelle registrierten Reizes, dessen Qualitäten zudem in einem dedizierten physikalischen Modell beschrieben werden konnten, setzen sich Tastempfindungen aus vielen verschiedenen Sinneseindrücken über den ganzen Körper verteilt zusammen. Dass dies den mechanischen Nachbau des Tastsinns erschwert, liegt auf der Hand.

Fortschritte mittels einer Kartierung des Tastsinns

In der Tat nimmt die systematische Erforschung des Tastsinns erst zu einer Zeit Fahrt auf, als die ersten Installationen zur auto-mechanischen Erzeugung von Seh- oder Höreindrucken marktreif werden. 1840, kurz nachdem Louis Daguerre sein Verfahren der Fotografie in der französischen Akademie der Wissenschaften vorstellte, legte Ernst Heinrich Weber mit De pulsu, resortione, auditu et tactu annotatines anatomicae et physiologicae  seine Forschung u.a. zu den sensorischen Schwellen der Tastwahrnehmung vor.

Diese war insofern bahnbrechend als sie replizierbare Ergebnisse in der Kartierung des Tastsinns lieferte: Mittels einer Zwei-Punkt-Stimulation durch eine Borste prüfte Weber, ab wann zwei Tastreize als voneinander getrennt wahrgenommen wurden. Die weitere Kartographierung und Klassifikation der Tastrezeptoren sollte es im Verlauf des 20. Jahrhunderts schließlich erlauben, diese gezielt zu adressieren – unter den Bedingungen der andauernden Herausforderung, dass der Tastsinn im gelebten Körper mehr ist als das, was an einer lokalen Stelle hervorgerufen werden kann.

Ein alles dominierendes Vibrieren

Experimentelle Anordnungen in der Kunst versuchen, hier ein weites Rezeptorenspektrum zu bedienen: Der 1993 von Stahl Stenslie vorgeführte CyberSM-Anzug – vom Künstler beschrieben als „one of the world’s first haptic, full-body, person-to-person communication systems“[8] – nutzte etwa vibrierende Schläuche, Wärmepads und milde Elektroschocks als technische Mittel der haptischen Kommunikation.

Aus der Rezeptorlehre leiten sich auch die gegenwärtigen, am Markt dominierenden haptischen Interfaces ab: Setzen Druck und Berührung doch das Stattfinden einer gewissen Bewegung im Raum voraus, lassen sich die empfindlichen Vibrationsrezeptoren der Haut bereits mit minimalen Ausschlägen stimulieren  – so eindimensional, so pointillistisch bis aufdringlich der Vibrationsanschlag des Smartphones in haptischer Hinsicht ist, so wenig kann er doch missachtet werden. In der Ära der Aufmerksamkeitsökonomie macht ihn das zu einem privilegierten Stimulus und so überrascht es nicht, dass auch die Social-Media-Anbieter der gegenwärtigen Medienkultur versuchen, das Eintreffen ihrer Alerts, Notifications und Messages in die Vibrationsmechanik des Smartphones einzuklinken.

Ein Ausblick?

Von der Vision einer medientechnisch vermittelten haptischen Wahrnehmung, wie sie um die 1930er Jahre mit dystopischem Akzent von Aldous Huxley (das Fühlkino, die feelies, der Brave New World) und utopisch von Salvador Dalí erdacht wurde (der den surrealistischen Effekten von toten Körpern auf der Leinwand durch das Greifen in Spachtelmasse verschärfen wollte) sind wir damit weit entfernt. Es fehlt die Möglichkeit den ganzen Körper medientechnisch zu adressieren.

Insofern wird das sinnlich überzeugende haptische Interface womöglich erst dann zur Verfügung stehen, wenn es gelingt, Körper zu replizieren. Ob dann eine Utopie oder eine Dystopie wahr wird, wird sich zeigen.

[1] Ernst Kapp, Grundlinien einer Philosophie der Technik. Zur Entstehungsgeschichte der Cultur aus neuen Gesichtspunkten, George Westermann: Braunschweig 1877, S. v-vi.
[2] Ebd., S. vi.
[3] Sigmund, Freud, Das Unbehagen in der Kultur, Internationaler Psychoanalytischer Verlag: Wien 1930, S. 50.
[4] Ebd., S. 48.
[5] Marshall McLuhan, The Medium Is the Massage: an Inventory of Effects. Mit Grafiken von Quentin Fiore, Gingko Press: Corte Madera 2001 [1967], S. 41.
[6] Aristoteles, Über die Seele: Griechisch/Deutsch, Gernot Krapinger (Übers.), Reclam: Stuttgart 2011, S. 91 bzw. [418a].
[7] Vgl. Jens Huppelsberg/Kerstin Walter, Kurzlehrbuch Physiologie, Georg Thieme Verlag: Stuttgart/New York 2009, S. 301–304.
[8] Stenslie, Ståle (Stahl), Virtual Touch. A Study of the Use and Experience of Touch in Artistic, Multimodal and Computer-Based Environments, Oslo School of Architecture and Design: Oslo 2010, S. 162.

Wenn ihr euch nach diesem interessanten Blogbeitrag für weitere Antworten zu unserer derzeitigen Semesterfrage interessiert, lest im uni:view Magazin weiter: http://semesterfrage.univie.ac.at. Im Forum von derStandard werden bis zum Semesterende vier ExpertInnen-Artikel veröffentlicht, dort habt ihr ebenso die Möglichkeit unseren WissenschafterInnenFragen zu stellen und mitzureden. Und vergesst nicht auf unsere abschließende Podiumsdiskussion am 16. Jänner 2017, alle Infos findet ihr hier.



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