Von der Uni in die Welt – Erfahrungsbericht einer Alumna von Julia Lindsey
am 11. Dezember 2017
ungefähr 5 Minuten
Themen: AbsolventInnen , Alumniverband , Erfahrungsbericht

Von der Uni in die Welt – Erfahrungsbericht einer Alumna

Julia Lindsey haben wir über die Alumni Map der Universität Wien gefunden. Die Alumna der Translationswissenschaft blickt humorvoll auf ihre Studienzeit zurück und erzählt von ihrem Werdegang.

Vier Jahre ist es nun her, dass ich mein Studium für Konferenzdolmetschen an der Universität Wien abgeschlossen habe, und noch immer blicke ich mit einer Mischung aus Wehmut und Erleichterung zurück. Wehmut kommt auf, weil man tatsächlich erst im Nachhinein erkennt, wie herrlich unkompliziert das Leben als Studierende war. Erleichterung empfinde ich – und auch ein wenig Stolz, auf das Fertigsein, den Sprung ins kalte Karrierewasser, auf das Strampeln und nach neuen Ufern Suchen, und schlussendlich auf das Schwimmen lernen.

Theorie und Praxis

Doch zurück zum Anfang. Nach der Matura und einem Jahr in Australien (ich musste weg, ganz weit und dringend) war klar, dass ich nicht rechnen, dafür aber ziemlich gut mit Sprachen jonglieren konnte. Über einen Abstecher in den Afrikawissenschaften und ein paar tolle Einblicke in das Swahili und Fulfulde fand ich mich im Herbst 2008 daher am Zentrum für Translationswissenschaft wieder. Dort absolvierte ich das Bachelorstudium für Transkulturelle Kommunikation in Englisch und Französisch, und gleich im Anschluss den Master für Konferenzdolmetschen, während dessen ich auch als Tutorin für wissenschaftliches Arbeiten auf unserem Institut unterrichten durfte.

In den alten, um nicht zu sagen abbruchsreifen Hallen der ehemaligen WU Wien am Währinger Park verbrachte ich fünf wunderbar chaotische und lehrreiche Jahre. Wehmut und Erleichterung kommen auch hier wieder auf, wenn ich an die Stunden im fensterlosen Audimax denke, in denen uns Fachterminologie eingepaukt wurde, die Schlangen vor dem Kakaoautomaten, der einzigen Nahrungsmittelquelle weit und breit, den mit stummen, aber durchaus tödlichen Blicken ausgefochtenen Kampf um die Sitzplätze am Boden neben den spärlich verteilten Steckdosen, die buchstäblich in der Luft hängende Frage, wann die Lampe samt Deckenplatte im Hörsaal 1 auf unsere Köpfe herunterbrechen würde,… hach, es waren wahrlich wunderbare Zeiten!

Julia Lindsey bei ihrer Abschlussfeier (©Julia Lindsey)
Julia Lindsey bei ihrer Abschlussfeier (©Julia Lindsey)

…Zeiten, in denen ich aber abgesehen von einem kritischen Auge für architektonische Baufälligkeiten auch andere wertvolle Kompetenzen mit auf den Weg bekam. Eine davon ist beispielsweise das gleichzeitige Zuhören und Sprechen (und zwar in einer anderen Sprache) zu erlernen, das beim Simultandolmetschen essentiell ist, und im Masterstudium in zahlreichen Übungen praktiziert und perfektioniert wird. Doch abgesehen von der richtigen Dolmetschtechnik werden schon im Bachelorstudium die Sprachkenntnisse in den jeweiligen Arbeitssprachen vertieft und ausgeweitet, denn das perfekte Beherrschen und im Grunde „Spielen Können“ mit der Sprache ist eines der wichtigsten Handwerkszeuge in unserem Beruf. Ebenso ist es wichtig, sich rasch aber intensiv mit neuen Themenfeldern auseinandersetzen zu können. Diese Fertigkeit kommt mir heute bei vielen verschiedenen Kongressen zugute, die sich um solch vielfältige Dinge drehen wie Wärmebehandlung von Maschinenteilen in der Automobilindustrie, die Sanierung von historischen Gebäuden, oder auch um politische und diplomatische Entscheidungen und Diskussionen.

Wunderbare Zeiten in jeglicher Hinsicht also, und das sage ich (fast) ganz ohne Ironie – wenn ich mich heute damit herumschlage, meine Steuererklärung für Selbstständige richtig auszufüllen, einem Kunden seit Monaten wegen einer offenen Rechnung für einen Dolmetscheinsatz nachlaufe und dabei überlege, ob es effizienter ist, die Windel meines einjährigen Sohnes jetzt zu wechseln, oder zu warten, bis er das gerade verabreichte Frühstück verdaut und zu dem schon jetzt zum Himmel stinken Inhalt seines Höschens hinzugefügt hat, dann sehne ich mich manchmal nach den Jahren, als meine gröberen Probleme sich um das Ergattern eines Platzes in der Simultan-Französisch-Übung gedreht haben.

Von Wien nach Brüssel und zurück

Ein Gebäude des Europaparlaments in Brüssel (©Julia Lindsey)
Ein Gebäude des Europaparlaments in Brüssel (©Julia Lindsey)

Und trotzdem – ich möchte keine der beiden Welten missen, hat ja auch die eine zur anderen geführt. Nach meinem Studienabschluss 2013 arbeitete ich zunächst ein Jahr in einer Schiedsgerichtskanzlei als Übersetzerin und Assistentin, spielte mit dem Gedanken an eine Dissertation (tue es noch immer, um ehrlich zu sein), und wagte dann den Sprung in die Selbstständigkeit als Dolmetscherin und Übersetzerin. Nach einem für mich überraschend erfolgreichen ersten Jahr erhielt ich eine Trainee-Stelle in der Generaldirektion Übersetzen der Europäischen Kommission in Brüssel und verbrachte fünf großartige Monate in der europäischen Hauptstadt, tagsüber für die EU übersetzend, nachts für meine Freiberuflichkeit, und ab und zu auch nach Wien für einen Dolmetscheinsatz fliegend – hatte ich doch Angst, meine gerade erst akquirierten KundInnen wieder zu verlieren. Anstrengend war es, aber missen möchte ich auch diese Erfahrung um keinen Preis.

Mittlerweile bin ich etwas entspannter, auf Holz klopfend kann ich sagen, dass meine berufliche Laufbahn in guten Bahnen verläuft, ich völlig unerwarteter aber erfreulicher Weise vor meinem 30. Geburtstag nächstes Jahr mit zwei Kindern dastehen werde und ich von Quartal zu Quartal weniger Angst vor der eintrudelnden Rechnung der SVA bekomme. Mehr und mehr merke ich auch, dass die Uni Wien mich wieder zu locken beginnt, vielleicht mit einer Lehrstelle, vielleicht mit einer Doktorarbeit… die Zeit wird es zeigen.

Alumnimap der Universität Wien (© Alumniverband Universität Wien)
Alumnimap der Universität Wien (© Alumniverband Universität Wien)
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Julia Lindsey

Julia Lindsey (geb. Schallauer) studierte Transkulturelle Kommunikation und Konferenzdolmetschen an der Universität Wien. Heute arbeitet sie als selbstständige Konferenzdolmetscherin.
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